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"Die DDreieinige Göttin", 56. Beitrag

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Fortsetzung (07.) Der Abend

Diese Bilder lassen sich modifiziert auch auf das Tagesgeschehen anwenden. Auch hier ist, von der Nachtseite her in den Abend einstrahlend, ein geheimnisvolles Licht zu erahnen, das in der Mitternacht verborgen leuchtet und uns zu erwarten scheint. Doch an den Toren zur Nacht droht Unbekanntes. Der Weg führt in fremde Gefilde, das weckt Unsicherheit. Die Dunkelheit ruft in uns Bilder auf von Verschlungen- und Ausgelöscht-Werden, von Wahnsinn und Tod. Sie raubt uns Bewusstsein, Identität und Leben. Der Weg in die Nacht ist daher auch ein Weg ins Totenreich. Verständlich werden so Zaudern und Wanken an der Schwelle. Wir blicken zurück. „Verweile doch, du bist so schön", sind wir versucht, dem scheidenden Tage nachzurufen, denn noch überlagern Abschiedsschmerz, Wehmut und Trauer die aufkeimende Furcht vor dem Kommenden. Der Schwellenübergang ist von Schmerz überschattet. Der Ernst dieser Stunden durchdringt auch unser Alltagsleben, erkennbar am Sozialverhalten von Menschen, die sich seit dem Nachmittag oder davor in Gemeinschaft miteinander befinden, Jugendgruppen in Schullandheimen und Ferienlagern oder zufällige Gruppen mit gemeinsamem Ziel: Plötzlich brechen die alltäglichen Hemmschwellen und Blockaden, die zuvor wie Schutzmauern um die Menschen herum errichtet waren, partiell zusammen, auch solche zwischen Mädchen und Jungen. Persönlichkeiten, die tagsüber deutlich Abstand voneinander hielten, suchen nun eher die gegenseitige Nähe auf. Man nimmt sich vielleicht sogar in den Arm oder fasst sich an der Hand. Gemeinsame unterbewusste Ängste führen zusammen. Das Wehen des „Schicksalswindes" wird unterschwellig erlebt und wirkt nachhaltiger als die üblichen Blockaden.
In Aktivitäten, in Betriebsamkeit kann ein „Gegengift" zur den abendlichen Stimmungen von Wehmut, Verunsicherung, Furcht, Trennungsangst und Abschiedsschmerz liegen. Nicht umsonst fällt rege Betriebsamkeit auf die Zeit zwischen 18 - 20 Uhr, seien es die Vorbereitungen zu Theater- oder Konzertbesuchen, Turnaktivitäten, zu studienmäßigen Gemeinschaftsunternehmungen oder Konferenzen, vor deren Besuch oder Teilnahme man sich richten, vorbereiten und auf den Weg begeben muss.
Doch sind die wehmütigen Blicke zurück und der furchtsame voraus nur zwei Seiten des Abend-Zwölftel. Eine dritte liegt im Reiz und in der Weihe der Nacht mit ihren Mysterien: Hier lockt geistig-seelisch etwas Unfassbares, Unnennbares; hier erlebt sogar der eingefleischte Materialist Anflüge von scheuer, ahnungsvoller Erwartung. Das Dunkel umfängt uns, wie im Volkslied besungen, mit den Armen einer „guten Mutter". Und im Schlafe sinken wir ja dann auch in den mütterlichen Schoß der unbewussten Schuld- und Sündlosigkeit zurück. Aber wir können auch spüren, dass da noch mehr geschieht, dass da Dinge verborgen liegen, die unserem Bewusstsein nicht mehr oder noch nicht zugänglich sind.
Besonders lieblich erklingt am Abend schon das „Nacht-Motiv", wenn der Himmel klar ist und die Sterne früh heraufziehen. Plötzlich erscheint die Nacht tief vertraut! Ängste und Sorgen sinken ins Wesenlose. Ein seit Kindheitstagen vergessenes Urvertrauen in das Schicksal und in die Segen spendenden Mächte über den Sternen stellt sich ein. Diese fast verstummte Saite in uns beginnt zu schwingen, und die verdrängte und verleugnete Sehnsucht nach der „eigentlichen Heimat" kann am Sternenhimmel zum Erlebnis werden.
Worauf uns der Abend indirekt aufmerksam machen kann, ist, dass er durch seine Spiegelstellung zum Morgen auch auf ein dort bisher unbeachtetes Element verweist: Gibt es beim Erwachen am Morgen womöglich auch eine Sache, die neben dem schon charakterisierten Begrüßen des Tages oder dem Festhalten an der Nacht etwas bisher Unbeachtetes, womöglich ein weiteres Geheimnis sichtbar macht? Sollte der Tag ebenfalls Mysterien beherbergen, von deren Vorhandensein wir nicht einmal träumen können, weil unser Träumen auf die Nacht beschränkt ist? Was würden wir finden, wenn wir „zwischen den Zeilen" der vertrauten "Tagesschrift" lesen könnten? Gibt es auch so etwas wie „Mysterien des Tages"?

Dem Abend von 18 - 20 Uhr entspricht von der Tonart her Fis-Dur (oder Ges-Dur), eine Tonart mit 6 ♯ (oder 6 b), die der vielen Vorzeichen wegen nicht allzu oft in der gängigen Musik auftaucht. Daher ist uns ihr Klang wenig vertraut. Aus Beschreibungen geht aber hervor, dass sie die skizzierten Phänomene des Abends klanglich bestätigt.