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Selbstgeboren. Die Kehrseite des Hebammenprotests

30/03/2014 11:18 CEST | Aktualisiert 30/05/2014 11:12 CEST

Ich habe meine Kinder selbstgeboren. Oder etwa nicht?

Ein Aufruf einer Hebamme hat mich und viele andere Mütter in meiner Twitter Timeline am Donnerstag aufgewühlt. Worum ging es?

Für ein Buchprojekt rief eine Hebamme Mütter, deren Partner und andere Hebammen dazu auf, ihr die Geschichten von Geburten zuzusenden. Einzige Bedingung: Es musste sich um "kraftvolle und selbstbestimmte" Geburten handeln. Diese Geburten fasst sie unter dem Stichwort "selbstgeboren" zusammen. Nicht darunter fallen nach ihrer Definition Geburten mit eingeleiteten Wehen, PDA oder Kaiserschnitt.

Geht der Hebammenprotest mich nichts an?

Als ich den Aufruf las, wurde mir schlagartig klar, warum mich der Hebammenprotest bislang so wenig berührt hat: Meine Kinder sind beide in einem großen Krankenhaus zur Welt gekommen und für mich war das gut so. Eine Hausgeburt wäre für mich nicht in Frage gekommen. Bei dem Hebammenprotest geht es natürlich um viel mehr als nur darum, Frauen auch weiterhin Hausgeburten zu ermöglichen, aber was ich immer herausgelesen und gehört habe, war überspitzt ausgedrückt: Wir brauchen Hebammen, damit Geburten ohne Eingriffe von außen und am besten zu Hause stattfinden können - also nicht für Frauen wie mich.

Bis Donnerstag hatte ich mich lediglich nicht richtig angesprochen gefühlt. Der Aufruf zu Geschichten über "kraftvolle und selbstbestimmte" Geburten von Müttern, die ihre Kinder "selbstgeboren" haben, machte mich nun richtig wütend.

Die Kehrseite des Hebammenprotests

Von meinen beiden Geburten ist eine komplett ohne Eingriffe von außen abgelaufen: Keine PDA, keine Hilfsmittel, kein Dammschnitt - nichts. Die andere Geburt musste eingeleitet werden und nach einigen Stunden winselte ich nach einer PDA. Beide Geburten waren für mich wundervolle Erlebnisse, beide haben mich viel Kraft gekostet und waren ein hartes Stück Arbeit. Beide Geburten sind einzigartig und es sind MEINE Geburten, die Geburten MEINER Kinder, die ich in meiner Erinnerung für immer als die großartigsten Erlebnisse meines Lebens bewahren werde. Und nun kommt jemand und klassifiziert die eine dieser Geburten als kraftvoll und selbstbestimmt und die andere nicht?

Eine Klassifizierung von Geburten ist ganz sicher nicht das Anliegen des Hebammenprotestes, aber er birgt genau diese Gefahr. Frauen darin zu bestärken, dass sie die Kraft haben, ein Kind ohne Hilfsmittel zur Welt zu bringen, ist gut und wichtig, aber der Umkehrschluss darf nicht sein, dass jede Geburt, die nicht ohne Eingriffe auskommt, ein "Weniger" ist: weniger selbstbestimmt, weniger kraftvoll, weniger natürlich.

Mir ist deshalb wichtig, drei Dinge herauszustellen:

1. Auch eine assistierte Geburt kann kraftvoll und selbstbestimmt sein.

Schon an dem Begriff "Selbstbestimmtheit", der im Zusammenhang mit dem Hebammenprotest häufig fiel, habe ich mich immer gestört, denn es entsteht der Eindruck, dass eine Geburt nur dann selbstbestimmt sein kann, wenn sie ohne Eingriffe verläuft.

Die Geburt meines ersten Kindes wurde eingeleitet. Ich war in die Entscheidung zu 100 Prozent eingebunden. Nach ein paar Stunden war ich mit meinen Kräften am Ende und wünschte mir eine PDA. Sie wurde mir nicht angeboten - ich musste danach fragen.

Ärzte habe ich während der gesamten Geburt nur drei Mal kurz gesehen: Einmal, als die PDA gelegt wurde. Das zweite Mal, als die Herztöne meines Sohnes ganz plötzlich absackten. Wie aus dem Nichts stand innerhalb von Sekunden ein Arzt im Zimmer und vergewisserte sich, dass alles in Ordnung war - dann verschwand er so schnell, wie er gekommen war. Es gab mir ein herrliches Gefühl von bestmöglicher medizinischer Versorgung.

Als schließlich die Geburt nicht weiterging, standen wieder Ärzte im Zimmer und beratschlagten, ob ein Kaiserschnitt nötig werden würde. Zu diesem Zeitpunkt war die PDA längst nicht mehr zu spüren. Ich war zwar kaum noch geistig anwesend, trotzdem wurde mir alles genau erklärt. Gemeinsam einigten wir uns darauf, noch ein wenig abzuwarten - und dann ging es zum Glück doch weiter.

Am Ende hielt ich mein erstes Kind im Arm. Ich war Mutter geworden. Niemand hat mir irgendetwas abgenommen - so gerne mein Mann es auch getan hätte. Ich habe es allein geschafft. Mit meiner Kraft und mit von mir gewählten Hilfsmitteln zum von mir gewählten Zeitpunkt.

Natürlich gibt es auch andere Beispiele. Wer aber die Beteiligung von Ärzten mit der Abwesenheit von Selbstbestimmtheit gleichsetzt, der schießt über das Ziel hinaus.

2. Die Schulmedizin ist ein Segen - sie ist nicht der Feind der Geburtshilfe

Im Zuge des Hebammenprotestes wird immer wieder hörbar, dass Geburten "drohen" allein in Kliniken verortet zu werden. Eine Klinik ist jedoch ebenso wenig eine Bedrohung, wie die Schulmedizin selbst. Ich glaube, dass auch hier zum Teil unglückliche Formulierungen falsche Rückschlüsse erlauben. Denn auf die Schulmedizin können und wollen wohl auch Hebammen nicht gänzlich verzichten.

Ich persönlich halte ein Nebeneinander von Ärzten und Hebammen für ein großartiges System: Die Errungenschaften der Schulmedizin gepaart mit dem Wissen um natürliche Geburtshilfe sichert Mutter und Kind die bestmögliche Versorgung. Innerhalb dieses Rahmens die Möglichkeit zu haben, seine Schwerpunkte wählen zu können, ist etwas, wofür ich dankbar bin. Wir haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wo eine Geburt stattfinden soll - zu Hause oder im Krankenhaus. Es geht darum, die Wahlfreiheit zu erhalten. Wer sich für ein Krankenhaus entscheidet, bringt seine Kinder nicht fremdbestimmt, kraftlos und unselbst zu Welt.

Ich sehe natürlich die Gefahr, dass in Kliniken und ohne Hebammen Eingriffe deutlich schneller gemacht werden, Schmerzmittel schneller verabreicht werden, schnell ein Kaiserschnitt durchgeführt wird. Das müssen wir Mütter uns bewusst machen, hier sind wir selber gefragt. Unter der Geburt ist man schnell entscheidungsunfähig, also müssen wir Dinge im Vorfeld festlegen und beispielsweise unseren Partner briefen, denn sonst kann uns eine Hebamme, genau wie ein Arzt, das Heft aus der Hand nehmen.

3. Jede Frau bringt ihre Kinder selbst zur Welt

Jede Frau, die ein Kind zur Welt gebracht hat, hat Großes geleistet - völlig unabhängig davon, wie das Kind zur Welt kam. Ich weigere mich, Geburten als mehr oder weniger "richtig" oder "gut" einzustufen und somit einen unsinnigen Wettbewerb unter Müttern zu schaffen: Wer am meisten Schmerzen ausgehalten hat, der hat es am Besten gemacht. Wer einen Kaiserschnitt braucht, hat versagt. Wer eine Saugglocke benötigt, hat sich nicht richtig angestrengt...

Es darf und es kann aus meiner Sicht keine Abwertung von Geburten geben und das gilt für jede Geburt inklusive geplanter Kaiserschnitte. Jede Mutter will das Beste für ihr Kind. Sie trägt und übernimmt die Verantwortung für das Leben ihres Kindes. Eine Entscheidung, die in diesem Zusammenhang getroffen wird, kann nicht falsch sein. Auch einem geplanten Kaiserschnitt geht eine Entscheidungsfindung der Mutter voraus, und am Ende ist das eben ihr Weg, ihr Kind auf die Welt zu bringen. Ich tue mich sogar schwer damit, eine Geburt als mehr oder weniger natürlich zu bezeichnen. Wenn ich an die Geburt meines Sohnes zurückdenke, die sowohl eine Einleitung als auch eine PDA beinhaltete, so kann ich nur sagen, dass ich mich nie zuvor und nur einmal danach (bei Sohn Nr. 2) so nah dran am Leben gefühlt habe. Eine Geburt ist das pure Leben. Immer. Wie kann sie nicht natürlich sein?

Ein Buch mit dem Titel "Selbstgeboren" sollte ein buntes, facettenreiches Buch voller Geschichten sein, die so unterschiedlich sind, wie die Frauen selber. Subjektive Erlebnisse, aber alle voller Kraft - der Kraft von uns Müttern.

Ich habe zwei ganz unterschiedliche Geburten erlebt.

Ich habe gekämpft, gelitten, gehofft, gebetet, geweint.

Ich habe es geschafft.

ICH.

Ich habe meine Kinder selbstgeboren. Wer denn sonst?

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