Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Merve Gül Headshot

"Manchmal, da empfinde ich so einen Hass": Über die Probleme, mit AfDlern zu diskutieren

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Der Umgang mit der AfD und der Wählerschaft macht uns allen zu schaffen. Ob im Netz oder analog. Ständig fragt man sich, ob man den richtigen Ton getroffen hat. Sind das jetzt alles Nazis, potenzielle Rassisten, schon Rassisten oder Bürger, die nur Angst um ihre Existenz haben?

„Klare Kante zeigen! AfD nicht dämonisieren! Sie argumentativ entkräften! Politische Bildung! Augenhöhe! Abschieben!"

Das sind so Aussagen und Schlagworte, die ich immer wieder lese und mit denen ich mich immer wieder auseinandersetze.

Manchmal, da empfinde ich so einen Hass, so eine Wut und so eine Enttäuschung, dass ich mit pauschalen Aussagen um mich schlage.

Manchmal bin ich einfach nur verzweifelt

Manchmal versuche ich, Liebe zu empfinden und nach dem Jesus-Prinzip zu handeln und denke mir: „Komm Nächstenliebe."

Aber ziemlich oft habe ich mich auch gefragt: „Wenn Jesus jetzt leben würde, wann wäre eigentlich Schluss mit Nächstenliebe und wann hätte er diesen Leuten eine geklatscht?"

Dann zügele ich mich wieder und denke: „Wenn du nach dem ‚wann' fragst, dann schließt du schon wieder aus, dass er ihnen vielleicht gar keine geklatscht hätte!"

Ich bin hin und hergerissen. Immer noch! Auch ich hab Leute im Netz als Rassisten und braune Scheiße beschimpft. Zu Recht? Ich weiß es nicht. Aber immer wenn ich so etwas gemacht habe, habe ich mich nach einer Weile schlecht gefühlt.

Ich rede mittlerweile von Respekt, weil ich finde, dass das Wort „Toleranz" irgendwie schon so verbraucht ist, dass man etwas gut finden müsste, wenn man etwas toleriert.

Ich finde nicht alles in diesem Land aber gut. Die AfD zum Beispiel. Aber irgendwie muss ich sie ja respektieren.

Warum? Weil das Grundgesetz mir vorschreibt, was jemand in diesem Land darf und was nicht. Aber die AfD predigt mit ihrer Anhängerschaft immer wieder Dinge, die dagegen verstoßen.

Ich drehe mich im Kreis. Das ist jetzt nicht die Argumentation, nach der ich suche und die mir weiterhilft.

Mit einigen AfDlern habe ich gechattet

Ein paar waren Rassisten. Die haben mir nur geschrieben, um mir und meiner Familie den Tod zu wünschen.

Andere, die ich als Rassisten und homophobe Arschlöcher beschimpft habe, haben mir geschrieben, um sich zu rechtfertigen.

Einer hat mir erzählt, seine Ehefrau hätte einen Migrationshintergrund. Ich habe ihm gesagt, dass jeder Rassist seinen Lieblingstürken hat und auch Türken selbst Rassisten sein können. Er hat mir von seinen Problemen erzählt.

Ich habe sie mir angehört. Ich habe ihm versprochen, dass ich mich auch für soziale Ungerechtigkeit einsetzen werde.

Er hat mir versprochen, dass er nicht die AfD wählt und hat sich dafür entschuldigt, dass er so wüst mit seinen Mitmenschen im Internet umgegangen ist.

Einmal hat mir ein Pegida Sympathisant geschrieben und meinte ich sei eine linke Dreckschlampe und solle in der Gaskammer verrecken.

Er würde nächsten Montag extra nach Dresden fahren und bei Pegida mitlaufen. Ein paar Wochen vergingen, da schrieb er mir und entschuldigte sich. Er schrieb, dass er, nachdem er einmal mitgelaufen war und die Situation und Menschen vor Ort gesehen habe, nie wieder mitlaufen werde.

Ich habe seine Entschuldigung angenommen. Diesen Troll habe ich nie wieder gefunden.

Ich habe aber auch schon Leute gesehen und gelesen, die „Lügenpresse!" schreien und sich die Ohren zuhalten; deren Stimme so laut ist, dass sie gar nicht mit mir Reden wollen. Sie sind nicht bereit zu reden. Sie wollen einfach nicht. Ist das die Sorte, die ich dann zu Recht im Netz beschimpfe?

Wenn ich mich tagtäglich für einen differenzierten Blick einsetze, darf ich dann selbst anders auf die Welt blicken?

Wenn ich versuche, meinen differenzierten Blick zu wahren, verharmlose ich dann ein Problem der Gesellschaft?

Wenn ich pauschalisiere, weil alles zu anstrengend wird und weil ich verzweifelt bin, mache ich dann nicht das, was andere mit mir machen, wenn es um Muslime geht?

Bin ich eigentlich jetzt ein Haustürke, weil ich sowas schreibe? Weil ich nicht versuche, in Schubladen zu denken und mich in die graue Zone begebe?

Oder ist diese Zone auch braun? Ist sie bunt? Ist da Hass? Oder ist da Liebe?

Ist das zu viel Optimismus oder zu wenig Realität?

Ich weiß es nicht - um ehrlich zu sein. Aber das geht so in meinem Kopf vor. Und es hört nicht auf. Aber was ich manchmal sage, das fühlt sich nicht so richtig an. Und dann geht genau diese Schleife wieder los.

Populismus, du bist scheiße. Ich habe schlaflose Nächte!

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Umfrage zeigt auf: Jeder zweite AfD-Wähler würde für die CSU stimmen, wenn diese bundesweit anträte

Lesenswert: