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Ich habe eine Woche lang zu allem "Ja" gesagt - und landete im Krankenhaus

21/07/2017 10:16 CEST | Aktualisiert 21/07/2017 10:36 CEST
Michael Buchinger

Wie ihr vielleicht mittlerweile wisst, liebe ich es, nein zu sagen. Negativität ist meine bevorzugte Lebenseinstellung. Meine Antwort auf die meisten Vorschläge und Einladungen ist entweder ein klares "Nein!" oder aber die Sorte von "Ja", bei der die Leute wissen, dass ich es nicht ernst meine - vermutlich deswegen, weil ich gleich im Anschluss vehement meinen Kopf schüttle und mit den Lippen "Nein" forme.

"Michael, hast du Lust, spontan auf einen verrückten Spieleabend bei mir vorbeizukommen?", fragte mich eine Freundin letztens am Telefon, und ich konnte mich gerade noch davon abhalten, wie eine wütende Katze in den Hörer zu fauchen. Wie selbst weniger aufmerksame Leser ahnen können, ist wohl das Einzige, was ich mir nerviger vorstelle als einen "verrückten Spieleabend", Front-Row-Plätze bei einem David-Hasselhoff-Konzert. "Nein danke!", sagte ich daher, eine Antwort, die meine Freundin nicht ganz akzeptieren wollte.

"Du bist immer so negativ!", antwortete sie angepisst. "Lass dich doch nur einmal auf meine Vorschläge ein!" Generell lege ich wenig Wert auf die Meinung von Menschen, für die eine Runde "Lotti Karotti" essentiell für einen "spaßigen Abend" ist, aber irgendwie hatte sie ja recht: Ich bin ein relativ negativer Mensch und selten offen für Neues. Aber was ist daran bitte so schlecht? Nach 24 Jahren auf dem Planeten Erde weiß ich nun mal, was ich mag und was ich nicht mag, und kann meine Meinung ehrlich äußern.

Spieleabende fallen, nebenbei bemerkt, natürlich in letztere Kategorie. "Nein" ist also definitiv mein Lieblingswort und wird freizügig von mir verwendet, sei es, um Samstagabende allein mit einem spannenden Krimi im Bett zu verbringen, oder einem gemeinsamen Urlaub mit meinem Studienkollegen, der denkt, dass wir viel besser miteinander befreundet sind, als es tatsächlich der Fall ist, zu entkommen.

"Nein" heißt "Nein". "Nein." Das ist ein vollständiger Satz und bedarf keiner weiteren Erklärung. "Nein" ist super. Doch wie ihr merkt, wird mir meine Negativität oft vorgehalten. Ich konzentriere mich ständig auf Dinge und Verhaltensweisen, die mir nicht gefallen, und habe mittlerweile sogar ein ganzes Buch zu dem Thema geschrieben. Manchmal, in meinen dunkelsten Stunden, fragte ich mich tatsächlich, ob mein Leben anders verlaufen wäre, wenn ich einfach öfter "Ja!" zu neuen, angsteinflößenden und ungewohnten Erfahrungen gesagt hätte.

Vielleicht wäre ich nicht so leicht genervt von meinen Mitmenschen, wenn mein eigenes Leben ein bisschen abwechslungsreicher wäre. Ich musste es heraus finden! In einem waghalsigen Selbstexperiment beschloss ich also, eine Woche lang auf sämtliche Vorschläge meiner Freunde und Bekannten - egal, wie nervig sie auch waren - mit "Ja" zu antworten. Vermutlich würde ich schon bald mit meinem Studienkollegen in Teneriffa verweilen oder mehr Runden "Das verrückte Labyrinth" über mich ergehen lassen müssen, als ein einziger Mensch je ertragen sollte, aber womöglich hätte ich ja sogar Spaß dabei.

Tag 1

Schon am ersten Tag meines Experiments fällt mir das Ja-Sagen äußerst schwer - vor allem deswegen, weil ich aus Angst, etwas Unangenehmes tun zu müssen, kaum meine Wohnung verlasse. Zwar erwische ich mich dabei, wie ich überraschend positiv auf Clickbait-Headlines reagiere ("Möchtest du wissen, welche Promis elf Zehen haben?" - "Ja!!!"), doch das ist wohl kaum der Sinn der Sache.

Später, beim Abendessen mit meinen Freunden, weht schon ein ganz anderer Wind: Auf so gut wie alle Fragen des Kellners - wie etwa "Darf es noch ein Glas Wein sein?" oder "Möchten Sie unsere Crème Brûlée probieren?" - antworte ich mit einem schallenden "Ja!" und werfe meinen Freunden dabei kesse Blicke zu, in der Hoffnung, dass zumindest einer von ihnen meine neugewonnene joie de vivre bemerkt.

"Meine Güte, Michael, du lässt heute aber wirklich nichts aus!", ist leider alles, was sie sagen, und ich fühle mich schlecht. Zugegeben: Wein und Desserts erweitern wohl kaum meinen Horizont, sondern maximal meinen Hosenbund, und ich schwöre daher, mir von nun an mehr Mühe zu geben, um neue Erfahrungen zu sammeln. Lange muss ich nicht warten: Als ich wieder zu Hause angekommen bin, erreicht mich eine Mail vom Redakteur eines Radiosenders, der bereits am folgenden Tag eine einstündige Live-Sendung zum Thema Social Media machen will.

Er fragt, ob ich spontan Lust hätte, sein Gast zu sein. Ich lese nur die Worte "Radio", "Live" und "spontan" und kann mich vor Nervosität gerade noch davon abhalten, meine Crème Brûlée auf die Tastatur zu würgen.

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Als Mensch, der schon Lampenfieber bekommt, wenn er nur eine größere Bestellung bei einem Pizza-Lieferservice aufgeben möchte, stelle ich es mir fürchterlich vor, live im Radio zu sprechen. Was, wenn ich unabsichtlich beim Lachen grunze und das ganze Land es hören kann? Egal! Mir wurde schon oft gesagt, dass ich ein "Gesicht fürs Radio" habe; "Ja, sehr gerne!", lüge ich daher und schicke meine Antwortmail ab.

Tag 2

Auf meinem Weg zum Sender fühle ich mich ein bisschen wie vor einem Sex-Date: vorfreudig, ein bisschen skeptisch und bereit, fluchtartig wieder aus der Tür zu sprinten, sollte die Stimmung abrupt den Bach runter gehen. Nachdem ich alle begrüßt habe, bringt man mir ein Glas Wasser, dessen Inhalt ich prompt ausschütte und damit nur knapp das Radiopult verfehle. Classic MichiMove! Ich bin zwar kein Körpersprachenexperte, kann aber dennoch deuten, dass einige der anwesenden Personen im Raum mich am liebsten mit einem Mikrofon zu Tode prügeln wollen.

Doch abgesehen von diesem kleinen Fauxpas verläuft mein Auftritt überraschend reibungslos: Ich werfe mit kessen Sprüchen um mich und nehme Zuhöreranrufe entgegen, bei denen ich schallend lache und Dinge wie "Hahaha, Tamara, du bist mir ja ein wirkliches Original!" jauchze, obwohl Tamara gar nicht mal so witzig ist, und schaffe es, dabei kein einziges Mal ins Mikrofon zu grunzen. Der heutige Tag ist ein Triumph!

Tag 3

Beschwingt von meinem Radio-Erlebnis schlendere ich die Straße entlang, als ich plötzlich von einer Klemmbrettfrau aufgehalten werde. "Hast du kurz Zeit, um mit mir über den Regenwald zu sprechen?", fragt sie auffällig heiter, so als hätte sie ein fürchterliches Geheimnis zu verbergen. Für gewöhnlich würde ich in so einer Situation auf einen Punkt in der Ferne deuten und dann in die entgegengesetzte Richtung laufen.

Doch heute nicht: "Ja, ich habe Zeit!", sage ich wohl ein bisschen zu laut und lausche meinem Gegenüber angestrengt, während ich alle paar Sekunden nicke und leise "Mhm" sage, wie ein Roboter, der programmiert wurde, Menschen zu imitieren. Ich lasse mich auf ein Gespräch ein und ich finde es, um ehrlich zu sein, ziemlich interessant. "Also ... möchtest du einen Baum adoptieren?", fragt mich meine neue Freundin am Ende ihres Redeschwalls.

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Ich weiß, ich weiß: Eigentlich habe ich mir geschworen, auf alles "Ja!" zu sagen, aber wenn ich dieser Frau jetzt Geld gebe, könnte ich genauso gut Geld an den nigerianischen Prinzen überweisen, der mir vorhin wieder eine Mail mit einem sehr attraktiven Angebot geschrieben hat. Also beschließe ich einfach, zumindest nicht "Nein!" zu sagen. "Alles zu seiner Zeit ...", flüstere ich nahezu mysteriös und komme mir dabei vor wie die Großmutter in Pocahontas, die ironischerweise ein Baum ist.

Langsam verlasse ich ihr Blickfeld und mache mich auf den Weg in meine Wohnung, wo mich eine SMS von meinem Freund erreicht. "Lust, übermorgen zum Training zu gehen?", fragt er mich. Ughhhh. Mein Freund ist sehr sportlich. Mindestens dreimal in der Woche geht er um sieben Uhr morgens - eine Uhrzeit, zu der ich mich gerade in der Tiefschlafphase befinde und von Baklava träume - zum Crossfit. Seit Monaten fragt er mich, ob ich nicht einmal mitkommen möchte. "Ja!", antworte ich diesmal, während eine winzige Träne über meine Wange kullert.

Tag 4

Ich bin sehr unsportlich. Würde ich einen Einkauf in einem Sportladen tätigen, würde mich vermutlich meine Bank anrufen und nachfragen, ob meine Karte gestohlen wurde. Den heutigen Tag verbringe ich also weniger mit "Ja!"-Sagen und viel mehr damit, mir Ausreden für den kommenden Tag einfallen zu lassen.

"Weißt du, ich fühle mich nicht so gut! Vielleicht liegt das an der Crème Brûlée, die ich neulich gegessen habe!", lüge ich. Mein Freund merkt, dass mir vor dem Crossfit graut, und versucht, mich zu besänftigen. "Keine Sorge, es ist ganz entspannt dort. Wir sind meistens nur zu viert mit unserem Trainer, und wenn jemand schlapp macht, wird er von den anderen angefeuert!" Warum mein Freund glaubt, dass es mir bessergehen würde, wenn er meine persönliche Vorstellung der Hölle beschreibt, ist mir ein Rätsel. Ich bin die Sorte Mensch, die um Mitternacht joggen geht oder aber die Jalousien runterlässt und dann allein zu Hause Kim Kardas hians Fit in your Jeans by Friday-DVD nachturnt, um von anderen Menschen nicht beim Sport beobachtet zu werden.

Tag 5

Um acht Uhr morgens (wir haben uns für das "späte" Training entschieden), betrete ich das Gym. Der Trainer begrüßt mich mit den Worten: "Du bist an einem schlechten Tag gekommen." No shit, Sherlock!, denke ich mir. Jeder Tag, der mit Sport beginnt, ist ein schlechter Tag! "Heute machen wir nämlich keine unterschiedlichen Übungen, sondern nur 1000 Kettlebell-Swings", erklärt er mir. Kettlebells sind schwere Kugelhanteln, die ohne Zweifel von der Mafia verwendet werden, um Petzen im Ozean zu ertränken.

Bei Kettlebell-Swings schwingt man diese Kugel zwischen seinen Beinen vor und zurück. In anderen Worten: Fun, fun, FUN! "Denkst du, du schaffst das?", fragt er mich netterweise. "Ja!", sage ich, mittlerweile wie ein Pawlow'scher Hund, und lege, gemeinsam mit meinen drei Trainingskollegen, einfach los. Schon nach 100 Swings schwitze ich wie eine Hure in der Kirche und nach 200 weiteren fließt Blut: Durch die Reibung des Stahlgriffes werden meine Handflächen in Mitleidenschaft gezogen.

Meine Hände sehen so aus, als hätte ich einen geheimen Handschlag mit Captain Hook ausgetauscht. "Wie viele Swings hast du schon, Michael?", fragt mich der Trainer nach 30 Minuten. "600!", keuche ich. "Okay, du kannst aufhören. Du schwitzt ohnehin schon mehr, als du solltest." Wenn dir ein Trainer sagt, dass du aufhören sollst zu trainieren, weil du zu viel schwitzt, weißt du, dass du eine echte Sportskanone bist.

Tag 6

Wieder einmal verlasse ich kaum meine Wohnung; diesmal aber, weil es wehtut, aufrecht zu gehen. Selbst die Klemmbrettfrau, die mich vor einigen Tagen noch belagert hat, sieht mich nur mitleidig an, als ich schmerzgekrümmt an ihr vorbeikrieche. "Wo ist denn bloß seine joie de vivre hin, die vor einigen Tagen noch sein Leben regierte?", fragt sie sich womöglich. Bestimmt weiß sie, dass ich heute drei Minuten gebraucht habe, um meine Unterhose anzuziehen.

Beim Mittagessen in einem Restaurant verdrücke ich mich auf die Toilette - eine Reise, die sich ob meines Muskelkaters wie der Jakobsweg anfühlt - und stelle fest, dass (Achtung, TMI!) mein Urin eine Farbe hat, die Urin niemals im Leben haben sollte. Besorgt humple ich zu meiner Hausärztin und lasse mein Blut untersuchen. "Du hast eine Rhabdomyolyse", erklärt sie mir ähnlich fürsorglich wie Dr. Quinn - Ärztin aus Leidenschaft, als die Ergebnisse meiner Blutuntersuchung da sind.

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"Das heißt, dass sich deine Muskelfasern auflösen. Was hast du bloß angestellt?" "Ich habe eine Schnupperstunde beim Crossfit gemacht", sage ich. Das Gesicht meiner Ärztin sieht so aus, als müsse sie sich sehr bemühen, nicht zu lachen. Sie rät mir, sofort ein Krankenhaus aufzusuchen, um mir die Nacht über Infusionen gegen irgendeinen erhöhten Wert zu holen. "Ja!", sage ich zu enthusiastisch und komme mir ein bisschen dumm dabei vor.

"Ja"-Sagen entpuppt sich schön langsam als dümmste Entscheidung seit langem (und dabei habe ich erst vor kurzem Crocs mit flauschigem Innenfutter gekauft). Während ich also die Nacht in einem kühlen, stillen Krankenzimmer verbringe, in dem mich nur das Ticken der Uhr und das Tropfgeräusch meiner Infusionen wachhält, frage ich mich, ob das wirklich die Art von "neuer Erfahrung außerhalb meiner Komfortzone" ist, die ich sammeln wollte. Eigentlich hatte ich eher an Dinge wie "eine Verkostung exotischer Käsesorten" oder "süße Tiere im Streichelzoo streicheln" gedacht.

Tag 7

Mir wird mitgeteilt, dass ich aufgrund verbesserter Blutwerte wieder nach Hause gehen darf. Für einen kurzen Moment überlege ich, eine herzergreifende Version des Songs "Thank You" von Dido für die Stationsärzte zu singen, doch entscheide mich kurzerhand dagegen. Während meines turbulenten Tags gestern habe ich völlig vergessen, meine Nachrichten zu checken, und hole dies in der Lobby des Krankenhauses nach. Neben dem üblichen Spam findet sich auch eine Nachricht von meiner Freundin, die Spieleabende so sehr liebt.

"Hast du Lust, mich zu einem Ukulele-Konzert zu begleiten?", möchte sie diesmal wissen, und langsam frage ich mich, ob sie einen Newsletter namens "100 fürchterliche Dinge, die man gemeinsam unternehmen kann" abonniert hat. Wie sind wir eigentlich Freunde geworden? Reflexartig stehe ich kurz davor, mit "Ja" zu antworten, doch dann halte ich einen Moment inne und reflektiere die letzte Woche. Ich denke an das intime Gespräch mit der Urwaldfrau, die Kettlebell-Swings aus der Hölle und nicht zuletzt meinen katastrophalen Krankenhausaufenthalt. "Nein, danke!", tippe ich dann, und fühle mich dabei, als könnte ich endlich wieder so richtig durchatmen oder würde nach einem langen Festival wieder in meinem eigenen Bett schlafen.

Mit einem zufriedenen Lächeln drücke ich "Senden", humple aus dem Kranken haus, und lasse die positive Lebenseinstellung der vergangenen Woche ein für alle Mal dort zurück. Ihr seht also: Mein Experiment hat mir absolut nichts gebracht, außer vielleicht die Bestätigung, dass Morgensport und eine positive Einstellung wirklich nur etwas für leichtsinnige Menschen sind, die gerne frühzeitig sterben wollen - eine Tatsache, die ich schon als Kind während jenes verhängnisvollen Selbstverteidigungskurses erkannt habe.

Schon damals beschloss ich, sarkastisch und immer mit gemeinen Sprüchen sowie einem flotten "Nein" auf meinen Lippen durchs Leben zu gehen. Ich denke, es war irgendwann zwischen meinen blutenden Händen und der schlaflosen Nacht im Krankenhaus, als ich beschloss: Ich werde auch in nächster Zeit bestimmt nicht damit aufhören.

Der Beitrag ist ein Auszug aus Michael Buchingers Buch "Der Letzte macht den Mund zu".

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