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"Meine Kollegen haben die Schnauze voll": Immer mehr Pfleger verlassen Deutschland

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PFLEGE
dpa
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Ich erinnere mich noch sehr gut an meine ersten Job im Altersheim des Alfred-Krupp-Krankenhauses in Essen Steele. Damals war ich 15 Jahre alt. Alles fing mit einem Schülerpraktikum an. Nach drei Wochen fragte mich die Stationsleitung, ob ich nicht Lust hätte, an den Wochenenden gegen Bezahlung auszuhelfen.

Betten machen, den Schwestern zur Hand gehen, die alten Menschen bei Laune halten, so etwas eben. Ich willigte ein.

Unter der Woche besuchte ich weiter die Schule. Am Wochenende verdiente ich mir etwas Taschengeld als Pflegehelfer hinzu. 24 Jahre später bin ich noch immer in dem Bereich tätig. Und das ist nicht das einzige, das sich seitdem nicht geändert hat.

Denn was wir heute als Pflegemangel bezeichnen, das gab es 1993 in Deutschland auch schon. Es ist kein neues Problem. Nur: Heute ist es für die Zukunft unseres Landes gefährlicher denn je.

Wer soll diese Menschen pflegen?

Im Jahr 2016 gab es nach Angaben des Statistischen Bundesamts 2,9 Millionen pflegebedürftige Menschen in Deutschland. Experten schätzen, dass es im Jahr 2030 3,5 Millionen sein werden.

Bis dahin werden rund eine halbe Million Stellen in der Alten-, Kinder- und Krankenpflege unbesetzt sein - und das zum Leid der Patienten.

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Dass sich prinzipiell zu wenig junge Menschen in Deutschland für den Beruf der Krankenschwester oder des Altenpflegers begeistern können, ist ein bekanntes Problem.

Schon seit Jahren herrscht Konsens darüber, dass Deutschland auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen ist.

Doch noch viel problematischer: Immer mehr Menschen entscheiden sich dafür, den Beruf nicht mehr hier, sondern in Ländern wie der Schweiz, Dänemark oder Norwegen auszuüben. Ich habe das selbst erlebt.

Meine Kollegen haben die Schnauze voll

Zwei Kollegen von mir - der eine mit fünf, der andere mit zehn Jahren Berufserfahrung - hatten irgendwann die Schnauze voll. Beide wanderten in die Schweiz aus. Einen anderen Kollegen zog es nach Luxemburg. Und das ist auch kein Wunder.

Auf einer deutschen Intensivstation hat man als Pfleger im Schnitt etwa fünf schwerstkranke Patienten pro Schicht zu überwachen und zu versorgen. In der Schweiz sind es zwei. Das bedeutet weniger Stress für den Pfleger und mehr Zeit für die Patienten.

Zudem sind die Löhne auch unter Schweizer Lebensbedingungen vergleichsweise höher als in Deutschland. Ähnliche Bedingungen gibt es in Norwegen und Dänemark.

In deutschen Altersheimen werden eine Fach- und Helferkraft nicht selten mit 14 bis 20 Heimbewohnern alleine gelassen. In Norwegen sind für die gleiche Menge etwa sechs bis acht Kräfte im Einsatz. Das geht aus Recherchen der HuffPost hervor.

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Kein Wunder also, dass meine Kollegen und Kolleginnen in Heerscharen das Land verlassen. Dass es sich dabei um keine Einzelfälle handelt, zeigen auch Statistiken:

Von 2005 bis 2016 sind aus Deutschland gut 6300 Pflegekräfte mehr ab- als zugewandert. In Norwegen zeigt sich wiederum das exakt andere Bild: ein Plus von 13.800 Arbeitskräften über den gleichen Zeitraum.

Wir stehen also vor zwei riesigen Problemen. Erstens: Es kommen nicht genug Fachkräfte nach Deutschland, um den Pflegenotstand effektiv zu bekämpfen. Zweitens: Die Menschen, die hier bereits arbeiten und häufig mehrere Jahre an Berufserfahrung vorweisen können, verlassen Deutschland und suchen ihr Glück woanders.

In weniger als zehn Jahren könnten wir vor gewaltigen Problemen stehen

Wenn sich nichts ändert, dann ist das deutsche Pflegesystem dem Untergang geweiht. Wenn die Politiker den Ernst der Lage nicht bald begreifen, werden wir in weniger als zehn Jahren vor gewaltigen Problemen stehen. Unterversorgung und Gesundheitsprobleme aufgrund von mangelnder Betreuung sind nur zwei davon.

Doch was können wir konkret tun, um das zu verhindern?

Um die offensichtlichsten Lösungsansätze kommen wir nicht herum. Die Politik muss sich stärker für höhere Löhne für Schwestern und Pfleger einsetzen. Die Pflegemindestlohn-Verordnung, die ab dem 1. November 2017 in Deutschland gilt, ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, allerdings reichen die 10,20 Euro brutto immer noch nicht aus, um in einer deutschen Großstadt ein vernünftiges Leben zu führen.

Die Attraktivität des Berufes wird außerdem mit einer Erhöhung von 45 Cent (9,75 Euro, Stand 2016) garantiert nicht ansteigen.

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Außerdem müssen Pfleger und Pflegerinnen, die mehr als fünf Jahre Arbeitserfahrung haben, dafür auch finanziell belohnt werden. Mit 25 Jahren Berufserfahrung verdient eine Krankenschwester kaum mehr, als eine Kollegin mit lediglich nur einem Jahr Berufserfahrung.

Kein Wunder, dass immer mehr von ihnen in andere Länder auswandern und uns hier mit Personal zurücklassen, dem schlicht und einfach die Erfahrung fehlt, neue Fachkräfte aus dem Ausland anzulernen.

Mehr Unterstützung für Fachkräfte aus dem Ausland

Drittens: Wir müssen die Anlaufstellen für ausländische Pfleger und Pflegerinnen einfacher und unbürokratischer gestalten.

Ich habe hier in Essen Kollegen aus dem Ausland vermittelt, die fast ein Jahr auf die staatliche Anerkennung ihrer Fachkenntnisse gewartet haben.

Das zieht sich in Deutschland wie Kaugummi. In anderen Ländern geht das viel schneller. Dort haben die Beamten bereits erkannt, wie dringlich die Lage ist.

Kontrollierte Migration - ein Lichtblick

Den wichtigsten Punkt sehe ich jedoch in der schnellen Ausbildung von jungen Geflüchteten aus dem nahen Osten und Afrika. Ich selbst bin in Mazedonien geboren und habe am eigenen Leib erlebt, wie sich der Pflegeberuf positiv auf ein Leben in einem fremden Land auswirken kann.

Es ist die effektivste Unterstützung zur Integration, die sich ein Land wünschen kann. In einem Krankenhaus kommuniziert man, trifft Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und lernt die verschiedenen kulturelle Besonderheiten eines Landes schneller kennen als irgendwo sonst.

Voraussetzung ist dafür natürlich das Beherrschen der deutschen Sprache. Das muss Priorität Nummer Eins sein. Sprachkurse müssen für Migranten deswegen so einfach wie möglich verfügbar sein. Erst dann können sie auf einer Station zu wertvollen Kollegen und Kolleginnen werden.

Mir hat dieser Job enorm dabei geholfen, mich in Deutschland richtig zu integrieren. Umso trauriger ist es, dass der Staat das gewaltige Potenzial dieses Berufsfeldes nicht ausschöpft und sich immer mehr Migranten gegen Deutschland und für die Schweiz, Dänemark oder Norwegen entscheiden.

Ich hoffe, dass die Regierung den Ernst der Lage erkennt und endlich handelt.

Dieser Beitrag wurde von Julius Zimmer aufgezeichnet.

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