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"Die Dreieinige Göttin", 54. Beitrag

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Charakteristik der Tageszeiten: 06. Der späte Nachmittag

Die große Erdausatmung, die am Morgen begann und deren Atemhauch weit in den Raum hinaus zog, war am frühen Nachmittag zu Ende gekommen. Jetzt, am Späten Nachmittag, ruht Mutter Erde gelöst zwischen Aus- und neuer Einatmung. Das Licht der Sonne ist sanfter geworden, es hat sich im Farbton nach Goldgelb hin verschoben. In der milderen Wärme des Spätnachmittags scheint die Zeit, die um den Mittag herum zu zögern schien, wieder zu erwachen und Fluss aufzunehmen.
Gegen Ende des Spätnachmittags strebt sie dann auf einen Wendepunkt zu: das Ende des lichten Tages. Alle Sinneseindrücke werden jetzt auf eine unbeschreibliche Weise intensiv und sind dabei doch von erschütternder Unwirklichkeit. Die Welt scheint mit einem Male von „Jenseitigkeit", ja, und auch von Abschiedsschmerz durchzogen, als könne jeder Blick, jeder Eindruck der letzte sein. So leuchtet die paradiesische Schönheit der letzten Tagesstunden noch einmal auf, bevor die Dunkelheit anbricht und alle Farben löscht. Die Spätnachmittage, vor allem die des Spätsommers, erreichen oft eine geradezu überirdische Intensität. Man könnte meinen, der Himmel habe sich geöffnet und tauche das weite Land in Ströme goldenen Lichts. Alle Naturreiche sind davon durchdrungen, alle Lebewesen halten den Atem an und selbst das sonst so Vertraute ist wie verwandelt: „Und alle deine hohen Werke sind herrlich wie am ersten Tag!" Der Goldgrund früherer Maler wird zum sichtbaren Erlebnis. Zwar spielt sich das Geschehen sinnlich wahrnehmbar ab, gerade so, wie andere, alltäglichere Ereignisse auch, doch wirkt es durch seine Schönheit und Intensität „über-sinnlich". Selbst die Stille wird hörbar. Man mag erinnert sein an die Zeilen aus „Verklärter Herbst" von Georg Trakl:

Gewaltig endet so das Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten.
Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
Gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.
Es ist der Liebe milde Zeit
Im Kahn den blauen Fluss hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

Ähnlich intensiv nehmen Todgeweihte die Welt während der letzten Tage ihres Lebens wahr. Und tatsächlich geht es ja auf eine Art Tod zu, denn das Licht wird bald scheiden. Zwischen 18 und 20 Uhr steht mit der Dämmerung der Abschied vom lichten Tage bevor.

Von der Tonart her erklingt der Spätnachmittag in H-Dur. Der Vorzeichen wegen (5 ♯) fehlen uns in der Regel Erlebnis und Erfahrung mit diesen Klängen. Sie werden in der Musikliteratur als „ätherisch gelöst" beschrieben, als „überirdisch verklärt", wohinein sich jedoch schon die Bangigkeit vor Abschied und Ende mische. H-Dur ist die Tonart der Großen-Mutter-Gottheit in ihrer eigenen Gestalt als Spenderin und Ernährerin allen Lebens, sie ist das Klingen von Spätsommer und Frühherbst in deren höchster Fülle, die Sinfonie von den Früchten der Erde, von warm leuchtenden Farben und goldener „Jungfrau-Sonne".