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"Die Dreieinige Göttin", 24. Blog

25/01/2016 12:57 CET | Aktualisiert 25/01/2017 11:12 CET

Von 600.000 vor unserer Zeit bis in die Jungsteinzeit hinein liegen uns weltweit Funde Tausender Urmutter- Figurinen vor, ca.10 - 20 cm großer Figürchen aus Stein, gebranntem Ton oder Lehm, Knochen und Elfenbein, die auf eine Vorzeitgöttin hinweisen, welche heute von vielen Forschern die Große Mutter genannt wird. Ihr Wesen zu ergründen und Bruchstücke aus verschiedenen Bereichen zu ihrer Mythologie zu rekonstruieren, wird uns durch drei Quellen möglich:

1.) besagte Funde selbst; dazu Höhlenmalereien; damalige und spätere Begräbnisformen; Grab-, Tempel-, Stein- und Erdanlagen und deren Anordnung in der Landschaft;

2.) Teile späterer Mythologien, dazu Märchen, Sagen, Gedichte oder Lieder der (patriarchal orientierten) indogermanischen Völker: Inder, Kelten, Germanen, Griechen und anderer;

3.) spätere Kultformen, Bräuche und Kulturgüter, die erkennbar von früheren abgeleitet oder übernommen worden sind; dazu Landschafts-, Flur- und Gewässernamen.

Man könnte meinen, das seien ja nun eine ganze Menge Indizien, doch dabei lässt man außer Acht, dass dieselben über Jahrtausende verteilt sind, ein Teil von ihnen über Tausende Quadratkilometer verstreut liegt und dass selbst ein Zusammenhang von Urmutter- Attributen und den Attributen späterer indogermanischer Göttinnen nicht unumstritten ist. Daher: Ohne etwas Fantasie zum Ergänzen der fehlenden Puzzleteile geht gar nichts, und just diese Fantasie wird Forschenden gern zum Vorwurf gemacht. So steht nur zu hoffen, dass die eingesetzte Fantasie zuvor schon so weit in „exakte Fantasie" (Goethe) umgewandelt werden konnte, dass sie die verschüttete Vergangenheit möglichst getreu zu rekonstruieren vermag.

Es war einmal, so könnte man im Märchenstil einleiten, eine göttliche Urmutter, welche nach und nach die ganze Welt und alle ihre Wesen gebar. Diese Urmutter war natürlich unsichtbar, wie Götter das so sind, und auch ihre „Kinder" waren anfangs immateriell. Mit zunehmendem Alter wurde alles das, was wir später „Erde" oder Materie nennen, immer fester und „kristallisierte" sich schließlich vom Immateriellen ins Materielle hinein aus. Jetzt gab es zwei Welten:

a) die „Anderswelt", wie sie im gälischen Irland genannt wird und die wir „Jenseits" oder „Himmel" nennen, und

b) die Erdenwelt, dazumal in Form glutförmiger „Materie", die weiter abkühlte, bis sie gasförmig, dann flüssig, zuletzt fest wurde.

Wie lange der Prozess des Erkaltens dauerte, sei dahingestellt. Als es an der Zeit war, trat die niederste Lebensform ins Dasein, indem sie sich in ein „Gewand aus Erde kleidete" und als materielle Pflanzenwelt die allmählich fest gewordene Erde besiedelte. Damit waren die Lebensbedingungen auch für die beseelte Tierwelt gegeben, und diese trat auf die nämliche Weise ins Dasein, indem sie sich mit einem stofflichen Leib umgab und die Erde besiedelte.

Wie auch heute noch, brauchte der damalige Mensch für seine leibliche Entwicklung am längsten. Heute durchläuft er nach dem Biogenetischen Grundgesetz im Mutterleib zuerst in aller Ruhe die Ei-, Pflanzen- und Tierstufe, bis er morphologisch beim Menschen ankommt. Etwa neun Monaten nach der Befruchtung wird der Mensch geboren und auch da ist er ja noch kein „Zeitgenosse", sondern erst einmal ein Säugling, und das gründlich und lange. Von der Geburt an ist seine Entwicklung zwar sichtbar und erlebbar, braucht aber weitere 14 Jahre, bis er „erdenreif" wird und sich fortpflanzen kann. Bis er mündig wird, vergehen dann noch einmal sieben Jahre.

Was hat das alles mit der Großen Mutter zu tun? Eine ganze Menge: Man kann nicht von der „Mutter" sprechen und das, was sie zu einer solchen macht, ignorieren wollen. Vor allem aber wird in diesem mythologischen Mutter- Kind- Verhältnis der Grundstein für alle weiteren „Erinnerungen" gelegt, welche die Menschheit an die Große Mutter bewahrte, und diese Erinnerungen überdauerten immerhin Hunderttausende von Jahren! Es bedurfte erst des Einfalls patriarchalischer Völkerscharen (Indogermanen, hier in Europa um 2.000 v. u. Z.), um die Erinnerung an die Mutter allmählich zu zerstören. Und doch blieb auch dann noch so viel davon erhalten, dass es heute zur Rekonstruktion einer eigenen Mythologie hinreicht: der Mythologie der Großen Mutter.