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Die Zustände sind mit Kinderarbeit zu vergleichen - wie Lehrlinge ausgebeutet werden

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Juanmonino via Getty Images
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Sie sind die Untermenschen der Gesellschaft. Hineingeboren in Arbeiterfamilien und unglücklich bis zum Lebensende. Die Rede ist von Lehrlingen. Die ungehörten, ausgebeuteten Kinder, die in einen Berufsweg gezwängt werden und ihm nicht mehr entkommen können.

Ich war selbst mal Lehrling und habe das Leid zwar nicht am eigenen Leib, aber sehr wohl an dem meiner Mitschüler in der Berufsschule erfahren. Heute bin ich Schlosser in Wien - ein aussterbendes Gewerbe und das zu Recht.

Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, auf die schlimme Situation der Lehrlinge in Österreich aufmerksam zu machen, denn sie haben selbst keine Stimme. Keiner hört sie, weil keiner sie hören will.

Einmal Lehrling, immer Lehrling

Ich habe vor vielen Jahren eine Lehre zum Werkzeugmacher abgeschlossen - und bereue es zutiefst. Aber ich bin meinen Weg gegangen. In der Berufsschule damals und meinem Alltag als Schlosser heute sehe ich jedoch das Leid vieler anderer junger Lehrlinge. Ich komme viel in Wien herum, lerne dabei viele Familien kennen. Und es lässt sich nicht abstreiten: Die Lehre ist eine andere Form der Kinderarbeit.

Mit 14 Jahren beginnen die Lehrlinge ihre Ausbildung. Ich finde, in dem Alter ist man noch ein Kind. Viel zu klein, um eine Entscheidung mit so weitreichenden Folgen zu treffen. Schließlich können sie nicht mehr aussteigen. Einmal Lehrling, immer Lehrling. Das Leben ist zu Ende.

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Denn mit Weiterbildung sieht es eher schlecht aus. Die Meisterprüfung bedeutet einen großen finanziellen Aufwand. Unter 20.000 Euro geht da gar nichts. Für Kinder, die aus Arbeiterfamilien stammen, eher schwierig. Und wieder bleibt es dabei: Arme Eltern haben arme Kinder, reiche Eltern reiche Kinder.

Daher ist man gut beraten, sein Kind gar nicht erst einer Lehre auszusetzen. Schließlich verschwendet es drei Jahre seines Lebens, hat hinterher kaum Bildung erfahren und wird sein Leben lang nicht gut verdienen - wenn es überhaupt einen Job findet. Denn in Österreich sind die meisten Arbeitslosen Lehrlinge.

Ein Bekannter von mir, ein junger Professor, sagte mir vor kurzer Zeit: "Michi, Lehrlinge sind der Ausschuss." Und so hart es klingen mag - es stimmt.

Sie haben keine politische Vertretung

Selbst wenn ein Lehrling mit abgeschlossener Prüfung Eigeninitiative zeigt und seine Matura nachholen möchte, ist es zwecklos. Den Kinder fehlt die Vorbildung. Sie können niemals mithalten. Ich selbst habe meine Matura mit 40 nachgeholt. Es war mir eine Herzensangelegenheit.

Ich verstehe nicht, wie man so verantwortungslos sein kann und seinem Kind zu einer Lehre rät. Meiner Erfahrung nach waren das immer schlechte Eltern. Sie wollten ihre Kinder möglichst schnell vor die Tür setzen.

Die Idee: Sie sollen schnell auf eigenen Beinen stehen. Die Realität: Sie sind mit einem Mal erwachsen und müssen für sich selbst aufkommen. Und oft gestaltet sich das als schwierig.

Aber das will keiner hören. Oft werde ich wegen meiner radikalen Meinung angefeindet, aber diese Menschen blenden die Realität aus. Menschen mit Lehrberuf werden schlecht behandelt, nicht ernst genommen und schon gar nicht nach ihrer Meinung gefragt.

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Im Österreichischen Nationalrat sitzen 183 Abgeordnete, zwei davon sind ehemalige Lehrlinge.

Es ist eine Gruppe ohne politische Vertretung - ähnlich wie Tiere - und das wird sich wahrscheinlich niemals ändern. Denn wer profitiert vom Leid der billigen Arbeitskräfte? Die einflussreichen Akademiker.

Bald wird es keine Lehrberufe mehr geben

Ich stelle mir häufig die Frage, wie die Zukunft aussehen wird. Am liebsten würde ich die Lehre verbieten. Oder zumindest alle Lehrberufe in die Hand des Staates geben.

Nicht jedes private Unternehmen ist qualifiziert genug, Lehrlinge auszubilden und wie viele sie behandeln ist auch nicht fair. Die Unis und Hochschulen fördert der Staat, aber für die Lehrlinge kann er nichts tun? Da läuft etwas gewaltig schief.

Eine zweite Lösung wäre es, die Lehre bei den klassischen Handwerksberufen auf zwei Jahre zu verkürzen und die Lehrlinge dann eine staatliche Lehrwerkstätte besuchen zu lassen. In Amerika funktioniert dieses Prinzip ja auch.

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Klar ist allerdings schon jetzt: In zehn Jahren wird es keine Lehrberufe mehr geben.
Schon jetzt entscheiden sich immer weniger Jugendliche für eine Lehre - Gott sei dank.

Den Rest wird der Trend zur industriellen Billigproduktion lösen. Wir kaufen ja schon jetzt lieber das Billy-Regal von Ikea und nicht die kunstvoll handgefertigte Eckbank vom Schreiner nebenan.

Wir kaufen lieber bei den gängigen Modeketten als beim örtlichen Schneider. Das ist einfach so.

Diese Entwicklung und die schlechte Behandlung der Lehrlinge wird dafür sorgen, dass das Handwerk ausstirbt. Da bin ich mir sicher.

Das Gespräch wurde von Franziska Kiefl aufgezeichnet.

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