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"Warum macht ihr euch so einen Druck?" - was eine Uroma über moderne Erziehung denkt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
OMA
Menerva
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Die außerordentlich fesche Frau auf dem Foto ist Frau Schandl. Diese Dame ist seit über 16 Jahren die Nachbarin meiner Mama in Wien. Und weil ich diese Frau so gern habe, dachte ich: "Wieso frage ich sie nicht einfach über das Mamasein aus?"

Immerhin ist sie 1961 das erste Mal Mutter geworden und hat sicher zu einigen Dingen ihren Senf abzugeben. Sie hat natürlich eingewilligt und während meine Tochter ihre Wohnung verwüstet hat, erzählte sie mir intensiv ihre Geschichte.

Heutige Mütter haben es leichter

"Wir hatten es finanziell nicht schwer, kamen einfach über die Runden. Wir sind mit dem ausgekommen, was wir hatten. Ich würde trotzdem sagen, dass es die heutigen Mütter leichter haben.

Ihr könnt euch zum Beispiel alle Informationen aus dem Internet holen, wir mussten Bücher kaufen. Da gab es ein Buch, das "Das große 1x1 der Gesundheit" hieß. Dieses Buch kostete 200 Schilling. Das war echt wie ein Hausarzt daheim zum Nachschlagen, aber ich hatte keine 200 Schilling.

Die Frau in der Bücherei hat es mir weggelegt und nach zehn Monaten des Sparens konnte ich es mir kaufen. Ich habe das Buch immer noch. Es ist ein Familienerbstück.

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Mehr zum Thema: Der wunderbare Rat einer weisen Großmutter

Es gibt heute Unterstützung, die es damals auch schon gab. Ich habe zum Beispiel auch schon die Familienbeihilfe bekommen, aber es war nicht viel. Dann gab es aber auch Barrieren, denn wir hatten zwar einen Kinderwagen, aber damit durften wir nicht in die öffentlichen Verkehrsmittel hinein.

Als dann mein zweiter Sohn auf die Welt kam, musste ich also den Älteren an der Hand halten und das zweite Kind im Arm tragen. Was auf jeden Fall besser war: Wir hatten keinen gesellschaftlichen Druck .

Was heute wieder Trend ist, taten wir früher aus Armut

Ich weiß gar nicht, woher der Druck kommt, den ihr Mütter euch heute macht. Aber er ist auf jeden Fall da. Was wir damals getan haben, sei es das gesunde Essen oder das Benutzen von Stoffwindeln, eben all diese Sachen, die nun als Trends zurückkommen, taten wir aus Armut. Ich hatte kein Geld, um mir diese Breigläschen zu kaufen und diese Einwegwindeln waren auch sehr teuer.

Ich war zu Hause und habe eben jeden Tag gekocht. Erst als die Kinder im Kindergarten waren, habe ich wieder gearbeitet und zwar als Hausbesorgerin, eben, damit ich in der Nähe meiner beiden Söhne sein konnte. Wir alten Mütter hatten diese innere Ruhe.

Es ging nicht um Karriere. Oder sich selbst zu beweisen, alles haben zu wollen. Und dieses Präsentieren des eigenen Könnens vor anderen Müttern. Es ging einfach nur um die Kinder. Wir leben heute schon in so einer Präsentiergesellschaft. Das tut vielleicht manchmal gut. Aber ich denke auf Dauer gesehen schadet es uns.

Mehr zum Thema: Ich bin keine schlechte Mutter, nur weil ich arbeiten gehe - hört auf, mich dafür zu verurteilen

Meine Enkelin ist jetzt Zweifachmutter. Ich finde, dass sie die Sache gut meistert. Sie ist wieder in der Arbeit, aber sie macht sich keinen Druck. Ich finde das sehr wichtig. Mir tun die Mütter immer leid, die ihre Kinder in der Straßenbahn nicht unter Kontrolle haben und sie turnen lassen, obwohl die Bahn fährt.

Es fehlt an Respekt und das schon vom Kleinkindalter, aber das hat jetzt einen Namen und ist modern, dass Kinder tun und lassen sollen, was sie wollen. Ich muss aber zugeben, ich war eine strenge Mutter. Mein Mann starb sehr jung, er war erst 46 und ich hatte zwei Buben.

Eltern machen zu viel Druck - das tut nicht gut

Der Große ist kurz nach dem Tod seines Vaters selbst Vater geworden, eben von meiner genannten Enkelin, die nun Mutter ist. Sie war mein Pflaster, mit ihrer Geburt habe ich den Tod meines Mannes überlebt. Sie durfte auch alles bei mir tun.

Ja, weißt du was, vielleicht ist es nicht so schlecht, wenn Kinder auch einmal Dinge dürfen, die sie normalerweise nicht dürfen. Denn wenn ich meine Enkelin so ansehe, dann hat das mein Sohn echt gut gemacht mit ihr.

Auf sie bin ich ganz besonders stolz. Und wenn ich anderen Müttern einen Rat geben sollte, dann würde ich ihnen sagen, dass Druck nicht gut tut. Auf Dauer zergeht man daran.

Man muss sich immer überlegen, was man will, was den Kindern, aber auch einem selbst gut tut. Und einen Weg finden, um alle, oder die wichtigsten Bedürfnisse im Leben einzuschließen. Denn wir hoffen ja auf ein langes und gesundes Leben, oder etwa nicht?"


Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf dem BlogHotel Mama .

Mernerva Hammad ist freie Journalistin, Wiener Mutti mit Migrationsblabla und führt seit einem Jahr den Blog "Hotel Mama". Ihre Hauptthemen sind Lebensgeschichten von Frauen aus aller Welt, Mutterschaft und Feminismus, Multikulti-Lifestyle und Reisen mit Kind.

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