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Selbstgeboren. Die Kehrseite des Hebammenprotests

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Ich habe meine Kinder selbstgeboren. Oder etwa nicht?

Ein Aufruf einer Hebamme hat mich und viele andere M├╝tter in meiner Twitter Timeline am Donnerstag aufgew├╝hlt. Worum ging es?

F├╝r ein Buchprojekt rief eine Hebamme M├╝tter, deren Partner und andere Hebammen dazu auf, ihr die Geschichten von Geburten zuzusenden. Einzige Bedingung: Es musste sich um "kraftvolle und selbstbestimmte" Geburten handeln. Diese Geburten fasst sie unter dem Stichwort "selbstgeboren" zusammen. Nicht darunter fallen nach ihrer Definition Geburten mit eingeleiteten Wehen, PDA oder Kaiserschnitt.


Geht der Hebammenprotest mich nichts an?

Als ich den Aufruf las, wurde mir schlagartig klar, warum mich der Hebammenprotest bislang so wenig ber├╝hrt hat: Meine Kinder sind beide in einem gro├čen Krankenhaus zur Welt gekommen und f├╝r mich war das gut so. Eine Hausgeburt w├Ąre f├╝r mich nicht in Frage gekommen. Bei dem Hebammenprotest geht es nat├╝rlich um viel mehr als nur darum, Frauen auch weiterhin Hausgeburten zu erm├Âglichen, aber was ich immer herausgelesen und geh├Ârt habe, war ├╝berspitzt ausgedr├╝ckt: Wir brauchen Hebammen, damit Geburten ohne Eingriffe von au├čen und am besten zu Hause stattfinden k├Ânnen - also nicht f├╝r Frauen wie mich.

Bis Donnerstag hatte ich mich lediglich nicht richtig angesprochen gef├╝hlt. Der Aufruf zu Geschichten ├╝ber "kraftvolle und selbstbestimmte" Geburten von M├╝ttern, die ihre Kinder "selbstgeboren" haben, machte mich nun richtig w├╝tend.


Die Kehrseite des Hebammenprotests

Von meinen beiden Geburten ist eine komplett ohne Eingriffe von au├čen abgelaufen: Keine PDA, keine Hilfsmittel, kein Dammschnitt - nichts. Die andere Geburt musste eingeleitet werden und nach einigen Stunden winselte ich nach einer PDA. Beide Geburten waren f├╝r mich wundervolle Erlebnisse, beide haben mich viel Kraft gekostet und waren ein hartes St├╝ck Arbeit. Beide Geburten sind einzigartig und es sind MEINE Geburten, die Geburten MEINER Kinder, die ich in meiner Erinnerung f├╝r immer als die gro├čartigsten Erlebnisse meines Lebens bewahren werde. Und nun kommt jemand und klassifiziert die eine dieser Geburten als kraftvoll und selbstbestimmt und die andere nicht?

Eine Klassifizierung von Geburten ist ganz sicher nicht das Anliegen des Hebammenprotestes, aber er birgt genau diese Gefahr. Frauen darin zu best├Ąrken, dass sie die Kraft haben, ein Kind ohne Hilfsmittel zur Welt zu bringen, ist gut und wichtig, aber der Umkehrschluss darf nicht sein, dass jede Geburt, die nicht ohne Eingriffe auskommt, ein "Weniger" ist: weniger selbstbestimmt, weniger kraftvoll, weniger nat├╝rlich.

Mir ist deshalb wichtig, drei Dinge herauszustellen:

1. Auch eine assistierte Geburt kann kraftvoll und selbstbestimmt sein.

Schon an dem Begriff "Selbstbestimmtheit", der im Zusammenhang mit dem Hebammenprotest h├Ąufig fiel, habe ich mich immer gest├Ârt, denn es entsteht der Eindruck, dass eine Geburt nur dann selbstbestimmt sein kann, wenn sie ohne Eingriffe verl├Ąuft.

Die Geburt meines ersten Kindes wurde eingeleitet. Ich war in die Entscheidung zu 100 Prozent eingebunden. Nach ein paar Stunden war ich mit meinen Kr├Ąften am Ende und w├╝nschte mir eine PDA. Sie wurde mir nicht angeboten - ich musste danach fragen.

├ärzte habe ich w├Ąhrend der gesamten Geburt nur drei Mal kurz gesehen: Einmal, als die PDA gelegt wurde. Das zweite Mal, als die Herzt├Âne meines Sohnes ganz pl├Âtzlich absackten. Wie aus dem Nichts stand innerhalb von Sekunden ein Arzt im Zimmer und vergewisserte sich, dass alles in Ordnung war - dann verschwand er so schnell, wie er gekommen war. Es gab mir ein herrliches Gef├╝hl von bestm├Âglicher medizinischer Versorgung.
Als schlie├člich die Geburt nicht weiterging, standen wieder ├ärzte im Zimmer und beratschlagten, ob ein Kaiserschnitt n├Âtig werden w├╝rde. Zu diesem Zeitpunkt war die PDA l├Ąngst nicht mehr zu sp├╝ren. Ich war zwar kaum noch geistig anwesend, trotzdem wurde mir alles genau erkl├Ąrt. Gemeinsam einigten wir uns darauf, noch ein wenig abzuwarten - und dann ging es zum Gl├╝ck doch weiter.

Am Ende hielt ich mein erstes Kind im Arm. Ich war Mutter geworden. Niemand hat mir irgendetwas abgenommen - so gerne mein Mann es auch getan h├Ątte. Ich habe es allein geschafft. Mit meiner Kraft und mit von mir gew├Ąhlten Hilfsmitteln zum von mir gew├Ąhlten Zeitpunkt.

Nat├╝rlich gibt es auch andere Beispiele. Wer aber die Beteiligung von ├ärzten mit der Abwesenheit von Selbstbestimmtheit gleichsetzt, der schie├čt ├╝ber das Ziel hinaus.


2. Die Schulmedizin ist ein Segen - sie ist nicht der Feind der Geburtshilfe

Im Zuge des Hebammenprotestes wird immer wieder h├Ârbar, dass Geburten "drohen" allein in Kliniken verortet zu werden. Eine Klinik ist jedoch ebenso wenig eine Bedrohung, wie die Schulmedizin selbst. Ich glaube, dass auch hier zum Teil ungl├╝ckliche Formulierungen falsche R├╝ckschl├╝sse erlauben. Denn auf die Schulmedizin k├Ânnen und wollen wohl auch Hebammen nicht g├Ąnzlich verzichten.

Ich pers├Ânlich halte ein Nebeneinander von ├ärzten und Hebammen f├╝r ein gro├čartiges System: Die Errungenschaften der Schulmedizin gepaart mit dem Wissen um nat├╝rliche Geburtshilfe sichert Mutter und Kind die bestm├Âgliche Versorgung. Innerhalb dieses Rahmens die M├Âglichkeit zu haben, seine Schwerpunkte w├Ąhlen zu k├Ânnen, ist etwas, wof├╝r ich dankbar bin. Wir haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wo eine Geburt stattfinden soll - zu Hause oder im Krankenhaus. Es geht darum, die Wahlfreiheit zu erhalten. Wer sich f├╝r ein Krankenhaus entscheidet, bringt seine Kinder nicht fremdbestimmt, kraftlos und unselbst zu Welt.

Ich sehe nat├╝rlich die Gefahr, dass in Kliniken und ohne Hebammen Eingriffe deutlich schneller gemacht werden, Schmerzmittel schneller verabreicht werden, schnell ein Kaiserschnitt durchgef├╝hrt wird. Das m├╝ssen wir M├╝tter uns bewusst machen, hier sind wir selber gefragt. Unter der Geburt ist man schnell entscheidungsunf├Ąhig, also m├╝ssen wir Dinge im Vorfeld festlegen und beispielsweise unseren Partner briefen, denn sonst kann uns eine Hebamme, genau wie ein Arzt, das Heft aus der Hand nehmen.


3. Jede Frau bringt ihre Kinder selbst zur Welt

Jede Frau, die ein Kind zur Welt gebracht hat, hat Gro├čes geleistet - v├Âllig unabh├Ąngig davon, wie das Kind zur Welt kam. Ich weigere mich, Geburten als mehr oder weniger "richtig" oder "gut" einzustufen und somit einen unsinnigen Wettbewerb unter M├╝ttern zu schaffen: Wer am meisten Schmerzen ausgehalten hat, der hat es am Besten gemacht. Wer einen Kaiserschnitt braucht, hat versagt. Wer eine Saugglocke ben├Âtigt, hat sich nicht richtig angestrengt...


Es darf und es kann aus meiner Sicht keine Abwertung von Geburten geben und das gilt f├╝r jede Geburt inklusive geplanter Kaiserschnitte. Jede Mutter will das Beste f├╝r ihr Kind. Sie tr├Ągt und ├╝bernimmt die Verantwortung f├╝r das Leben ihres Kindes. Eine Entscheidung, die in diesem Zusammenhang getroffen wird, kann nicht falsch sein. Auch einem geplanten Kaiserschnitt geht eine Entscheidungsfindung der Mutter voraus, und am Ende ist das eben ihr Weg, ihr Kind auf die Welt zu bringen. Ich tue mich sogar schwer damit, eine Geburt als mehr oder weniger nat├╝rlich zu bezeichnen. Wenn ich an die Geburt meines Sohnes zur├╝ckdenke, die sowohl eine Einleitung als auch eine PDA beinhaltete, so kann ich nur sagen, dass ich mich nie zuvor und nur einmal danach (bei Sohn Nr. 2) so nah dran am Leben gef├╝hlt habe. Eine Geburt ist das pure Leben. Immer. Wie kann sie nicht nat├╝rlich sein?

Ein Buch mit dem Titel "Selbstgeboren" sollte ein buntes, facettenreiches Buch voller Geschichten sein, die so unterschiedlich sind, wie die Frauen selber. Subjektive Erlebnisse, aber alle voller Kraft - der Kraft von uns M├╝ttern.

Ich habe zwei ganz unterschiedliche Geburten erlebt.

Ich habe gek├Ąmpft, gelitten, gehofft, gebetet, geweint.

Ich habe es geschafft.

ICH.

Ich habe meine Kinder selbstgeboren. Wer denn sonst?

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