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"Die Dreieinige Göttin", 33. Blog

27/03/2016 13:45 CEST | Aktualisiert 28/03/2017 11:12 CEST
Jade Brookbank via Getty Images

Hier eine Sage aus dem Alpenland, wo Frau Holle unter ihrem anderen Namen Frau Berchta oder Perchta bekannt ist.

Die Herrin vom Rosengarten

Es trug sich zu, dass einmal zur Sommerzeit eine Dirn beim Heumachen in der einsamen Almhütte ihres Bauern hausen musste. Als der Abend kam, sanken ihr die emsigen Hände müd in den Schoß, und sie ruhte vom Tagwerk aus auf dem steinernen Stuhl, der neben der Hütte stand. Über ihr glühten und glitzten die Almspitzen der scheidenden Sonne nach, gerade als wäre die ganze Bergwand des Rosengartens ein goldenes Gemäuer. Wie nun die Dirn den Reichtum betrachtete, gedachte sie ihrer eigenen Armut, und dass sie mit ihrem Burschen niemals zu eigenem Haus und Herd kommen sollte. Da seufzte sie aus Herzensgrund: „Ach Gott, seit uns die Kriegshorden alles angeschürt haben, kommen wir nimmer auf einen grünen Zweig!"

So spann sich das Mädchen in kummervolle Gedanken ein. Es schreckte sie aber ein Glanz aus ihrer Versunkenheit auf. Und wie sie sich umwandte, zu sehen, woher dies neue Leuchten gekommen sei, da stand vor ihr eine mächtige Frau, reich und schön und über die Maßen königlich.

„Komm", sagte die Herrin gütig, und winkte sie heran. Der Dirn fuhr die Hand an das Mieder, den freudigen Schrecken zu dämmen. Sie wischte die Tränen mit der Schürze aus den Augen und ging mit. So stiegen die beiden den glühenden Rosengarten entlang, höher und höher, und dennoch fühlte sie all ihre müde Schwere entweichen im Anstieg. Denn sie entsann sich aller Geschichten von guten und strengen Gespenstern im Berge, vom König, der droben hausen soll, und seiner Gemahlin, Frau Berchta, der Herrin vom Rosengarten.

So tauchten sie ein in die dunkle Stille des Berges. Dann standen sie im Glanz prunkender Kammern und leuchtender Säle. Silbern gleißten die Fliesen, und durch die kristallenen Fenster schaute man in einen Garten voll roter Rosen. Hier wallte auch ein silberner Brunnquell, darin die schönsten Mädchen badeten. Saitenspiel und Gesang erfüllten die Räume mit Zaubergetön. Das waren die saligen Fräulein.

Sie trafen auch dienstbare Zwerge, die schleppten sich mit wunderviel zierlichen Dingen. Sie brachten auf Geheiß der Herrin auch ein Wolleknäuel herbei. Das überreichte die Königin dem armen Mädchen und sprach: „Du magst das Knäuel ruhig nehmen. Es ist von der besten Wolle, die ich habe. Und wenn du ihre Herkunft verschweigst, so wird auch das Garn niemals ausgehen. Nun geh wacker zu, bleibe emsig und webe dein Glück!"

Die also Beschenkte ist dann in aller Stille zu einer alten Base gezogen, von dem Wundergarne zu weben, und wob und wirkte die feinsten Decken und Tuche. Denn das Garn ging nicht aus und hat einen Glanz gegeben, als wäre es von dem sagenberühmten Goldenen Vliese geschoren.

Einmal, nach Feierabend, hat die Dirn noch fleißig im Mondschein am Webstuhl gesessen. Da ist die Frau Berchta in ihre Kammer getreten und hat ihr ein Goldgespinst gebracht. Sie hat ihre Hände in kunstvollen Wegen durch das Gewebe geleitet und sie gelehrt, mit goldenen Ranken und Vogelbildern den Wirkstoff zu zieren. Mit diesen Kostbarkeiten ist dann ihr Bursche weit in die deutschen und welschen Lande gezogen, die edlen Stoffe in Burgen und Städten feilzubieten.

Über Jahr und Tag hatten die beiden Liebesleute so viel erwirkt, dass es zu eigen Rauch und Schmauch zugelangt hat. Und für ein Rösslein im Stall hat es auch noch gereicht. Da war gut Hochzeit halten! Und wenn die Dirn verschwiegen war, so ist ihr Wunderknäuel unerschöpflich geblieben bis auf den heutigen Tag.

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