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Lebenslang arbeiten und kein Geld sehen: Wie Handwerker in die Armut getrieben werden

04/08/2017 11:13 CEST | Aktualisiert 04/08/2017 14:12 CEST
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Lebenslang arbeiten - und kein Geld sehen. Das ist das Schicksal eines fast jeden Handwerkers. Ehrliche Arbeit wird schon lange nicht mehr belohnt.

Ich weiß das, weil ich selbst schon seit 30 Jahren selbstständig als Schlüsseldienst Monteur arbeite. Reich geworden bin ich nicht. Obwohl die Menschen auf meine Tätigkeit angewiesen sind.

Wenn Kinder oder Kranke in der Wohnung eingesperrt sind, Hilfe brauchen, geht es dabei sogar manchmal um Leben und Tod. Oft werde ich mitten in der Nacht raus geklingelt - in solchen Notsituationen muss der Schlüsseldienst schließlich immer gleich zu Stelle sein.

Viele glauben, als Schlüsseldienst Monteur verdiene man sich eine goldene Nase, doch das hat mit der Realität gar nichts zu tun. Die finanzielle Anerkennung für unsere Leistungen bleibt aus.

Fakt ist: Handwerker müssen um ihr Überleben kämpfen. Und Schuld daran ist der Staat. Denn der braucht arme Menschen, um das System am Laufen zu halten.

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Zwei Schlüsseldienste in Wien, deren Betriebe verfallen

Diese Devise basiert auf einer sehr altmodischen philosophischen Ansicht: Wenn es keine Armen in einer Gesellschaft gäbe und alle finanziell gut versorgt wären, dann würde sich ja auch niemand gezwungen fühlen, hart zu arbeiten.

Hart arbeiten, aber nicht reich werden

Deshalb werden wir Handwerker besonders kurz gehalten. Hart arbeiten sollen wir, reich werden ist jedoch weiterhin den Akademikern vorbehalten.

Durch meine Tätigkeit als Schlüsseldienst Monteur bin ich viel herumgekommen und habe einige Menschen kennengelernt. Kein Handwerker, den ich getroffen habe, hat es zu Wohlstand gebracht. Sie alle befinden sich in einer nie endenden Abwärtsspirale und kämpfen ums Überleben.

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Denn die Abgaben für Steuern und Versicherungen steigen stetig an. Der Staat braucht schließlich Geld für seine Millioneninvestitionen - und das trifft nicht die Bildungsschicht, sondern uns, die Arbeiter.

Während Mieten, Strom und Lebensmittel immer teurer werden, müssen wir unsere Preise immer nur runter drücken.

Dazu kommt noch die Armut unserer Klienten. In Wien sind derzeit viele Menschen in prekären Lebenssituationen - auch die brauchen mal den Schlüsseldienst. Was sollen sie auch sonst tun, wenn ihr Kind oder die kranke Oma in der Wohnung eingesperrt ist und sie keinen Schlüssel bei sich haben?

Wenn ich dann komme und eingreife, passiert es schon mal, dass der Kunde nicht die nötigen 100 Euro zahlen kann, sondern nur zehn. Natürlich könnte ich gerichtlich dagegen vorgehen, aber das würde mich vermutlich mehr kosten als die fehlenden 90 Euro.

Die Konkurrenz unter den Handwerkern ist enorm

Das Schlimmste ist jedoch der Konkurrenzkampf der Handwerker untereinander. Dadurch, dass wir alle ums Überleben kämpfen, werden wir gezwungen, uns gegenseitig zu unterbieten, nur um mehr Aufträge zu bekommen. Lieber ein schlecht bezahlter Job, als gar keiner. Das drückt den Preis und treibt die Abwärtsspirale weiter voran.

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Früher war ein handwerklicher Beruf angesehen. Man hat etwas "richtiges" gelernt. Auch heute noch werden Handwerker gebraucht, doch die Anerkennung fehlt.

Auf unserem Rücken ist die Gesellschaft gebaut - der Wert unserer wichtigen Arbeit wird aber nicht gesehen. Mit der sinkenden Anerkennung, sinkt auch die Bereitschaft, uns einen angemessenen Lohn zu zahlen.

Handwerksberufe haben keine Zukunft

Die Situation ist klar: Ein Handwerker kann so viel arbeiten, wie er will - am Ende bleibt er immer arm. Man muss sich bei diesen Zuständen nicht wundern, wenn niemand mehr ein Handwerk erlernen will.

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Handwerksberufe haben keine Zukunft mehr, weil es sich für niemanden mehr lohnt. Wir Handwerker kämpfen uns durch eine Lehre, arbeiten dann unser ganzes Leben hart und haben am Ende nichts.

Kunden sind auch nicht mehr bereit, für ein Handwerk mehr Geld auszugeben. Die neue Kommode wird längst nicht mehr beim Tischler von nebenan in Auftrag gegeben, sondern einfach schnell bei Ikea bestellt.

Die bittere Wahrheit ist: Langsam aber sicher wird das Handwerk aussterben und durch maschinelle Produktion ersetzt. Es passiert ja jetzt schon.

Das Handwerk (durchwegs Familienbetriebe) haben den Wohlstand damals in den 70er, 80er und 90er aufgebaut, wovon heute aber nur die Privilegierten ihren Nutzen haben.

Die Klein- und Mittelbetriebe sind entrechtet, ausgeplündert und mundtot gemacht.

Für einen romantisierten Blick auf das Handwerk läuft einfach zu viel falsch und so gerne einige Handwerker ihre Arbeit auch behalten wollen, irgendwann müssen sie einsehen: Es lohnt sich einfach nicht mehr.

So ist die Situation für Handwerker und Selbstständige in Deutschland

Die Anerkennung für Handwerksberufe ist so gering, dass die meisten deutschen Schüler sich keine Ausbildung dort vorstellen können.

Während in vielen Berufen die Löhne steigen, stagnieren die Löhne oft im Handwerk. Viele verdienen sogar schlechter als noch vor 20 Jahren.

Technische Neuerungen machen viele Berufe obsolet. Schon heute können über 4 Millionen Jobs völlig ersetzt werden. Besonders oft sind handwerkliche Berufe betroffen.

Handwerker, die schwere körperliche Arbeiten ausüben, müssen häufig auf Rentenmodelle zurückgreifen, die vor Regelaltersgrenze beginnen. Das erhöht ihr Risiko an Altersarmut zu leiden.

Ein weiteres Risiko für Selbstständige ist die wechselnde Auftragslage. Viele können nicht fürs Alter sparen.

Von Michael Bübl, Schlossermeister aus Wien

Das Protokoll wurde von Franziska Kiefl aufgezeichnet.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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