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"Die Dreieinige Göttin", 41. Blog

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Die manipulierte Zeit

Seit alters versucht der Mensch patriarchaler Prägung, sich von der Natur zu emanzipieren. Die Befreiung von Naturzwängen wie Kälte, Dunkelheit, Hunger und Durst, Ernteerträgen, Jagdglück und anderen machte ihn zwar von vielen Zwängen frei, löste ihn aber auch mehr und mehr aus dem Naturzusammenhang heraus, in den er gehört. Die Folge davon ist, dass er an Instinkten einbüßte, was er an Freiheiten gewann. Ein wenig beachtetes Beispiel dafür ist unser Verhältnis zur Zeit.

Wer bewusst auf den Verlauf der Zeiten achtet, erlebt ihre unterschiedlichen „Fließgeschwindigkeiten": Im Frühling und Herbst treten diese als eine Art „Beschleunigung", in Sommer und Winter als „Verzögerung" auf. Auch im Tageslauf lässt sich ein „schnelleres Fließen" morgens wie abends und ein „Verzögern" mittags und nachts wahrnehmen. „Alles nur subjektives Empfinden", könnte man dem entgegenhalten; darum soll die Zeit hier etwas genauer betrachtet werden.

Zuvor einen Blick auf die Manipulationen, die wir der Zeit bisher angedeihen ließen: Alles begann mit den Zeit- Messgeräten nach den Sonnen-, Wasser-, Sand- und Kerzenuhren, die uns an Stelle der Sonne „die Zeit" anzeigen sollten: Das mechanische Uhrwerk war die erste „Schönheitsoperation", welche die Zeit um ihre Besonderheit und Individualität brachte. Durch das Uhrwerk erhielt jede Zeiteinheit die gleiche Größe. „Natürliche" Zeiteinheiten sind aber ungleich lang.

Sodann vereinheitlichten wir die dieserart starr gestellte Zeit über größere geographische Räume („Zeitzonen") hinweg so, dass seither in Kiel, Lindau, Berlin und Aachen die gleiche Zeit herrscht, was völlig unmöglich ist, da uns die Zeit von der Sonne angezeigt wird - und eben nur von ihr. Es kann im Osten nicht dieselbe Tageszeit sein wie im Westen! Wir schufen eine Art Zeit- Abstraktum, genannt „mitteleuropäische Zeit" (MEZ), einen rechnerischen Mittelwert, der an keiner Ecke dieser Zeitzone übermäßig falsch ist, dafür aber an fast allen Stellen auch nicht ganz richtig. Zur Erinnerung: Welche Zeit wäre denn eigentlich die „richtige"? Die „wahre Ortszeit" (WOZ), die von jeder Sonnenuhr angegeben wird, notfalls auch die „mittlere Ortszeit" (MOZ), die eine Vereinheitlichung der wahren Ortszeit ist. Zeigt die Sonne uns den frühen Abend an, kann nicht der Zeitmesser uns Spätnachmittag oder späten Abend vorgaukeln. Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, das Vereinheitlichen der Zeitläufe zu kritisieren oder rückgängig machen zu wollen, sondern natürliche und manipulierte Zeit unterscheiden und die Besonderheiten natürlicher Zeit wieder kennen zu lernen.

Doch nicht genug mit der bisher beschriebenen Vereinheitlichung: Um die Differenz zwischen Illusion und Wirklichkeit noch weiter zu vergrößern, wird seit vielen Jahren durch Umstellen der Zeit im Frühjahr eine so genannte „Sommerzeit" kreiert, die über ein halbes Jahr lang von früh bis spät nur noch reinen Unsinn anzeigt: In vielen Gegenden unseres Landes weicht diese neu geschaffene Spezialzeit bis zu 90 Minuten und mehr von der Wirklichkeit ab. Ist das nicht erstaunlich? Noch verwunderlicher aber erscheint, dass diese Tatsache niemanden irritiert. Freilich, es gibt bei vielen Zeitgenossen ein unterschwelliges Unbehagen angesichts der schamlosen Herumpfuscherei an der Natur.

Gesetzt, es gäbe so etwas wie einen eigenen Charakter jeder Tageszeit: Wie würden sich die beschriebenen Manipulationen dann auf uns auswirken? Richtig, sie würden unsere Wahrnehmung abstumpfen; wir würden den EIGENEN CHARAKTER EINER BESTIMMTEN ZEIT gar nicht mehr spüren und am Ende davon überzeugt sein, dass alles in bester Ordnung sei. Voilà, an diesem Punkt sind wir (längst) angekommen!

So erhebt sich nun die Frage, ob wir imstande sind, den beschriebenen Wahrnehmungsverlust auch wieder rückgängig zu machen. Die gute Botschaft lautet: Wir sind! Die schlechte: Es dauert lange. Und wir müssen auch einige theoretische Vorarbeit dazu leisten.

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