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In Deutschland leben viel weniger Muslime, als die meisten glauben

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MUSLIME
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Weltweit leben etwa 1,8 Milliarden Muslime, in Deutschland etwas ├╝ber 4 Millionen. Damit ist der Islam nach dem Christentum die zweitgr├Â├čte Religion der Erde und k├Ânnte im 21. Jahrhundert sogar zur zahlenm├Ą├čig gr├Â├čten Weltreligion aufsteigen.

Bestimmt habt ihr solche und ├Ąhnliche Zahlenangaben schon verschiedentlich gelesen und darauf wahlweise mit Sorge, Freude oder neutralem Interesse reagiert.

Ôľ║ Das Problem ist nur: Diese Zahlen sind sehr, sehr zweifelhaft. Denn der Islam befindet sich derzeit in einer tiefen Krise. Aktuell wenden sich viele Menschen von der Religion ab und Millionen von ehemaligen Muslimen werden trotzdem weiterhin als "Muslime" gez├Ąhlt.

Juden und Christen k├Ânnen offiziell austreten

Schauen wir beispielsweise nach Deutschland, so stellen wir fest, dass in den Statistiken als Christen und Juden jeweils jene gez├Ąhlt werden, die einer Kirche oder j├╝dischen Religionsgemeinschaft angeh├Âren. Wenn sie austreten, z├Ąhlen sie nicht mehr als christlich oder j├╝disch - auch wenn sie sich selbst vielleicht noch als Christen verstehen oder nach j├╝dischem Religionsrecht als Kinder einer j├╝dischen Mutter auch weiterhin als Juden gelten.

In unseren offiziellen Statistiken erfassen wir jedoch offiziell - und wie ich finde: zu Recht - nur jene, die einer religi├Âsen Gemeinde angeh├Âren und damit ├╝brigens meistens auch einen Mitgliedsbeitrag, eine Kirchen- oder Kultussteuer entrichten. Wenn Menschen also austreten oder ihre Kinder erst gar nicht mehr anmelden, wird ein Nachlassen religi├Âser Bindungen sichtbar und auch seit Jahrzehnten gemessen und vermeldet.

Bei Muslimen legen wir andere Ma├čst├Ąbe an

Ôľ║ W├╝rden wir das gleiche Kriterium auch auf Muslime anwenden, h├Ątten wir pl├Âtzlich nicht mehr ├╝ber vier Millionen, sondern nur noch unter einer Million Muslime in Deutschland.

Denn nur etwa 20 Prozent der "Muslime" in Deutschland geh├Âren einem Moscheeverband an. Das k├╝mmert uns jedoch - bisher - nicht, wir z├Ąhlen einfach alle Menschen als Muslime, die von muslimischen Eltern abstammen.

Und wo sollten sie sich auch abmelden? Es gibt nicht einmal eine Adresse, bei der sie ihren Austritt erkl├Ąren k├Ânnten.

Die Todesstrafe f├╝r "Abtr├╝nnige"

Ôľ║ Tats├Ąchlich sieht die traditionelle Auslegung des Islam eine Abkehr von der Religion nicht vor; wer in den Islam hineingeboren wurde oder eingetreten ist, d├╝rfe bei Todesstrafe nicht mehr gehen.

Ôľ║ Und diese Drohung gegen├╝ber "Abgefallenen" ist auch heute durchaus noch aktuell. Als das Pew-Institut 2013 eine weltweite Befragung unter Muslimen durchf├╝hrte, sprachen sich 86 Prozent der Befragten in ├ägypten f├╝r die Todesstrafe an "Abtr├╝nnigen" aus, 79 Prozent in Afghanistan, 66 Prozent in den Pal├Ąstinensergebieten, 42 Prozent im Irak, 18 Prozent in Indonesien, 17 in der T├╝rkei und auch noch 8 Prozent in Albanien.

Und selbst ehemalige Muslime, die beispielsweise in Europa leben und also keine Gewalt mehr bef├╝rchten m├╝ssen, haben oft international weit verzweigte Familien.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr f├╝r alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur ├╝ber sie geredet wird.

Millionen Muslime wenden sich in aller Stille ab

Die meisten ehemaligen Muslime h├Ąngen daher ihre innere Abkehr vom Islam einfach nicht an die gro├če Glocke - sie sprechen vielleicht unter engsten Vertrauten dar├╝ber und halten sich im ├ťbrigen von den Moscheegemeinden und den Frommen fern.

Ich nenne diese millionenfache Abkehr vom Islam ohne offiziellen Austritt den "stillen R├╝ckzug". Haben wir Hinweise darauf, wie viele Menschen das betreffen k├Ânnte? Oh ja, und die Unterschiede sind erheblich!

Viele T├╝rken und Iraner in Deutschland bekennen sich nicht zum Islam

Ôľ║ So bezeichneten sich schon bei der DIK-Studie 2009 nur noch 81,4 Prozent der in Deutschland lebenden T├╝rken als Muslime - und unter den iranischen Staatsb├╝rgern gaben gar 38 Prozent (!) an, "keine Religion" zu haben, weitere zehn Prozent bekannten sich als Christen.

Ôľ║ Selbst unter jenen, die noch angaben, Muslime zu sein, bekannten ├╝ber 20 Prozent, nie zu beten und weitere 15,3 Prozent sagten, sie t├Ąten dies nur ein paar Mal im Jahr. Nur noch jeder Dritte "Muslim" in Deutschland gab an, t├Ąglich zu beten. Wir sehen auf die Frommen und die lauten Radikalen, doch wir ├╝bersehen den "stillen R├╝ckzug".

Viele Muslime haben dem Islam wegen des Terrors den R├╝cken gekehrt

Und all dies war, noch bevor die Terroranschl├Ąge, die j├╝ngste Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten in Syrien, im Irak und im Jemen und die Fl├╝chtlingsstr├Âme einsetzten.

Inzwischen melden christliche Kirchen und Bahai mehr und mehr ex-muslimische ├ťbertrittswillige und in Erbil, der Hauptstadt von Kurdistan-Irak, sind Tausende Ex-Muslime zum Zoroastrismus ihrer Vorfahren zur├╝ckgekehrt und haben unter anderem wieder einen Tempel ihres vor-islamischen und in der Region eigentlich schon verdr├Ąngten Glaubens er├Âffnet.

In Indonesien haben sich sogar mehrere Zehntausend Menschen der neu gegr├╝ndeten Religion Gafatar angeschlossen, die derzeit mit staatlicher Gewalt unterdr├╝ckt wird.

Ôľ║ Auch in L├Ąndern wie der T├╝rkei und dem Iran habe ich mit unz├Ąhligen Menschen gesprochen, die angesichts der m├Ârderischen Gewalt im Namen des Islams ihren Glauben ersch├╝ttert oder verloren haben.

Weniger t├╝rkische Musliminnen in Deutschland tragen Kopftuch

So ist der Anteil der Musliminnen in Deutschland, die ein Kopftuch tragen, in 2016 von 41 Prozent der Eingewanderten aus der T├╝rkei auf nur noch 21 Prozent der in Deutschland geborenen Generation abgesackt.

Wir nehmen dies nur nicht wahr, weil wir Musliminnen (und Ex-Musliminnen) ohne Kopftuch sehr viel weniger beachten als zum Beispiel neu Angekommene mit Kopfbedeckung.

Wie kam die Krise in den Islam?

Aber wie konnte die einstige Hochkultur, die doch Europa so lange auch wissenschaftlich und kulturell ├╝berlegen war, in eine so tiefe Krise geraten?

Ôľ║ Im meinem Buch vertrete ich die These, dass das Verbot des Buchdrucks f├╝r arabische Lettern ab 1485 durch Sultan Bayazid II. das Osmanische Reich zwar stabil erhielt, aber auch erstarren lie├č.

Europa ging durch die Reformation, die Konfessionskriege und schlie├člich die Aufkl├Ąrung und entwickelte sich technologisch und damit auch milit├Ąrisch weiter. Um 1800 konnte bereits die H├Ąlfte der Deutschen lesen, Goethe, Schiller, Kant und die Gebr├╝der Humboldt pr├Ągten die voranst├╝rmende Kultur.

Im Osmanischen Reich aber war Lesen und Schreiben das Privileg einer kleinen Minderheit von unter f├╝nf Prozent. Und als Napoleon eine Druckerpresse ins fast m├╝helos eroberte Kairo mitbrachte, wurde diese von einem w├╝tenden Mob zerst├Ârt, der die Maschine f├╝r eine Verschw├Ârung des Westens hielt.

Verbreiteter Verschw├Ârungsglauben

Denn tats├Ąchlich erkl├Ąrten sich sehr viele Muslime den pl├Âtzlichen Niedergang ihrer eigenen Zivilisation mit finsteren Verschw├Ârungen - und ├╝bernahmen die entsprechenden Verschw├Ârungsmythen aus dem Westen.

Oppositionelle, kritische und ehemalige Muslime stehen daher st├Ąndig in der Gefahr, als Mitverschw├Ârer von Freimaurern, Illuminaten, US-amerikanischen Geheimdiensten und den "Weisen von Zion" beschuldigt zu werden.

Nicht wenige Muslime bekennen zwar noch den Glauben an einen guten Gott, lehren aber eigentlich, dass b├Âse und verschw├Ârerische M├Ąchte diese Welt beherrschen. Sie sind eher Dualisten als Monotheisten - und damit wird nat├╝rlich nichts besser.

Im Gegenteil: Probleme werden durch das falsche Beschuldigen fremder M├Ąchte nicht gel├Âst, und wer politisch Andersdenkende als Verschw├Ârer beschimpft oder gar attackiert, ist zur Demokratie unf├Ąhig.

Der Fluch des ├ľls

Ôľ║ Im 20. Jahrhundert trat zu alledem auch noch der verh├Ąngnisvolle Einfluss des ├ľls.

Wo die Einnahmen eines Staates nicht aus den Steuern der B├╝rgerinnen und B├╝rger, sondern aus ausl├Ąndischen Quellen kommen, entsteht keine Demokratie. Denn kleine Eliten werden sich die Einkommensquellen (wie ├ľl oder Gas) unter den Nagel rei├čen und den Rest des Landes in Abh├Ąngigkeit halten oder unterdr├╝cken.

So finanzieren wir selbst die Regime etwa in Saudi-Arabien und Iran, in Katar, Kuwait und Irak ebenso wie die Milizen in Lybien und Syrien.

Aber auch in nichtislamischen L├Ąndern wie Russland, Venezuela und Angola l├Ąsst sich dieser verheerende "Fluch des ├ľls" besichtigen. Wenn ihr in eurem ganzen Leben nur eine einzige, politikwissenschaftliche Theorie kennenlernen wollt, dann empfehle ich die "Rentierstaatstheorie" - diese hat nichts mit Huftieren zu tun und erkl├Ąrt die Zusammenh├Ąnge eindrucksvoll.

Kann man das Ungewohnte diskutieren?

Mir ist nat├╝rlich bewusst, dass solche Beobachtungen vielen Wahrnehmungen auf allen Seiten widersprechen.

Ôľ║ Neben sehr viel positivem Interesse erhalte ich daher auch jede Menge Beschimpfungen von Leuten, die meist nur ├ťberschriften lesen. Dazu geh├Âren Rechtspopulisten, die mir vorwerfen, den Islam zu "verharmlosen" und die "Islamisierung" zu leugnen.

Ôľ║ Umgekehrt emp├Âren sich manche Muslime, ich w├╝rde den Islam "schlechtmachen", dieser sei "ewig" und k├Ânne also - im Gegensatz etwa zu Christentum oder Hinduismus - gar nicht in eine Krise geraten.

Ôľ║ Und gestern erl├Ąuterten mir zwei Deutsch-Iranerinnen, dass ich noch untertrieben h├Ątte - in Wirklichkeit sei der Verfall des islamischen Glaubens insbesondere im Iran schon so weit fortgeschritten, dass die Fassade immer mehr br├Âckele und nur noch durch Gewalt aufrecht erhalten werde.

Es gibt eben nicht "die Muslime" als einheitliche Gruppe

Nach meinen Beobachtungen sind Muslime und Ex-Muslime ebenso vielf├Ąltig wie Christen, Juden und Humanisten auch - und es gibt zwischen den islamischen Radikalen einerseits und dem "stillen R├╝ckzug" andererseits auch noch immer sehr viele Musliminnen und Muslime, die ihre Religion zugleich ├Âffnen und erneuern wollen.

Und auch wenn sich die T├╝rkei gerade demokratisch, kulturell und wissenschaftlich zur├╝ckentwickelt, so sehe ich doch starke Reformstr├Âmungen beispielsweise in Tunesien und Indonesien.

Ôľ║ Deswegen lehne ich die von einer K├╝nstlergruppe in D├╝sseldorf vorgestellte These, der Islam sei bereits "tot", noch ab.

Ôľ║ Aber eines halte ich f├╝r sicher: Einer Krise kann man erst dann erfolgreich begegnen, wenn man sich eingesteht, dass sie da ist. Es ist h├Âchste Zeit, dass wir alle realistischer und ehrlicher auf den Islam blicken und nicht nur unsere Statistiken, sondern auch unsere Wahrnehmungen ├╝berpr├╝fen.

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Michael Blume ist Autor des Buchs: "Islam in der Krise. Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem R├╝ckzug", das im Patmos-Verlag erschienen ist

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