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Ich habe über 100 Leichen in Wohnungen entdeckt - in einer wäre ich beinahe selbst gestorben

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Oben in dem Video stellt der Autor sein Buch "Der Todesschlosser von Wien: Leichen hinter verschlossenen Türe" vor. Darin erzählt er von seinen außergewöhnlichen Erfahrungen als Schlosser. Es sind Geschichten wie die folgende.

Meine erste Leiche habe ich gefunden, als ich 19 Jahre alt war. Wir sind damals von Verwandten angerufen worden - die Familie hatte den Sohn seit mehreren Tagen nicht mehr erreicht.

Als wir es endlich geschafft hatten, die Tür zu öffen, schlugen mir die Beine des jungen Burschen ins Gesicht. Er hatte sich erhängt und baumelte direkt vor der Eingangstür. Darauf hatte mich in meiner Ausbildung niemand vorbereitet.

20 Jahre lang habe ich in Wien Türschlösser geknackt - und dabei mehr als 100 Leichen entdeckt. An den Gestank gewöhnt man sich nie.

Mein Spitzname? Der Leichen-Michi.

Als Türschlosser ist das keine Seltenheit

Nur wenige Menschen haben einen Toten aus nächster Nähe gesehen. Das ist nicht so wie im Tatort. Es ist nicht nur ein furchtbarer Anblick, sondern es stinkt auch bestialisch. Besonders wenn der Körper schon verwest ist.

Vielen ist nicht klar, dass das Auffinden von Toten zur Routine eines Schlossers gehört. Anders als Polizisten, Feuerwehrmänner oder Sanitäter werden wir darauf allerdings nicht vorbereitet. Und schon gar nicht geschult.

Ein Polizist in Wien bekommt drei Tage frei, wenn er eine Leiche findet. Das ist immerhin ein höchst traumatisches Erlebnis.

Wir Schlosser müssen direkt weitermachen. Sofort zur nächsten Wohnung. In der eventuell die nächste Leiche wartet. Wir leben davon, Türen zu knacken. Wir müssen kaufmännisch denken.

Die Arbeit kann sehr hart sein. Besonders, wenn man ein 14-jähriges Mädchen tot in seinem Zimmer auffindet. Und danach den trauernden Eltern eine Rechnung über 110 Euro überreichen muss. Im besten Fall versucht man das zu vermeiden.

Der heftigste Fund meines Lebens: Eine ältere Dame lag sieben Jahre lang in ihrer Wohnung. Sie lag in Folie eingewickelt in ihrem Bett. Ich hab sie als erster entdeckt.

Das verrückteste daran war: Durch die Folie war sie nur zur Hälfte verwest. Die andere Hälfte war mumifiziert.

Man hatte mich gerufen, weil die Wohnung neu vermietet werden sollte und die Frau auf die Kontaktaufnahme des Vermieters nie reagiert hatte. Durch einen Dauerauftrag wurde die Miete sieben Jahre lang pünktlich überwiesen.

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Die Nachbarn hatten sich auch nie gewundert. Denn die Dame war deutsche Staatsbürgerin. Die Nachbarn gingen einfach davon aus, dass sie wieder nach Deutschland gezogen war.

Die eigentliche Ursache ihres Todes ist mir bis heute nicht bekannt.

Natürlich geht es bei meinem Beruf nicht immer um Leichenfunde. Auch Zwangsräumung sind Routine. Die betroffenen Mieter wehren sich dagegen mit allen Mitteln. Sie attackieren uns mit Baseballschlägern, schlagen wild um sich und klammern sich am Türrahmen fest.

Die Gewehr-Falle

Einen Fall werde ich nie vergessen. Er hat sich vor zirka 20 Jahren ereignet. Ein Mann hatte neun Monate lang keinen Cent Miete bezahlt. Bei der Wohnung angekommen, öffnete ich mit einem geübten Handgriff die versperrte Tür. Dabei fiel mir mein Dietrich aus der Hand.

Ich bückte mich, um das Werkzeug aufzuheben. Dann hörte ich einen ohrenbetäubenden Knall. An die nächsten Momente kann ich mich nur verschwommen erinnern. Eine Spezialeinheit stürmte die Wohnung und fand den Apparat vor, der mich fast getötet hätte:

Der Mieter hatte ein Jagdgewehr auf die Eingangstür gerichtet. Der Abzug war mit der Klinke durch eine Schnur verbunden. Eine tödliche Falle, die mich nur knapp verfehlte.

Hätte ich mich nicht gebückt, ich würde wahrscheinlich nicht mehr leben. Der Mann selbst hatte zuvor Selbstmord begangen.

Nach mehr als 15 Jahren habe ich den Beruf an den Nagel gehängt. Die ganzen menschlichen Dramen, die Leichen, die Gefahr... das hält auf Dauer keiner aus.

Der Mensch ist von Natur aus böse, sag ich immer - natürlich mit einem Augenzwinkern. Eines hat mich über die Jahre trotzdem wirklich schockiert: Wie furchtbar ignorant wir sein können. Wenn uns etwas nicht unmittelbar betrifft, dann ist es uns oft scheißegal.

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Einmal habe ich die Tür zur Wohnung einer drogenabhängigen Frau geknackt. Dahinter fand ich ein laut schreiendes Kind. Es war zirka zwei Jahre alt und trug noch immer das gleiche Gewand, das man als Neugeborenes im Krankenhaus angelegt bekommt.

An einer Stelle war die Kleidung sogar schon mit der Haut verwachsen. Der Mutter war das wohl egal. Ein Wunder, wie das Kind überleben konnte.

Doch noch schlimmer waren die Nachbarn. Als die Polizei sie fragte, ob sie denn nie was mitbekommen hätten, antworteten sie: "Doch, das Kind hat ständig geschrien, aber es ist ja nicht unseres".

Niemand will mit der Polizei in Verbindung gebracht werden. Oder noch schlimmer: Vor Gericht aussagen müssen.

"Dann hast du die Schwierigkeiten", wie man in Wien sagt.

Ein gut gemeinter Rat

Deswegen mein Rat: Kümmert euch um eure Mitmenschen! Geht nicht mit Scheuklappen durchs Leben. Achtet auf euer Umfeld. Ein besonderer Fall sind Suizide. Ein Problem, von dem immer mehr meiner Kollegen berichten.

Wenn ein Mensch beschließt, sich das Leben zu nehmen - dann kann man das bemerken. Die verhalten sich anders: distanziert, ernst.

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Wenn euch sowas bei Nachbarn, Bekannten oder Freunden auffällt, dann handelt sofort. Sprecht mit den Menschen. Und wartet nicht darauf, bis der Schlüsseldienst die Tür aufbricht.

Solange sie leben, hat sich um manche Menschen keiner interessiert. Wenn ich sie dann finde, dann kümmern sich plötzlich dutzende Menschen um sie. Die Polizei, die Sanitäter, die Angehörigen...

Interessiert euch für die Probleme eurer Mitmenschen! Dann würde es gar nicht erst soweit kommen.

Das Gespräch wurde von Julius Zimmer aufgezeichnet.

(jz)

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