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Liebe Brüder und Schwestern im Westen!

05/10/2017 18:03 CEST | Aktualisiert 06/10/2017 17:39 CEST
Michael Bittner

Liebe Brüder und Schwestern im Westen!

Eigentlich sitze ich gewöhnlich um diese Uhrzeit mit meinem Kumpel Ronny an der Bushaltestelle, um Bier zu trinken und über die Ausländer zu schimpfen. Aber ich mache heute einmal eine Ausnahme, denn ich will euch ein paar Worte schreiben.

Ihr habt es nach der Bundestagswahl und dem beachtlichen Ergebnis der "Alternative für Deutschland" wirklich wunderbar hinbekommen, aus einer Diskussion über den Rechtspopulismus eine über den rechten Ossi zu machen.

Eine eurer Zeitungen verkündete: "Die Mauer ist wieder da!" Sollte damit tatsächlich nur der Schrecken über das gute Abschneiden der AfD im Osten ausgedrückt werden?

Oder äußerte sich hier vielleicht der klammheimliche Wunsch nach dem wirklichen Wiederaufbau eines antifaschistischen Schutzwalls, der nun allerdings den Westen zu beschirmen hätte?

In diesem Fall wäre vielleicht ein Kompromiss möglich, denn auch die Pegida-Rednerin Tatjana Festerling forderte ja einst in Dresden den Wiederaufbau der Mauer. Wenn's alle Deutschen glücklich macht, wieder getrennt zu sein, warum nicht?

Mehr zum Thema: Ich gehöre zu dem Teil von Deutschland, den die AfD loswerden will

Ihr verdrängt lieber, dass von den 6 Millionen AfD-Wählern 4 Millionen in Westdeutschland leben

Ich kann verstehen, wieso ihr den Faschisten lieber im fernen Osten als in eurer Nähe sehen wollt. Man weiß eben das Schreckliche ungern in seiner Nähe, traut dem Nachbarn nichts Böses zu.

Da verdrängt ihr lieber, dass von den ungefähr 6 Millionen AfD-Wählern 4 Millionen in Westdeutschland leben.

Ihr wollt auch nicht so genau erfahren, dass in manchen Regionen Bayerns und Baden-Württembergs genauso viele Bürger AfD gewählt haben wie im schlimmen Osten.

Der Osten ist ja auch auf Landkarten eindeutig weiter rechts zu finden als der Westen - weitere Fragen sind da überflüssig.

Noch nichts gehört habt ihr offenbar auch von der erstaunlichen Tatsache, dass fast alle Führungskräfte der AfD, Alexander Gauland, Björn Höcke, Alice Weidel und Jörg Meuthen, in Westdeutschland asozialisiert wurden. Oder sind all die westdeutschen AfD-Funktionäre und AfD-Wähler vielleicht heimliche Ossis, eingeschleust, um den glücklichen Westen zu verheeren?

"Wieder ein Ossi, der das Problem des Rechtsextremismus in seiner Heimat nicht wahrhaben will!", höre ich euch rufen. Ich bin weit davon entfernt. Als Kind des Ostens durfte ich den Rechtsextremismus hautnaher erleben, als mir lieb war.

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.png Inside AfD - Die Community für Kritiker der Rechtspopulisten

Besitzen die Ostdeutschen ein Nazi-Gen?

Noch frustrierender als der Anblick von Nazis war noch das Erlebnis, wie gewöhnliche Ostbürger auf rechten Terror mit ängstlicher Zurückhaltung, Gleichgültigkeit oder gar nicht so heimlicher Sympathie reagierten.

Was aber mag die Ursache dafür sein? Besitzen die Ostdeutschen ein Nazi-Gen, das sie von euch braven Westdeutschen unterscheidet?

Ich habe Zweifel. Wär's dann nicht schlau, nach sozialen Ursachen zu suchen?

Kann der Rechtsdrall so vieler Ostdeutscher vielleicht mit dem Frust zu tun haben, den sie schieben, und dem Neid, den sie empfinden?

Damit, dass nach der Wende kaum einer seine Arbeit behielt und viele auch keine neue mehr gefunden haben?

Dass noch heute die Löhne und Renten weit unter denen im Westen liegen, obwohl im Osten länger gearbeitet wird?

Dass fast alle Chefposten im Osten nach 1989 an Westdeutsche verteilt wurden, die im Westen keiner mehr haben wollte? Während gerade die klügsten und mutigsten Ostdeutschen zu euch in den Westen abgewandert sind?

Hat die Angst vor Ausländern in einer Gegend, wo kaum Ausländer wohnen, vielleicht damit zu tun, dass die Ostdeutschen schon in der DDR kaum Erfahrung mit Fremden sammeln konnten?

Es gibt sie, die Jammerossis

Damit ihr mich nicht missversteht: Kein sozialer Frust entschuldigt die Entscheidung irgendeines Menschen, sich als Faschist zu betätigen. Es gibt sie, die Jammerossis, die ihre Feig- und Trägheit durch die Befriedigung kompensieren, anderen die Schuld für ihr eigenes Versagen geben zu können. Aber eines scheint mir auch klar: Es ist wesentlich einfacher, in Freiburg im Breisgau kein Nazi zu werden als in Hoyerswerda.

Wäre also am Ende eine Scheidung für alle Beteiligten das Beste?

Mehr zum Thema: Weder Flüchtlinge noch die Euro-Politik: Der wahre Grund für den Erfolg der AfD ist ein völlig anderer

Die Ossis könnten sich eine neue DDR unter Führung der Staatspartei AfD aufbauen. Und ihr Wessis könntet endlich wieder BRD-Deutsche sein wie in den goldenen Achtzigern, als euch die Leute in der DDR schon erleichternd wurscht waren.

Für Ostdeutschland interessiert ihr euch ja auch heute nur dann, wenn da irgendwas mit Nazis passiert, über das ihr euch erregen könnt. Also, Leute: Feiern wir in einem Jahr am 3. Oktober das Fest der deutschen Zweiheit!

Wir müssen das irgendwie gemeinsam hinbekommen

Aber halt, da fällt mir etwas ein: In meinem Haushalt wohnt seit geraumer Zeit eine westdeutsche Frau. Mit ihr versuche ich mich schon seit Längerem in deutscher Einheit.

Es ist nicht immer einfach, aber wir geben unser Bestes, sind kompromissbereit und reden miteinander. Sie müsste wohl ausreisen, wenn die beiden Deutschländer sich wieder trennten? Nein, dann kann ich der Wiederzerteilung doch nicht zustimmen.

Wir müssen das irgendwie gemeinsam hinbekommen. Liebe Mitbürger, reißt euch bitte zusammen! Vielleicht ist ja der Kampf gegen den neuen Nationalismus sogar etwas, das die Besseren in beiden Hälften des Landes auf ganz neue Art vereinigen kann.

Michael Bittner ist Autor des Buches "Der Bürger macht sich Sorgen".

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