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Deutschlands stümperhafter Umgang mit Pflegern zeigt, wie egal uns Hilfsbedürftige sind

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NURSE MALE GERMANY
A nurse stands next to the bed of an 83 year-old man in a permanent vegetative state, at the Franziska Schervier intensive care nursing home in Frankfurt April 12, 2011. The patient has been in this condition since suffering a stroke. REUTERS/Kai Pfaffenbach (GERMANY - Tags: HEALTH) | getty images
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Was passiert, wenn unsere Väter und Mütter nicht mehr alleine leben können? Und wie reagieren wir, wenn ein Angehöriger in einen schweren Verkehrsunfall gerät oder unheilbar krank wird und versorgt werden muss?

In erster Linie haben wir natürlich Angst um unsere Lieben. Und doch können wir uns sicher sein, dass es Menschen gibt, die sich professionell um sie kümmern. Wir können uns sicher sein, dass unser Großvater im Seniorenwohnheim mit Essen und Trinken versorgt wird.

Und wir wissen, dass unser Freund nach dem Unfall zumindest eine medizinische Grundversorgung erfährt. Dieses grundlegende Vertrauen haben wir, weil es Pfleger gibt.

Pfleger, die für das Wohl eurer Angehörigen und Freunde tagtäglich ihre Komfortzone verlassen, hart körperlich und geistig arbeiten und dafür nicht einmal ansatzweise ausreichend bezahlt werden.

Der finanzielle Teufelskreis

Noch können wir Vertrauen in diese Berufsgruppe haben. Sollte sich jedoch an ihren Arbeitsbedingungen nichts ändern, sieht das in zehn Jahren schon ganz anders aus.

Der Teufelskreis, der sich momentan im Pflegebereich abspielt, ist einfach zu erklären. Für eine höchst verantwortungsvolle, schwere und belastende Tätigkeit, wird von den Krankenhäusern und Heimen einfach viel zu wenig bezahlt.

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Aus diesem Grund möchten immer weniger Menschen diese Berufe übernehmen, es fehlt der Nachwuchs und die Arbeitsbelastung für die Pfleger und Pflegerinnen in Deutschland steigt noch weiter - auf Kosten ihrer Gesundheit und dem Wohl der Patienten.

Die Situation wird sich nicht von alleine entzerren. Denn in den kommenden Jahren wird das Durchschnittsalter in Deutschland weiter ansteigen. Immer mehr Menschen kommen dann in ein Alter, in dem sie pflegerische Betreuung brauchen.

2030 werden eine halbe Millionen Stellen unbesetzt sein

Begünstigt wird diese Entwicklung zudem durch den Bevölkerungszuwachs der Migrationswellen in den letzten Jahren. Fakt ist: Wenn sich nichts ändert, werden 2030 eine halbe Millionen Stellen in der Pflege unbesetzt sein.

Wie die wenigen Kranken- und Altenpfleger diese fehlenden Stellen ausfüllen können, ist für mich nicht vorstellbar. Die Folgen dagegen schon. Pflegebedürftige werden auf der Strecke bleiben und die Versorgung immer schlechter werden.

Diese Entwicklung ist genauso offensichtlich wie erschreckend. Deshalb ist es mir vollkommen unverständlich, wie die Politik sie so ignorieren kann.

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Politiker und Entscheidungsträger sind Menschen wie wir. Wenn sie krank oder alt werden, bestehen sie ebenso auf die beste Versorgung.

Wie können sie dann schon so lange vor den Missständen im Pflegebereich ihre Augen verschließen?

Lösungen werden nicht gebracht - außer einer fadenscheinigen Reform, mit der die drei Ausbildungen Kinder -, Kranken- und Altenpfleger zu einer universellen Pflegeausbildung zusammengeführt werden sollen.

Wie das jedoch das Problem der Unterbesetzung in allen drei Bereichen lösen soll, ist mir schleierhaft. Nachwuchs-Pfleger wachsen schließlich nicht auf Bäumen.

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Außerdem bezweifle ich, dass diese nach der "aus drei mach eins"-Reform gleichermaßen gut auf einer Intensivstation arbeiten, wie in einem Seniorenheim.

Die verschiedenen Arbeitsbereiche in der Pflege sind so unterschiedlich - ich kann mir nicht vorstellen, dass man alles in einer Berufsausbildung gleich gut lernen kann.

Deshalb steht für mich fest: Die Qualität der Arbeit wird mit der Reform nur noch weiter sinken. Darunter leiden sowohl Patienten, als auch Pfleger.

Den Ausweg sehe ich nur in gerechteren Löhnen und besseren Arbeitszeiten. Denn nur dann wird der Beruf gerade für junge Menschen wieder attraktiv, die Arbeit in den Heimen und Krankenhäusern wird besser aufgeteilt und die Qualität der pflegerischen Tätigkeit kann wieder steigen.

Schließlich darf man nicht vergessen, dass das körperliche und seelische Wohl der Patienten immer mit der Gesundheit und Zufriedenheit des Personals einhergeht.

Je besser die Arbeitsbedingungen, desto besser die Versorgung. Diese Gleichung ist ganz einfach und muss jetzt endlich zu den Politikern durchdringen. Denn genau jetzt können wir noch etwas ändern.

Wie es unseren Vätern, Müttern und Kindern in 10 Jahren geht, das liegt heute in unserer Hand.

Zeit, endlich etwas zu tun.

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Das Gespräch wurde aufgezeichnet von Franziska Kiefl.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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