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Demokratie ist eine Lektion

18/04/2017 19:04 CEST | Aktualisiert 18/04/2017 19:04 CEST
dpa

Ich bin kein Türkeiexperte und war auch niemals einer, weshalb ich mir nicht anmaßen werde, für andere zu sprechen, außer für mich. Allerdings kann ich es mir nicht mehr verkneifen zu sagen, wie sehr mich das stört, dass der Begriff "Demokratie" derart von allen politischen Lagern vergewaltigt wird.

Ich kürze meinen ursprünglichen Text, weil ich denke, dass mein Frust den Rahmen sprengt und ich lieber etwas Konstruktives mitgeben möchte, anstatt versehentlich selbst viel mehr bei der aufgeheizten Stimmung zu zerstören.

Für mich persönlich ist eine Demokratie, die von oben dem Volk aufgezwungen wurde, wie es zu Zeiten der Gründung der türkischen Republik gemacht wurde, keine stabile Demokratie. Demokratie ist vielmehr ein Prozess, ein Ergebnis, eine Konsequenz, an dem alle gleichermaßen beteiligt sind.

Erschafft doch bitte Reflexionsräume

Ein Volk muss Erfahrungen machen und zu einer reifen. Ich will nicht behaupten, keiner hätte die Demokratie verstanden und alle wären hohl. Scheinbar braucht das Volk in der Türkei aber noch eine weitere Erfahrung und noch ein paar mehr.

In meinen Ohren klingt das auch nicht angenehm und ich möchte vor allem bei Menschen, die um ihre Existenz fürchten, nicht den Eindruck erwecken, das sei mir egal. Ist es nicht. Demokratie ist aber leider irgendwo auch eine Lektion. Sie gehört gelernt. Und lernen kann man nur, wenn man sich reflektiert.

Mehr zum Thema: Warum so viele Deutsch-Türken für eine Diktatur in der Türkei sind

Deshalb ein kleiner Vorschlag an alle Vereine, die sich für die politische Lage in der Türkei und die türkeistämmige Community in Deutschland und Europa interessieren: Erschafft doch bitte Reflexionsräume mit denjenigen, mit denen ihr niemals zusammensitzen wollen würdet.

Mit Mehr- und Minderheit. Mit Ja- und Nein-Sagern. Aber vor allem mit den jungen Leuten - egal aus welchen sozialen Strukturen sie kommen. In seinem eigenen Kreis Pläne schmieden und Hasstiraden weitergeben, bringt überhaupt nichts.

Ausschließlich Betroffene zusammensetzen

Es bringt auch nichts, nur eine Opposition im Ausland zu unterstützen und wieder die Hälfte der Leute auszuschließen. Redet mit denen. Mit allen. Aber bitte sorgt dafür, dass in diesen Reflexionsräumen auch nur die Betroffenen sitzen und dieser Raum geschützt ist.

Gerade im Prozess der Vertrauensschaffung ist es wichtig, dass ausschließlich Betroffene zusammensitzen. Auch deswegen, weil sich bei vielen die Historie und Politik der Türkei auf die Familiengeschichte ausgewirkt hat.

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Ich verstehe deshalb nicht, warum der Bürgermeister oder Abgeordnete aus Buxtehude mit drin sitzen muss, während die Betroffenen einen Seelen-Striptease ablegen. Sich allein auf die Probleme in Deutschland zu fokussieren, klappt anscheinend unter uns nicht. Zumindest nicht, wenn man einen Teil seiner Lebensrealität verschweigt und ignoriert. Und ich erkenne daran nichts Verwerfliches.

Wer deutsch-türkische Beziehungen zu seiner Agenda gemacht hat, der sollte sich jetzt um die Beziehungen bemühen. Als Brückenbauer ist es nun mehr denn je an der Zeit, zu kämpfen. Es ist eine langatmige und frustrierende Arbeit, aber wenn man eine Schulter zum Ausheulen hat, ist das Ganze erträglich. Ich bin da für alle, die kurz heulen und dann weiterarbeiten möchten.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.

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