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"Wir leisten Knochenarbeit und kommen gerade so über die Runden" - so menschenunwürdig sind die Arbeitsbedingungen in der Pflege

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KRANKENSCHWESTER
ullstein bild via Getty Images
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Früher hatte ich einen ganz besonderen Beruf. Ich war Psychologe, Sterbebegleiter und Arzt. Ich habe Menschen gepflegt, Angehörige betreut und Leben gerettet.

Studiert habe ich dafür nicht. Ich habe auch keine Millionen verdient. Vielmehr bin ich gerade so über die Runden gekommen.

Denn trotz meiner vielfältigen Aufgaben, bin ich "nur" Krankenpfleger. Und ich habe lange in diesem Beruf gearbeitet - so lange, bis es nicht mehr ging. Bis ich einfach nicht mehr konnte. Bis ich unter der Last des verkehrten Systems zusammenbrach.

Es ist purer Stress

Genauso wie viele andere, die in diesem Beruf gearbeitet haben, habe ich mir daraufhin eine andere Tätigkeit gesucht. Ich machte eine Umschulung und bin heute Pflegeberater, internationaler recruiting manager und Pflegeexperte.

Nur ganz wenige Menschen arbeiten mehr als zehn oder fünfzehn Jahre als Pfleger. Denn nach dieser Zeit leiden die meisten unter körperlichen oder psychischen Einschränkungen - das Resultat aus einem menschenunwürdigen Arbeitsalltag.

Der Tag startete bei mir um 4.30 Uhr morgens, denn der Weg zur Arbeitsstelle war lang und die Frühschicht im Krankenhaus begann um 6 Uhr. Im Winter kam es mir vor wie mitten in der Nacht.

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Tagsüber musste ich dann von einem Patienten zum nächsten rennen. Und das auf einer pflegerisch völlig unterbesetzten Station. Das ist purer Stress. Neben den pflegerischen Tätigkeiten musste ich dann oft noch Lehrlinge einarbeiten, Assistenzärzte mit den Arbeitsabläufen vertraut machen und mit Angehörigen sprechen. Eigentlich waren wir als Krankenpfleger für alles zuständig.

Wir tragen so große Verantwortung

Wenn ich dann abends völlig geschafft das Krankenhaus verlassen habe, war mein Arbeitstag jedoch noch nicht vorbei. Ich hatte einen zweiten Job in der Heimbeatmung, um besser über die Runden zu kommen - genauso wie jeder dritte Arbeitnehmer in Heimen oder Krankenhäusern.

Mit den monatlichen 2000 Euro Nettogehalt kann man zwar für seine Grundbedürfnisse sorgen, Luxus jedoch ist da nicht drin. Möchte man in seinem wohlverdienten Urlaub mal eine Reise machen, ist ein zweiter Job fast unerlässlich. Denn dafür ist das Geld einfach zu wenig.

Um die schlechte Bezahlung dreht sich der Teufelskreis, in dem die schlechten Bedingungen für Pflegefachkräfte verankert sind.

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Das Waschen und Umlagern von Patienten kann körperlich sehr anstrengend sein. Hinzu kommt eine gewisse psychische Belastung - schließlich hat man Tag für Tag mit alten, kranken, sterbenden Menschen zu tun.

Und nicht nur das: Wir tragen eine große Verantwortung. Denn wir arbeiten nicht nur mit Menschen, sondern haben auch deren Leben und Überleben in der Hand. Nicht jeder kann diese Last tragen.

Die Bezahlung ist eine schreiende Ungerechtigkeit

Unter all diesen Umständen wird die Pflegetätigkeit einfach viel zu schlecht bezahlt. Gerade junge Menschen wollen den Beruf nicht mehr ausüben. Und wenn sie sich dafür entscheiden, schmeißen sie oft schon nach wenigen Wochen alles hin.

Weil es so wenig Nachwuchs gibt, ist die Arbeitsbelastung für den einzelnen Pfleger umso höher. Die Qualität der Arbeit geht verloren, die Patienten werden schlechter betreut und vor allem werden die wenigen, die in diesem Beruf noch arbeiten, immer weiter verheizt.

Rückenbeschwerden, Gelenkschmerzen oder Burnout sind die Folge - und bewegen den Teufelskreis immer weiter.

Ich habe mir zum Ziel gesetzt, ihn zu durchbrechen. Als Pflegeberater möchte ich dafür sorgen, dass die Umstände in diesem so wichtigen und eigentlich schönem Beruf wieder besser werden.

Ich möchte die Politik auf diese verheerenden Missstände aufmerksam machen.

Denn ich und auch viele andere haben sich für die Arbeit in der Pflege entschieden, weil wir Menschen helfen möchten. Weil wir Erfüllung darin finden, sie gesund zu pflegen und ihr Leben wieder angenehm zu machen.

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Das ist der Grundgedanke hinter unserer Arbeit. Und nur weil einige meiner Kollegen in Deutschland diesen Gedanken noch verinnerlicht haben, geht es den Alten und Kranken in unserem Land gut.

Doch ich bezweifle, ob sich in der jungen Generation ausreichend Menschen finden, die bereit sind, unter diesen Bedingungen zu arbeiten. Die Folgen sollten jedem klar sein: Unser Lebensabend wird nicht besonders schön ausfallen.

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