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Sinnlosigkeit und Ausbeutung: Warum immer weniger Jugendliche eine Lehre machen wollen

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UNHAPPY YOUNG MAN
AntonioGuillem via Getty Images
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Vom Kindergarten weg über die Volksschule bis hin zur Hauptschule verbringt man den Tag mit einer grossen Anzahl von völlig Gleichaltrigen. Einsamkeit ist ein Fremdwort für die heranwachsenden Kinder, ist man doch den ganzen Tag mit Menschen zusammen, welche die selbe Entwicklungsstufe haben. Bis zum Schocktag!

Wenige Minuten nach Arbeitsbeginn am ersten Arbeitstag wird es zumindest für die Lehrlinge in kleineren Betriebe zur traurigen Gewissheit. Wohin man blickt nur alte Leute, alt jetzt aus der Sicht des Lehrlings.

Auch wenn man mit 22, 27 oder 34 noch nicht wirklich alt ist, für einen 15-Jährigen ist man in diesem Alter bereits ein Greis, ab 40 riecht man Verwesung und über 50-Jährige werden gar nicht mehr wahr genommen. Ist nun mal so. Was sollte man mit 15 Jahren auch mit einem 43-Jährigen quatschen.

Arbeitersprache

Für den jungen Menschen ist das nichts anderes als Folter und eine Seelen-Qual! Gesellschaftlich befindet er sich in der Hölle, täglich.

Wie sich jedermann vorstellen kann, ist es garantiert von großem Nachteil für ein halbes Kind, den gesamten Tag in einer wichtigen Entwicklungsphase mit wesentlich älteren Menschen zu verbringen, teilweise bis zum doppelten oder dreifachen des eigenen Alters und deren Redensart und Gewohnheiten ertragen zu müssen.

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Die raue Sprache, insbesondere die "Arbeitersprache", wird nicht gerade zur positiven Entwicklung eines Jugendlichen beitragen. Es ist ja kein Geheimnis, dass in Arbeiterkreisen mit Kraftausdrücken nicht gespart wird und eine extreme Fäkalsprache an der Tagesordnung steht.

Installateure (Klempner) treiben dies noch ein bisschen weiter als man sich vorstellen kann. Sie können sicher sein, dass ein 15-Jähriger in wenigen Wochen fliessend "Installateurisch" spricht. Ob dies für ein Leben außerhalb von U-Bahn- und Bordell-Toilettenräumen von Vorteil ist, das sei dahingestellt.

Kleiner Hinweis: Wissen Sie wie Installateure das Dichtungsmittel Hanf bezeichnen? Nein? Dann seien Sie froh! Ja? Dann wird Ihr Sohn/Tochter garantiert keine Ausbildung zum Installateur beginnen.

Es wird nicht besser

Auch die weiteren Tage, Wochen, Monate und Jahre werden nicht besser. Sinnlose Tätigkeit, Langeweile und Schufterei wechseln sich ab und der Lehrling fällt in eine Tristesse, die nicht selten in eine Jugenddepression ausartet.

Der junge Mensch ist einsam und mit all seinen Problemen völlig allein gelassen, wobei man bedenken muss, dass es sich um einen heranwachsenden Jugendlichen handelt. Weder körperlich ausgewachsen, noch psychisch gefestigt verbringt er seinen Tag mit Erwachsenen und ohne Ansprache bezüglich seiner Probleme.

Niemals wird er gefragt, seine Meinung interessiert niemanden und nirgendwo hat er ein Mitspracherecht, nicht einmal in den geringsten Belangen oder in Dingen, die ihn betreffen. Andere entscheiden über das Leben des Lehrlings. Alle wichtigen Entscheidungen werden von anderen gefällt, insbesondere von Akademikern.

Die Damen und Herren Doktoren entscheiden die Berufsschultage, die Stundenlänge, wie und wann Pausen einzuhalten sind. Unterrichtsfächer und Arbeitszeiten, Lehrinhalt oder Lehrlingsfahrscheinpreise, alles, aber auch alles wird von der akademischen Obrigkeit und Übermacht entschieden.

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Das allein nagt am Selbstwert des Lehrlings, wird er doch als dummer entrechteter Schwachkopf gesehen, der sogar unfähig ist seine Jausenzeit oder die Farbe seiner Arbeitsschuhe selbst zu wählen.

Keine Gewerkschaft

Obwohl ein großer Teil der Jugend sich für eine Lehre entscheiden (etwa 50 Prozent) sind diese jungen Arbeiter nicht gewerkschaftlich organisiert. Die Geringschätzung der Lehrlinge zeigt sich hier besonders. Es ist die einzige Berufsgruppe ohne eigene Interessensvertretung.

Kurzum: Es ist jedem egal, was Lehrlinge wollen und was für sie von Interesse und Wichtigkeit ist. Bis jetzt wurde jeder Ansatz zur Gründung einer Interessensvertretung der hunderttausenden Jugendlichen erfolgreich von Kammern und Politikern verhindert. Frei nach dem Motto, diese primitiven Typen werden übergangen. Die Kinder sollen Drecksarbeit verrichten und schweigen!
Arbeiten und Kuschen!

Totale Einschüchterung

Extreme Einschüchterung über Jahre hinterlässt Spuren. Die Auswirkungen dieser Entrechtung und die Nichteinbindung in betriebliche und organisatorische Abläufe zerstören das Rückgrat und machen den Lehrling handelsunfähig. Nach Ende der Lehrzeit bleibt ein mit Minderwertigkeitskomplexen beladenes seelisches Wrack zurück.

Wie wenig Selbstvertrauen, die Ausgelernten haben, lässt sich leicht an der Prozentzahl der nicht zur Facharbeiterprüfung angetretenen Lehrlinge ablesen. Jeder Fünfte (20%!) verzichtet auf die Prüfung aus Angst zu versagen, oder noch schlimmer, weil er keine Ahnung hat, wie der Ablauf der Prüfung vonstatten geht.

Einfach ausgedrückt, der Lehrling weiß nicht, dass er das erste Mal nach 3 Jahren selbst aktiv werden darf und muss. Man muss sich nämlich selbst zu dieser Prüfung anmelden. Tut man dies nicht, dann macht es keiner und die Lehre wird nie abgeschlossen. Wie gesagt, jeden Fünften ereilt dieses Schicksal.

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Von den Lehrlingen, die zur Prüfung antreten fällt wiederum ein gewaltiger Prozentsatz durch. Hier ist es ähnlich, etwa jeder Fünfte schafft die Prüfung nicht und rasselt durch. Das bedeutet von zehn Jugendlichen, die sich durch die jahrelange Lehrzeit durchgebissen haben, erreichen nur etwa sechs den Status Facharbeiter.

Vier Menschen bleiben trotz Lehre Hilfsarbeiter. Was für ein mieses System im Vergleich zum Schulsystem. Bei Maturanten ist die Ausfallsquote gleich null. Falls hier ein Lehrling mitliest erkläre ich dies mit einfachen Worten.

Jeder, der in eine höhere Schule geht, wird bis zur Matura getragen und schafft diese auch. Was mit Lehrlingen passiert, ist der Welt egal.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Untermensch Lehrling" von Michael Bübl.

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