BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Michael Bübl Headshot

Ich kann verstehen, warum junge Leute keine Ausbildung machen wollen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
AUSBILDUNG KOCH
dpa
Drucken

Händeringend werden von Ausbilder- und Gewerbebetrieben Azubis und Lehrlinge gesucht, jedoch kaum gefunden. Kein vernünftiger junger Mensch will mehr die Mühe auf sich nehmen und eine Ausbildung im Handwerk absolvieren. Die Zeiten der innerbetrieblichen Lehrlings- und Facharbeiterausbildung scheinen endgültig zu Ende.

Der Grund für diese Entwicklung liegt auf der Hand: Wir haben es mit der klügsten Generation aller Zeiten zu tun. Die Jugend lässt sich nicht mehr verheizen!

Die Zeit der Knechte und Mägde ist vorbei

Jugendliche haben es satt, die privilegierte Bürgerschicht, sprich, die Beamten von vorne bis hinten zu bedienen und selbst mit einem Pappenstiel abgespeist zu werden.

Kein denkender Mensch - und das sind die Jungen - ist bereit, am Wochenende bis spät in die Nacht in einer 42 Grad heißen Küche eine köstliche Mahlzeit zuzubereiten, und das für Leute, die gegen Sonntagsarbeit sind.

Im Anschluss wird diese Speise noch mit Hofknicks und Dauergrinsen von einer flott gekleideten Schauprostituierten im strengen Serviererinnen-Outfit an den Tisch gebracht. Das alles in der Hoffnung, eine menschenunwürdige Zuwendung, sprich ein paar Euro Trinkgeld vom Gönner zugesteckt zu bekommen.

Einfache Gegenprobe: Wollen Sie Ihre Mutter derart erniedrigt und bettelnd des Nachts in einem Restaurant begegnen?

Kein aufgeklärter Jugendlicher ergreift den Beruf des Maurers oder Schreiners und baut Häuser für die geistig arbeitende Elite, wohl wissend, sich selbst niemals ein solches leisten zu können.

So schwer es für die Nutznießer dieses Systems ist, diese Zeiten sind vorbei. Moderne Frauen und Männer haben es nicht mehr nötig zu dienen und zu bedienen. Sie studieren und werden Ärzte, Architekten oder fliegen Flugzeuge. Oder sie werden selbst Ausbeuter und lassen sich in den Beamtenadel heben.

Hier genügt die Matura (Abitur) für ein lebenslanges solides Einkommen, ohne lästige Weiterbildung, wie in anderen Berufen, insbesondere im technischen Handwerk.

Keinerlei Respekt vor Menschen mit Handgehirn (Handbrain)

Abschreckend wirkt auf Jugend bei der Lebensentscheidung der Berufswahl die totale Respektlosigkeit gegenüber Menschen, die anstatt eines "Kopfgehirns" ein ausgeprägtes "Handgehirn" ihr Eigen nennen. Es wird weder finanziell noch sozial vergütet, mit seinen Händen etwas zu schaffen.

Mehr zum Thema: Lebenslang arbeiten und kein Geld sehen: Wie Handwerker in die Armut getrieben werden

Der Handwerker gilt als minderwertig oder bloß als geschickter Nutzmensch, denn er hat es nicht geschafft, mit seinem Kopf Geld zu verdienen, sondern ist auf manuelle Tätigkeiten angewiesen. Selbst bastelnde Kinder gelten mittlerweile als geistig schwach.

Unsichere Zeiten fordern sichere Jobs

In unsicheren Zeiten, in denen Millionen Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen ihre dünnen Brötchen verdienen müssen, ist es nur allzu verständlich, dass die Massen nach sicheren Anstellungen suchen.

Diese finden sie jedoch nicht im Handwerk, sondern im Staatsdienst oder im gehobenen Akademikerbereich. Eine "Lehre" ist also die falsche Ausbildung, denn es zählt einzig und allein das Abitur und ein (Amts)Titel. "Installateure" oder "Perrückenmacher" trifft man selten am Golfplatz.

Die neue Jugend ist besser informiert

Interessiert sich ein Jugendlicher für einen Beruf so kann er sich im Gegensatz zu früheren Generationen im Vorfeld jegliche Informationen zu dieser Arbeit besorgen.

Möglich macht dies die allmächtige "Waffe" Internet. Bereits nach wenigen Minuten weiß der Teenie über sämtliche Nachteile seiner Wahl Bescheid und lässt rasch ab.

Gegoogelt und verglichen werden Aufstiegschancen, Karrieremöglichkeit, Renteneintritt und vor allem das Image des erwählten Berufs. In allen Bereichen sieht es fürs Handwerk extrem schlecht aus.

Welche Chancen bieten sich für einen Dachdecker oder welche für einen Friseur? Schnell entdeckt der Jugendliche die Wahrheit: KEINE, absolut keine! Im Vergleich zu einem Akademiker, dessen Ausbildung mitunter nicht wesentlich länger dauert, verliert der Handwerker bald, meist mit Ende 20, den Anschluss.

Nebenbei wird es schwierig mit 57 Jahren auf Dächer zu steigen oder mit 38 auf den Knien Fliesen zu verlegen. Auch eine 49-jährige Kellnerin wird ins Schwitzen geraten. Früher wurden diese Nachteile verschwiegen, heute sind sie für jedermann nachlesbar.

Sinnlose Jahre

Wer um alles in der Welt ergreift zum Beispiel den Beruf Zahntechniker und verschwendet vier (!) Jahre seines Lebens als Lehrling, wenn erstens die Ostkonkurrenz den Markt zerstört und anderseits ein Jurastudium in der selben Zeit zu bewältigen ist.

Bei solch einem Bewerber kann es sich nur um ein "Hirni", also um einen Jugendlichen mit Lernschwäche handeln, der von seiner Familie aufgegeben wurde.

Ein solcher Anwärter hat nichts anderes als schlechte Eltern, wie jeder Lehrling. Dies lässt sich auf nahezu jede Handwerkslehre ummünzen, denn die Lehre ist eine unendlich lange Sackgasse ohne jegliche Möglichkeit, jemals zu entkommen.

Eine fensterlose Röhre, an deren Ende die Altersarmut steht, die man mitunter als schwer kranker Invalide ertragen muss, krank von der jahrzehntelangen körperlichen Arbeit.

Finanzielle Unabhängigkeit

Kinder der Neuzeit haben es nicht nötig, für eine "Lehrlingsentschädigung" ihre wertvollste Lebenszeit, ihre Jugend, zu verschenken und um drei in der Früh im Souterrain an der Teigknetmaschine zu stehen. Der Großteil stammt aus Einkindfamilien mit noch lebenden Großeltern.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png
Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

Deren finanzielle Zuwendungen, welche den Lohn als Azubi um ein Vielfaches überschreiten, lassen die Kinder- und Jugendarbeit als sinnlos erscheinen. Kurz gesagt: Die Jugendlichen müssen nicht mehr für ein Butterbrot arbeiten - Sie können studieren und das Leben genießen.

Fataler Fehler der Betriebe

Und damit sind wir beim nächsten Problem, beim Image. In ihrer Not, einen Azubi oder Lehrling zu finden, greifen die Ausbilderbetriebe nach jedem Strohhalm und machen dabei einen entscheidenden Fehler. Sie bieten Ausbildungsplätze für (geistig) minderbemittelte Jugendliche.

Dieser Umstand wirkt wie Weihwasser auf den Teufel. Es suggeriert, dass ein Handwerk im Grunde genommen nur für bildungsferne Menschen ohne kognitive Fähigkeiten ist. Es vertreibt alle jene Anwärter, die sich trotz der allgemein bekannten Nachteile für eine Handwerkerlehre entschieden hätten.

Mehr zum Thema: Wanka will Studienabbrecher zu Handwerkern machen

Niemand möchte mit Hirnis auf eine Stufe gestellt werden. Die Abwärtsspirale dreht sich damit noch schneller. Gefestigt wird diese Meinung in der historischen Betrachtung der Handwerker. Menschen, die mit Händen arbeiten gelten zwar als geschickt und tüchtig, jedoch als primitiv.

Manifestiert wird die abwertende Einstellung zum Handwerk mit Äußerungen zum Facharbeitermangel wie: "Ja, wer macht denn dann die Arbeit?"

Von Michael Bübl, Schlossermeister und Betreiber des Blogs Die Schlosserzeitung

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

googletag.pubads().setTargeting('[cnd=cld]').display('/7646/mobile_smart_us', [300, 251],'wxwidget-ad');