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"Mama, hast du etwa Angst vor Flüchtlingen?"

06/03/2016 15:39 CET | Aktualisiert 07/03/2017 11:12 CET
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Seit einem Monat wohnen nun Flüchtlinge "bei uns neben an". In einem neuen Heim, etwas außerhalb. In der überschaubaren Gemeinde macht sich das bemerkbar. Auch bei Mama.

"Ich seh die ganzen jungen Männer im Lidl, wenn ich einkaufe. Sie sind ungefähr so alt wie dein Bruder oder älter. Frauen und Kinder habe ich keine gesehen. Alte Leute übrigens auch nicht. Denkst du, sie sind ohne ihre Familien gekommen oder haben keine? Was machen sie wohl den ganzen Tag?" In ihrer Stimme macht sich der Ton der Verunsicherung bemerkbar.

Ich weiß, dass meine Mutter seit einiger Zeit die Haustür immer doppelt abschließt. Sie denkt seit Neustem auch über Bewegungsmelder nach. Ich lache: "Mama, hast du etwa Angst vor Flüchtlingen?" Und da fühlt sie sich ertappt und wirft mir diesen Blick zu: "Nein, natürlich nicht. Aber man weiß ja nicht, wer alles zu uns kommt." Wer alles zu uns kommt? Das fragt sich der Clan der besorgten Bürger auch.

"Mama, du hörst dich gerade etwas so an wie die, die immer montags in Dresden laufen." Dann ist sie ganz entsetzt: "Ich bin doch kein Rassist!"

Hmm. Doch, ein wenig eigentlich schon.

"Das nächste Mal fragen wir einfach einen dieser jungen Männer, wenn wir sie im Lidl treffen, damit du keine Angst mehr hast. Oder wir gehen mal beim Heim vorbei", ziehe ich sie ein bisschen auf.

Heute beim Spazieren fragt sie mich dann tatsächlich, ob wir denn nicht beim Flüchtlingsheim vorbeilaufen wollen. Ich sage natürlich zu. Für mich das übliche Prozedere. Für Mama ganz neu.

Das Erste, was sie sieht, ist dann ein Kinderwagen und ganz viele Fahrräder. "Ah, hier müssen dann doch Kinder und Frauen sein!", sagt sie und will weiter in den Hof. Ich schmunzle nur und verkneife mir jeden Kommentar. Dann sind da ein paar Kinder auf dem Hof, spielen Fangen und fahren Fahrrad.

Ein Dreijähriger ruft Mama auf Deutsch entgegen: "Hey, wie heißt du?!" Mama lacht. Ich lache. Wir verraten unsere Namen. Der kleine Mann klettert direkt auf meinen Arm und will da nicht mehr runter. Jetzt kommen auch die anderen Kinder. Und als sie uns türkisch reden hören, drängt sich der ein oder andere vor, der auch türkisch kann. Mama ist positiv überrascht. Fragt, woher sie das können.

Die meisten haben für ein paar Jahre oder Monate in den Lagern der Türkei gelebt. Die Kinder werden mehr. Jetzt kommen auch die Mamis. Aha, da sind also die Frauen. Eine Frau aus dem Irak grüßt meine Mutter auf Türkisch und heißt sie willkommen.

Ob wir nicht mit rein kommen und einen Tee trinken möchten. Mama ist über so viel Gastfreundschaft überrascht, aber lehnt dankend ab. Sie entschuldigt sich, weil sie keinen überrumpeln wolle. "Das nächste Mal inşallah", sagt sie. Die Dame hat drei Kinder. Zwei Jungen und ein Mädchen. Marwa ist sieben Jahre jung und meine Namensvetterin. Sie erlitt eine starke Kopfverletzung bei der Flucht. Bald wird sie operiert und bekommt zwei Platten in den Kopf.

Ihr 11-jähriger Sohn überlebte bereits seinen ersten Herzinfarkt, als er im Irak sah, wie sein Vater von den Polizisten misshandelt und verhaftet wurde. Er leidet auch unter einem zu hohen Blutdruck. Das hat sich durch die Flucht so entwickelt. Sie unterhalten sich noch ein wenig über "normale" Dinge, über die sich Mamas so unterhalten.

Nach ein paar Stunden spielen und reden verabschieden wir uns. Mama sagt zu der Dame, dass sie wiederkommen werde. Vielleicht könnten sie das Mal gemeinsam spazieren? Die Dame nickt und drückt uns zum Abschied. Wir winken auch den Kindern und rufen ihnen ein langes "tschüüüüüss" zu.

"Na, Mama?", schaue ich sie an.

"Das Leben ist manchmal sehr schwer", sagt sie und wird nachdenklich. Alles, was man nur vom Erzählen kennt oder das, was man im Fernseher sieht, wird plötzlich echt. Da muss man Verantwortung übernehmen.

Zu Hause schwärmt sie noch von den Kindern. Ob wir denn nicht mal mit ein paar Familien und den Menschen dort gemeinsam grillen und essen wollen. Und an Ramadan kann man sie nicht allein lassen. Da müsse man sich etwas einfallen lassen! "Das machen wir.", sage ich.

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