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Wir, die anderen Mütter

20/11/2017 16:55 CET | Aktualisiert 20/11/2017 16:56 CET
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Note: Dies ist nicht die private Geschichte der Autorin Menerva Hammad, sondern die Geschichte einer anderen Mutter. Mernerva interviewt Frauen aus aller Welt zu deren Lebensgeschichten und veröffentlicht diese auf ihrem Blog Hotel Mama.

Wenn andere Mütter über die schlaflosen Nächte, die Veränderung ihres Körpers, die kaputten Karrieren und andere Dinge sprechen, lächle ich innerlich. Nicht weil ich schadenfroh bin, sondern eher, weil ich gerne diese Art von Sorgen hätte.

Ich muss nämlich jede Nacht darum bangen, ob mein Sohn am nächsten Morgen überhaupt noch atmen wird.

Und ich werde nicht sagen, welche Krankheit er hat, weil ich nicht will, dass sich nur die vier oder fünf Mütter angesprochen fühlen, deren Kinder genau dieselbe Krankheit haben wie mein Sohn. Sondern alle Mütter, die gesundheitlich eingeschränkte Kinder haben, sollen sich durch diesen Beitrag angesprochen fühlen. Auch wir zählen!

Wir sind die Mütter, die schlaflose Nächte voller Sorgen verbringen, die die Veränderung unserer Körper gar nicht mitbekommen, weil wir nur Augen und Ohren für die Krankheiten unserer Kinder haben, sobald diese geboren sind und kaputte Kinder wie Karrieren pflegen.

Ich habe dreizehn Jahre versucht, schwanger zu werden - erfolglos. Wir haben alles versucht. Alles. Von künstlicher Befruchtung, bis "stressfreien Sex"- gibt es so etwas überhaupt? Welcher Mensch ist denn heute noch stressfrei?

Wissen Sie, wann es geklappt hat? Als ich darauf geschissen habe! Ich dachte "Gut, jetzt bin ich über vierzig, eine alte Frau mit einem guten Mann und aus ist. Werde ich eben keine Mutter. Ich habe nie an Gott geglaubt, vielleicht war das die Bestrafung dafür, ich werd's überleben." Und wir hatten uns damit abgefunden.

Meine Regel blieb aus

Als dann - nach all diesen Jahren - meine Regel ausblieb, war eine Schwangerschaft nicht mein erster Gedanke. Aber nach unzähligen Tests, war es eindeutig - wir waren schwanger.

Meine Freude aber erstickte im Keim, denn wenige Wochen später starb mein Mann bei einem Unfall. Von da an wurde es zu meiner Lebensaufgabe, dieses Kind zu beschützen.

Mein Kind ist das letzte Andenken an meinen Mann. Es ist die Frucht unserer Liebe und als mir ein Arzt einige Monate später sagte, dass das Kind nicht ganz gesund ist, war mir das egal. Ich habe nicht mit der Wimper gezuckt.

Mehr zum Thema: "Wie kannst du nur Kinder in die Welt setzen?" - was ich als blinde Mutter erleben musste

Ich habe nur gebetet, dass man ihm nichts ansieht. Menschen sind Gaffer. Menschen sind geil auf das Elend anderer Menschen und ich wollte nicht, dass mein Kind Opfer von solchen Gaffern wird.

Als er dann da war und ich ihn in meine Arme hielt, war er perfekt. Für mich war er perfekt. Und man sieht ihm seine Krankheit tatsächlich nicht an.

Zwei Krankenschwestern lästerten über mich

Als ich zwei Tage nach seiner Geburt in den Stillraum im Krankenhaus gehe, höre ich wie zwei Krankenschwestern über ihn tuscheln.

"Hast du den Kleinen von der Oiden gesehen, den süßen Blonden?"

"Na, welchen meinst?"

"Na den Kloanen, den Behinderten."

"Aso, ja, der ist liab. Aber die Mutter is ja ur oid."

Ich habe ihn nicht im Stillraum, sondern bei mir im Zimmer gestillt und die ganze Nacht geweint. Aus diesem Stoff sind meine schlaflosen Nächte gemacht. Gezwickt von der Intoleranz anderer für mein Alter und noch schlimmer - meinen Sohn.

Auch später im Kindergarten wurde er von anderen Kindern und deren Eltern gehänselt. Oder man gab ihm Spitznamen, die mit seiner Krankheit zu tun hatten. Seine Krankheit wurde für andere das Wichtigste an ihm.

Mehr zum Thema: Ein Satz rettete mein Baby - er kann tausende Kinder vor dem Tod bewahren

Man hat alles andere ausgeblendet und es verlor an Bedeutung, dass er zum Beispiel ein begnadeter Pianist ist. Das war egal, weil "Musik schwul ist".

Dass er ein einfühlsamer Tänzer ist, ist auch egal, weil ja tanzende Burschen, noch schwuler als männliche Musiker sind. Das sind Kommentare von Eltern. Von Erwachsenen, die Kinder in diese Gesellschaft hinein erziehen.

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Ich will nicht die Mutter vom "Behinderten" sein

Das Schlimme daran ist, dass sie mir das einfach so und nebenbei ins Gesicht sagen, wenn ich erkläre, dass mein Sohn eben nicht im Fußballteam sein kann/will, was auch mit seiner Krankheit zu tun hat.

Ich will ja keinen Orden, sondern einfach nur Verständnis und Respekt. Ich will nicht, die Mutter vom "Behinderten" sein und, dass er für den Rest seines Lebens nur noch auf das reduziert wird, was andere als Schwäche in ihm sehen.

Ich sehe seine Krankheit nicht als Schwäche. Ich sehe sie nicht einmal als Krankheit. Krank sind Leute, die in einem Zustand sind, mit dem sie nicht gut leben.

Wir leben aber sehr gut mit diesem Zustand und haben uns so nach ihm gerichtet, dass wir eigentlich nie darüber nachdenken müssen. Es sind andere, die es aus irgendeinem Grund auch immer, nicht aus dem Kopf kriegen.

Was ich mit diesem Beitrag anderen Müttern sagen möchte, die vielleicht in einer ähnlichen Situation sind, ist: Alles was du als Mutter machst, zählt. Es bleibt nicht unbemerkbar. Dein Kind spürt es.

Alles, was du an Zeit, Liebe, Geduld und Kraft gibst, wächst in deinem Kind weiter. Und es macht uns auch toleranter und weitet unseren Horizont als Menschen.

Du wirst sehen, dass es sich auszahlt. Es zahlt sich aus, wenn dein Kind lächelt, lebt, atmet. Es zahlt sich aus, wenn du mehr Menschlichkeit besitzt und diese an dein Kind weitergibst, als jene, die eure Situation belächeln. Es zahlt sich aus, weil du dafür gesorgt hast, dass es sich auszahlt.

Note: #MAMASTE ist durch Zufall entstanden. In den letzten 10 Jahren habe ich Frauen/ Mütter auf der ganzen Welt zu unterschiedlichsten Themen interviewt und dabei sind einige interessante Geschichten entstanden. Bis dato hatte ich noch nicht die Gelegenheit diese überaus einzigartigen Erzählungen auf eine passende Plattform zu posten. Da ich nun eine eigene Mama-Seite habe (endlich), wurde aus dem Wort #Namaste für mich #Mamaste. Die Leben dieser besonderen Frauen, die mir höchstprivate Dinge (mit dem Wissen ich würde sie irgendwann veröffentlichen) anvertraut haben, finden nun hier ihren verdienten Ehrenplatz.In diesem Sinne: #Mamaste

Mernerva Hammad ist freie Journalistin, Wiener Mutti mit Migrationsblabla und führt seit einem Jahr den Blog "Hotel Mama". Ihre Hauptthemen sind Lebensgeschichten von Frauen aus aller Welt, Mutterschaft und Feminismus, Multikulti-Lifestyle und Reisen mit Kind.

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