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"Mama, ich weiß nicht, ob ich noch Moslem bin" - was ich im christlichen Gottesdienst gelernt habe

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KINDERGARTEN CHURCH
Jordan Pix via Getty Images
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Meine erste Toleranzlektion:

Ich bin im Kindergarten ca. vier Jahre alt. Es ist Adventszeit. Wir gehen zum Gottesdienst in die Kirche und meine Mutter hat verpeilt, mich abzuholen :D

So, da sitze ich nun in der Kirche mit den anderen Kindern, den Erzieherinnen und dem Pfarrer. Plötzlich gehen wir dann zum Gebet über. Verwirrung. Die falten irgendwie alle die Hände. Boah, ich hab das aber nicht so gelernt. Hmmm... soll ich die Hände nun auch falten oder doch lieber alles dabei belassen, wie ich es gelernt habe?

Ich entscheide mich für das Zweite. Einige Kinder schauen mich an und machen es mir nach. Meine Nebensitzerin sagt, dass sie das cooler findet. Ich lache :) Irgendwie bin ich jetzt nicht mehr allein. Aber irgendetwas stimmt wieder nicht. Die beten alle auf deutsch. Hmm... ich bete mit, aber zum Abschluss sag ich sicherheitshalber nochmal ne Sure, die ich gelernt habe, auf.

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Meine Mama holt mich ab. 

Ich bin etwas besorgt: "Mama, ich muss dir was sagen. Ich glaub, ich weiß nicht, ob ich noch Moslem bin.", fang ich an.

Meine Mutter dann voll perplex: "Wie? Ist irgendetwas passiert, kizim?!"

Ich: "Ja, also ich war mit dem Kindi heute in der Kirche im Gottesdienst. Aber das war anders, nicht wie bei uns! Die machen mit den Händen so, wenn sie beten (ich falte die Hände). Und sie beten auf deutsch."

Gott spricht alle Sprachen und Sein Haus hat viele Wohnungen.

Meine Mutter lächelt: "Ja, und was hast du gemacht?"

Ich: "Ja, na soooooo wie ichs gelernt habe! (ich mache die Hände auf) Und ich habe zum Schluss noch ne Sure aufgesagt, weil ich glaube, dass Gott mich gar nicht verstanden hat."

Meine Mutter lacht nun etwas lauter und drückt mich: "kizim, Gott spricht alle Sprachen und Sein Haus hat viele Wohnungen. Guck mal, das ist wie bei uns am Wochenende. Wir gehen doch auch gerne zu Besuch oder laden Besuch ein. Unsere Gäste wollen sich doch unsere Wohnung einmal anschauen und unser Essen probieren. Und wir sind danach doch trotzdem noch die Familie Gül und keine andere Familie oder?"

Ich nicke.

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"Und so ist es mit den verschiedenen Religionen auch. Es ist wichtig, dass du sie kennenlernst, aber dadurch hörst du nicht auf, Moslem zu werden. Du musst dir mal eine Kirche und einen Gottesdienst anschauen und so die anderen Wohnungen besuchen. Was hinterher bleibt, ist ein besseres Verständnis und eine engere Freundschaft."

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