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"Die Dreieinige Göttin", 62. Folge

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Der frühe Morgen

Der Frühe Morgen, die „Zeit vor dem Morgengrauen", ist die stillste, gelösteste aller Nachtzeiten. Wieder hält Mutter Erde den Atem an. Wer bisher schlecht schlief, fällt jetzt in die Abgründe des Erschöpfungsschlafs. Fuchs, Marder und andere Jäger haben Hochsaison.
Dem frühen Morgen entspricht im Jahreslauf der „Februar" (20.02. - 20.03.). Da ist es um diese Tageszeit noch dunkel.

Wie der Spätnachmittag von 16 -18 Uhr mit seinem Atemanhalten das Ende des Tages einleitet, bevor die Abend-Schwelle erreicht wird, so läutet der Frühe Morgen von 4 - 6 Uhr mit seinem Atemanhalten das Ende der Nacht vor dem Morgen ein.

In diesem letzten Nacht-Stück zwischen 2 und 4 Uhr ist der nächtliche Schläfer dem Erwachen um eine Stufe näher gerückt und taucht in die Region der Lebenskräfte der Erde ein. Eine gewisse innere Dynamik in Richtung des neuen Morgen beginnt sich zu regen, noch nicht als Unruhe, sondern eher wie ein „Kribbeln", ein beginnender Sog auf etwas Neues zu. Dieses tritt auch schon bald ein. Während beim Gang durch die Nacht die Göttin in Gestalt der Alten den Menschen an der Hand genommen und durch die fremden nächtlichen „Landschaften" geführt hat, übergibt sie ihn nun gegen 5 Uhr der Jungfrau-Göttin, die ihn Richtung Erwachen und wachem Bewusstsein weiter leitet. Etwas Neues regt sich daher auch tief im unterbewussten Erleben des Schläfers, das vor allem der Frühaufsteher registriert. Er spürt: Jetzt hat sich etwas verändert! Ein frischer Wind weht durch die Träume.

Derselbe Gang, den der Schläfer von der Mitternacht bis zum Beginn des Morgens zurücklegt, taucht spiegelbildlich auch am Tage vom Mittag bis zum Abendbeginn auf: Es ist das Durchwandern dreier verschiedener Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zur Mitternacht, wo die Erde ganz „bei sich" ist, tauchen wir ein in die Mysterien der Zeit, die zugleich auch die des Raumes sind. Wir suchen gewissermaßen das geistige Wesen der Erde auf und werden von ihm wahrgenommen, vielleicht belehrt, beraten, erzogen, gepflegt oder geheilt - wer weiß? Dann werden wir zur festen Erde zurückgeschickt, ähnlich wie die Goldmarie im Märchen von Frau Holle. Der Abschied fällt uns schwer; doch wir werden an der Hand genommen und sicher geleitet. So durchmessen wir im Nacht-Teil nach der Mitternacht die „jenseitige Erdenwelt", bis wir in Gegenden gelangen, die sich anders ausnehmen und wohl zur Seelenwelt gehören. Dann wandern wir weiter. Schließlich gelangen wir in die Welt der Lebenskräfte, was fast schon ein Eintauchen in die Erdenregion bedeutet, aber noch geistiger Natur ist. So, wie der Abend sich stärker zur Nacht als zum Tag hin neigte, so jetzt der frühe Morgen umgekehrt: Zwar ist er einen Teil des Jahres noch in Dunkel gehüllt, doch zeigt er zur Sommerzeit klare Morgenstimmung.

Von der Tonart her erklingt mit einer gewissen Leichte und Feinheit F-Dur in mädchenhaft-schlichter Anmut (Vorzeichen: 1b). Die Stimmung, ätherisch gelöst, spiegelt die Zeit vor Sonnenaufgang oder, im Jahreslauf, den Vorfrühling wieder: Naturhaftes mischt sich mit Geistigem. Die Tonart entbehrt jeglicher Nüchternheit. Ihre vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten reichen von keuscher Frömmigkeit über Sehnsucht bis hin zu feinem Humor. Ihre d-Moll-Schwester mit denselben Vorzeichen enthält dagegen noch alles Dunkel der Zeit und wirkt starr und tot. Sie ruft die Vergangenheit auf, das Dahingesunkene, das Einstige und Abgelegte und weist unverwandt auf das steinerne Grabgewölbe am Ende aller Erdenwege.