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"Die Dreieinige Göttin", 26. Blog

08/02/2016 12:15 CET | Aktualisiert 08/02/2017 11:12 CET
ullstein bild via Getty Images

Seitdem Tradition und Brauchtum in Mitteleuropa am Schwinden sind, verlieren auch die wertvollsten kulturellen Elemente nach und nach an Glanz. Eine Frau Holle lockt heute niemanden mehr hinterm Ofen hervor. Und doch galt sie bei Brauchtumsforschern und Sprach- und Literaturwissenschaftlern bis zu den Weltkriegen als die „volksmythologisch bedeutsamste Gestalt der Deutschen" (Jakob Grimm, 1785-1863, Begründer der Philologie und Altertumswissenschaft).

Erst in den letzten 50 Jahren erleben wir eine Art verborgene Renaissance von Frau Holle, Frau Perchta und Luzia durch eine Forschungsrichtung, die während ihrer Entstehungszeit von vielen noch belächelt wurde, nämlich die „Matriarchatsforschung", die sich ganz zwanglos aus den Forschungen von Geschichtswissenschaft, Archäologie, Ethnologie und Soziologie ergeben hatte.

Heute lacht kaum noch jemand darüber, höchstens über den Namen. Letzterer beinhaltet nämlich einen Fehler: Er geht von einer Art „Macht", „Herrschaft" (αρχη = arché) aus, wie wir dies vom Patriarchat her kennen. Doch die Zeit, da Frauen sich im Mittelpunkt menschlicher Gesellschaften befanden, litt wohl eher nicht unter Machtansprüchen oder Herrschaftsformen.

Darum spricht man heute sachgerechter von „Matrifokalität", „matrifokaler Zeit" und „matrilinearer" Erbfolge (Kinder werden in die Sippe der Mutter geboren). „Matrilokal" bedeutet, dass der Mann bei der Ehe seine Sippe verließ und in die der Frau einheiratete, wodurch er allerdings nicht auch zu dieser gehörte: er gehörte aber zum Clan der Frau und lebte am selben Ort wie sie.

Immer mehr Forscher entdeckten während der letzten 50 Jahre Zusammenhänge

► einerseits zwischen den oben genannten Frauengestalten aus Brauchtum, Märchen, Sagen und der germanischen Mythologie,

► andrerseits zwischen Göttern dieser Mythologie und der uralten steinzeitlichen Gottheit, die unter dem Namen „Magna Mater" oder „Große Mutter" ein wissenschaftliches Schattendasein bei uns führt.

Allmählich schälte sich heraus, dass nicht nur berühmte Ausgrabungsstätten wie Catal Hüyük oder die Megalithtempel Maltas etwas über die Weltanschauung der Vergangenheit aussagen können, sondern auch die sachgerechte Beschäftigung mit den indogermanischen Mythologien, und mit Märchen, Sagen, Dichtung und Brauchtum der eigenen Kultur. Seither ergeben sich ganz neue Aspekte bei der Beschäftigung mit den Frauen Holle, Perchta und Luzia.

Damit die hier dargestellten gedanklichen Untersuchungen nicht zu theoretisch bleiben, werden sie von Zeit zu Zeit durch Märchen, Sagen und andere Elemente aus dem kulturellen Leben der Vergangenheit so aufgefrischt, dass dabei ein lebendiges Bild jener Dreieinigen Göttin entstehen kann, die wir die Große Mutter nennen.

Frau Holle schüttelt die Betten aus

In dem bergreichen Herzen Deutschlands, dort, wo die listigen Menschen das Wasser der Eder in einer Talsperre aufgestaut haben, liegt das Waldecker Land. Es erhebt sich hier, eine Wegstunde südlich von Korbach, über den Abraumhügeln alter Bergwerke jene Felsenkuppe, welche im Volksmund „Auf-der-Frau-Holle" geheißen ist. Dort zeigt man unter den Klippen noch die Grundsteine von ihrem Haus, wo sie vor Zeiten gewohnt haben soll.

Wenige Meilen südlich davon, über dem winzigen Städtchen Sachsenberg, ragt der Knöchelberg zu den blauen Kuppen des Uplandes auf. Eine alte Landstraße zerschneidet ihn in den höheren Jungenknöchel und den geringeren Mädchenknöchel. Nun hatte aber Frau Holle ihr Taubenhaus auf dem höchsten Bühl jenes Berges. Das hatte Luken nach allen Launen des Windes. Dort züchtete sie die allerliebsten Täubchen zu ihrer Lust.

Wenn nun der Herbstwind die Blätter von den Bäumen riss - und die Täubchen in die Mauser kamen, dann sammelte Frau Holle die abgeplusterten Federn und stopfte die lichten Daunen in ihre Inletts und Ruhekissen. Die alten Federn vom Vorjahr schüttete sie zuvor über die ganze Landschaft aus. Die wirbelten dann lustig dahin, verfingen sich an den Berglehnen, schichteten sich locker und weich über die Wälder, breiteten sich auf die Felder und bedeckten schließlich das ganze Land mit einer weichen, weißen Decke.

Dann klatschten die Kinder im Menschenland in die Hände und riefen: „Eia Schnee, Frau Holle schüttelt die Betten aus, nun soll wohl bald Weihnachten sein?"

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