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Die neue Gesundheitskatastrophe: Deutsche wollen unseren Job nicht, das wird Menschenleben kosten

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KRANKENSCHWESTER
ullstein bild via Getty Images
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Ob Münster, Kiel, Offenbach oder Frankfurt - in allen Städten, in denen ich in den letzten 20 Jahren als Krankenpfleger gearbeitet habe, sehe ich die gleichen Probleme: zu wenig Personal, überarbeitete Pfleger, mangelnde Qualifikation.

Darunter leiden am allermeisten die Patienten, die besonders auf Intensivstationen auf die Behandlung der Schwestern und Pfleger angewiesen sind.

Menschen, die dort behandelt werden müssen, schweben häufig in Lebensgefahr und können nicht auf eine gewöhnliche Station verlegt werden. Sie brauchen eine umfassende 24-Stunden-Betreuung.

Doch wie soll das funktionieren, wenn auf 12 Patienten vier Pfleger kommen und zwei sich plötzlich krank melden? Oft versucht ein Einzelner zehn Stunden lang die Gesundheit eines halben Dutzend schwerkranker Patienten zu gewährleisten.

Deutschland hat ein großes Problem im Pflegewesen

Das Resultat: Patienten, die nur mangelhafte Pflege erhalten und das Vertrauen in die Krankenhäuser verlieren. Qualifiziertes Personal, das keinen Bock mehr auf schlecht bezahlte Überstunden hat und kündigt. Ärzte, die ihren Frust an den Kollegen auslassen - die Folgen sind zahlreich.

Deutschland hat ein großes Problem im Pflegewesen. Besserung ist nicht in Sicht, im Gegenteil. Zurzeit gibt es etwa 2,9 Millionen pflegebedürftige Menschen in Deutschland. Bis 2030 werden etwa eine halbe Million Stellen in Alten-, Kinder- und Krankenpflege unbesetzt sein - zum Leid der Patienten.

Mehr zum Thema: "Ich kann nachts nicht mehr schlafen": So heftig schildert eine Krankenschwester ihren Alltag

Der Nachwuchs lässt auf sich warten, denn die Länder und Kommunen versäumen es, unseren wunderbaren Beruf attraktiver zu gestalten. Die, die den Job schon machen, schmeißen nach zehn, fünfzehn Jahren hin, weil sie durch den Personalmangel hoffnungslos überfordert sind. Kaum einer meiner früheren Kollegen ist noch im Dienst. Sie haben alle irgendwann umgelernt und sich ruhigere Jobs gesucht.

Doch ich bin da ja auch keine Ausnahme, obwohl ich den Umgang mit den Patienten und das Gefühl, jeden Tag etwas Gutes zu tun, wirklich geliebt habe.

Eine qualifizierte Ausbildung ist unabdingbar

An der Leidenschaft hat es mir nie gefehlt, doch die Überstunden, die langen Dienste, das alles hat mich irgendwann müde gemacht - besonders wenn man dann für seine Arbeit häufig noch nicht mal Anerkennung bekommt. Also wurde ich Pflegeberater, um endlich Lösungen für dieses Chaos zu finden.

Wie so oft mangelt es hier den verantwortlichen Politikern an Ideen, die uns aus diesem Schlamassel heraushelfen. Anstatt endlich die Tarife bundesweit anzuheben, werden massenhaft billige Arbeitskräfte aus dem Ausland angeworben, vorzugsweise aus dem Osten.

Diese kommen gern und machen die gleiche Arbeit oft sogar für 500 Euro weniger.

Damit mich keiner falsch versteht: Ich habe selber einen Migrationshintergrund und nichts gegen Menschen, die nach Deutschland kommen, um ihr Glück zu finden.

Doch gerade in der Pflege, und ganz besonders auf Intensivstationen und in Altersheimen ist eine qualifizierte Ausbildung unabdingbar. Dazu gehört auch das Beherrschen von Kommunikationen mit den Kollegen und den Patienten.

Wir brauchen Arbeitskräfte, die unsere Sprache sprechen

Wer meint, das sei doch kein Problem in unseren Krankenhäusern, irrt gewaltig. Als Pflegeberater werde ich oft auch als Dolmetscher hinzugezogen, normalerweise weil der Patient kein Deutsch spricht.

Doch wenn ich in ein Altenheim komme und mir die zuständige Schwester nicht erklären kann, in welchem Zimmer Frau Müller liegt, dann läuft da doch etwas grundlegend falsch.

Was muss konkret getan werden?

Wir brauchen Arbeitskräfte, die unsere Sprache sprechen! Ein Fehler in der Kommunikation zwischen Arzt und Pfleger kann im schlimmsten Fall über Leben und Tod entscheiden.

Wir brauchen Menschen mit Fachwissen, denn eine falsch ausgeführte Behandlung führt zu Komplikationen mit unabsehbaren Folgen. Es geht hier um die Gesundheit unserer Mitmenschen!

Klar ist es sinnvoll Flüchtlinge und ausländisches Personal in den Beruf mit einzubeziehen. Sie können wunderbare Dinge in den Krankenhäusern und Altersheimen vollbringen, so wie jeder von uns. Doch dafür benötigen wir qualifizierte Pfleger, die das notwendige Wissen auch richtig vermitteln können.

Die Dringlichkeit wird einfach nicht ernst genommen

Um das klarzustellen: Es geht hier nicht um Erdbeerpflücken auf dem Feld, die Arbeit in einem Krankenhaus ist kein Ferienjob. Es geht um Menschenleben!

Das bevorstehende Fachpflegechaos muss abgewendet werden - und das geht nur, wenn unser Beruf finanziell und sozial wieder mehr gewürdigt wird. Zum Beispiel müssen es sich einfach mehr Menschen leisten können nur halbtags zu arbeiten.

Dadurch bleibt der Spaß am Job erhalten und qualifizierte Mitarbeiter kündigen nicht nach zehn Jahren aus Übermüdung. In der Schweiz macht man das schon länger so, mit großem Erfolg.

Mein Ziel ist es, so viele Menschen wie möglich für diesen Beruf zu begeistern. Dafür müssen die Bedingungen aber auch wieder stimmen. Den Verantwortlichen in der Politik und in der Wirtschaft fehlt häufig der Bezug zum Krankenhausalltag, deswegen stocken Reformen auch immer wieder. Die Dringlichkeit wird einfach nicht ernst genommen.

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Daher versuche ich Politiker und andere Verantwortliche zu überreden, mit mir einen Tag im Krankenhaus zu verbringen. Die sollen sich einfach mal ansehen was es heißt, für 2000 Euro Netto im Monat an seine Grenzen zu gehen.

Mit Sicherheit hat sich der ein oder andere selbst schon einmal unters Messer gelegt und weiß:
Sein Leben möchte man nicht in die Hände von Amateuren oder überarbeiteten OP-Schwestern legen.

Denn solche Menschen machen leider oft Fehler - und die können Menschenleben kosten. Das muss um jeden Preis verhindert werden.

Das Gespräch wurde von Julius Zimmer aufgezeichnet.

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