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"Die Dreieinige Göttin", 55. Beitrag

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Charakteristik der Tageszeiten: 07. Der Abend

Wieder ist eine Zeitschwelle erreicht - diesmal jene vom Tage zur Nacht - und wieder ist sie in Zwielicht getaucht. Dämmerung senkt sich herab, lässt die Farben der Welt grau werden und löscht sie dann aus. Nach der gelösten „Atem-Pause" der Erde am Spätnachmittag beginnt jetzt die Zeit ihrer „Einatmung"; die Abkühlung der Luft und die Taubildung zeigen es.
Was erleben wir in diesen Abendstunden von 18 bis 20 Uhr? Wieder sind es zwei voneinander abweichende Eindrücke, die auftreten können, so wie ja auch der Abend gleichermaßen Ende des hellen Tages und Anfang der Nacht ist. Der Weg Richtung Nacht führt in unbekannte Gefilde. Die dunkle Seite des Tages ist uns nicht in gleicher Weise vertraut wie seine lichte. In den Weiten der Nacht erstrecken sich fremde, zum Teil unheimliche Bereiche und wir finden dort unterschiedliche Ebenen. Da gibt es Abgründe und Gipfel und alle Höhen und Tiefen dazwischen. Das meiste davon ist uns fremd. Die Nacht kann etwas durchaus Verlockendes an sich haben, so stark, dass sich bei ihrem Nahen angeregte oder aufgeregte Erwartungsstimmung einstellt; zugleich aber bedroht und ängstigt sie uns. Eine dritte Seite der Nacht ist schwieriger zu beschreiben und soll später thematisiert werden.
Im 7. Zwölftel des Tages, dem Abend, herrscht kurzzeitig eine Art Gleichgewicht zwischen dem sterbenden Tag mit all seinen vertrauten Elementen und den ersten Eindrücken der nahenden Nacht. Triviale Alltags-Impulse können dabei auftauchen, wie: „Das muss ich vor Dunkelheit noch fertig bekommen". Ebenso: „Vor Einbruch der Nacht sollten wir ankommen". Oder: „Es ist spät geworden, es dämmert schon. Sputen wir uns!". Hier verbirgt sich wieder ein vage spürbares Willenselement.
Im Jahreslauf entspricht dieser Tageszeit der September (Waage, 23.09. - 23.10.) mit der Herbst-Tagundnachtgleiche und dem Michaeli-Fest, dem Fest des starken Willens, dem Gedenktag des Erzengels, der den Drachen besiegt. Es ist die Zeit der Sternschnuppen, des Meteoreisens, das in die „fiebrig-chaotischen" Sommerdünste reinigend und heilend einschlägt. Doch die Willenskomponente hier hat keinen feurig-cholerischen Charakter, sondern wirkt „leicht" und gelassen, wie von selbstverständlicher Notwendigkeit. Um das zu verdeutlichen, mögen alte Bilder des Drachenkampfes hinzugezogen werden: Auf fast allen Darstellungen würdigt der Erzengel den Widersacher nicht eines Blickes, sondern richtet den Blick gelassen über den Wurm hinweg in die Ferne. So wird mit größter Selbstverständlichkeit Jahr für Jahr die „alte Schlange" besiegt", als wolle die Gebärde uns bedeuten, dass dieser Kampf eher eine hygienisch-therapeutische Maßnahme denn ein Kampf unter Gegnern sei: „Kämpfe an gegen Lug und Trug, gegen Schein und Illusionen, die sich im Laufe des Sommerhalbjahrs durch den Sinnenschein entwickelt haben, sonst reißen sie auch dich am Jahresende mit in den Tod!" Oder: „Wer die Maya (Schein und Täuschung) durchschaut, sieht, dass das Leben im Schoße des Dunkels nur ruht, nicht stirbt. Er sieht die Wiedergeburt des neuen Lebens für das künftige Frühjahr voraus; dies zeigen ihm die Knospen am Holz, die Samen im verrottenden Laub und das Korn in der Erde." - Oder heißt die bildliche Aufforderung: „Gehe auch du ins Dunkel hinein, aber richte den Blick voraus auf das Licht in der Finsternis, auf die Weihe der Nacht, die Weihnacht"?