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Wenn es darauf ankommt ...

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Tagtäglich hören wir von Terroranschlägen und unzähligen Toten. Uns bleibt der Hass gegeneinander und den Verbliebenen die endlose Trauer. Zurzeit habe ich nicht einmal mehr Lust zu wissen, was wo geschieht. Bagdad, Kabul, Manchester, Ägypten und das sind nur einige der jüngsten Tränen im Herzen der Welt. Was wir aus der Menschheit gemacht haben, ist beschämend.

Anstatt den Verletzten und Toten noch den letzten Respekt entgegen zu bringen, machen wir inhaltslose Anschuldigungen: "Der Islam ist und bleibt eine Religion des Hasses!", "Distanziert euch!", "Die ist zurecht gestorben, sie war eine Schlampe!", "Das ist alles eure Schuld."

Leute, die sich von Taten distanzieren müssen, die sie nicht begangen haben und andere Leute, die wütend sind und praktisch nur noch aus Angst und Hass bestehen. Zwischen all diesen Kommentaren, Meinungen und unterschiedlichen Stellungnahmen und Bilder des Grauens, taucht aber etwas auf: Liebe. Und nicht irgendeine, sondern eine ganz spezielle, nämlich: Die Liebe einer Mutter.

Die Liebe der Mutter ist stärker als der Hass

Ola ist Krankenschwester. Auf dem Bild stillt sie ein Baby, dessen Vater bei einem Autounfall gestorben ist. Die Mutter liegt noch im Koma und das Kind verweigert die Flasche, ist aber hungrig und ein Stillbaby.

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Bis hier ist nichts Ungewöhnliches an der Geschichte, nun aber der interessante Teil: Ola ist Jüdin, das Baby ist palästinensischer Abstammung und hat muslimische Eltern. Der Vorfall geschah vorgestern in einem Krankenhaus nahe Tel Aviv. Aus dem Nahostkonflikt wurde durch diese liebevolle Geste ein Nahostkontakt.

Mehr zum Thema: "Du bist für eine Muslima aber sehr emanzipiert" - warum mich solche Sätze nerven

Ja, ich mag naiv sein und an den Frieden glauben, aber ich habe dieses Foto gesehen und es ließ mein Herz höher schlagen. An dieser Stelle muss ich zugeben, dass ich immer sehr skeptisch bin, wenn es um diesen Konflikt geht. Ich bin Muslima arabischer Abstammung und weiß nie, was ich von der Situation dort halten soll, vor allem dann nicht, wenn Krieg herrscht.

Aber aus dem Nichts kommt dieses Bild und mein Mutterherz sah darin nur Gutes. Ich sah Hoffnung, ich sah eine mögliche Zukunft des Miteinanders. Der Hass würde vielleicht kleiner und schwächer werden. Irgendwann würde er vielleicht ganz verschwinden. Vielleicht ist dies der Anfang vom richtigen Anfang?

Ola wurde mit dieser Tat über Nacht ein bekanntes Gesicht auf Facebook und Instagram, mehrere Online-Magazine veröffentlichten die Story und mich interessierte, was andere Menschen davon hielten. Ich meine, wenn man dieses Bild sieht, kann man doch nur Liebe empfinden, oder? Oder?

Nein, leider nicht nur Liebe..."Dieses Kind wird nach Jahren zurückkommen und dich umbringen", schreibt ein wütender FB-Nutzer. Ein anderer schrieb "Wahrscheinlich hat sich seine Tante ausgemalt, wie sie dir ein Messer in den Rücken sticht" und noch einer "Jetzt hast du den Kleinen mit deinem Blut beschmutzt."

Muslimische Araber und Menschen jüdischen Glaubens haben dieses Bild benutzt, um sich gegenseitig in den Kommentaren zu beschimpfen. Und mir blieb bei diesen Einstellungen der Atem weg, weil mir nicht klar ist, was diese Menschen genau sehen. Sehen sie vielleicht ein anderes Bild als das, was ich sehe? ich sehe nämlich eine Frau, die ein Kind im Arm hält und wüsste ich es nicht, würde ich sagen, es sei ihr eigenes.

Für mich sind alle Mörder Terroristen

Portland. Ein Terrorist (so nenne ich alle Mörder und beziehe mich nicht auf Herkunft und Religion, denn dieser war kein Muslim *surprise*) attackierte zwei junge Musliminnen verbal auf der Straße. Es eilten ihnen drei Männer zur Hilfe, die das Ganze beobachteten.

Der oben genannte Terrorist erstach zwei der Männer zu Tode. Der dritte ist schwer verletzt und liegt noch bis heute im Krankenhaus. Drei Männer sahen, dass zwei junge Frauen belästigt werden und eilten zur Hilfe, ohne darüber nachzudenken. Sie zahlten mit ihrem Leben dafür.

In den Zeitungen stand das Wort "Terrorist" nirgends. Man nennt den Täter bei seinem Namen und von seiner Religion steht auch nichts in den Berichten. Würde man bei jedem Mörder und Bombenleger nicht nur seinen Namen, sondern auch seine Religion dezent in den Vordergrund legen und ihn als das bezeichnen was er ist- nämlich ein Terrorist- dann würden viele Leute darüber staunen, wie unterschiedlich die Gesichter des Terrors sind.

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Auf dem Foto sieht man Taliesins (einer der Opfer) Mutter, die das Mädchen umarmt, für das er sein Leben gegeben hat. Er kannte die junge Dame nicht, dennoch starb er, während er sie und noch eine andere Muslimin mit seinem Leben vor Fremdenhass beschützte.

Ich hoffe meine Tochter bekommt dasselbe Verantwortungsgefühl wie Tugce

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Deutschland 2014. Die junge Dame auf dem Foto hieß Tugce Albayrak und war keine Mutter, aber ich bin eine. Und ich hoffe, dass meine Tochter eines Tages dasselbe Verantwortungsgefühl ihren Mitmenschen gegenüber empfindet, wie Tugce es tat.

Die Deutschtürkin hat zwei deutschen Teenagern geholfen, die auf der Straße sexuell belästigt wurden. Auch sie musste mit ihrem Leben für diesen Einsatz zahlen und wenn ich daran denke, dass damals unter dem Bericht Kommentare wie "Endlich sind wir eine von denen los" oder "Jetzt ist sie da wo sie hingehört" waren, dann darf mich eigentlich nichts mehr wundern - nichts mehr.

Aber wenn ich mir Tugces Bild ansehe, wie sie mich mit diesen verträumten Blick anlächelt und viel lebendiger zu sein scheint, als so manche Leute die noch atmen, aber keineswegs leben, dann darf das nicht alles gewesen sein. Ich denke, dass mehr in uns steckt. Ich denke, dass wir das besser können.

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Ich weiß, was man nicht kennt, das macht einem Angst. Niemand möchte eines Abends mit seiner Familie auf ein Konzert gehen und dann ohne seine Kinder nach Hause gehen. Niemand möchte, dass die eigenen Kinder ermordet werden. Niemand. Aber wer möchte schon, dass das eigene Kind voller Hass und Unverständnis aufwächst?

Menschen, die vom Hass leben und diesen an ihre Kinder weitergeben, tun mir wahnsinnig Leid. Am liebsten würde ich sie alle umarmen. Durch die Geschichten dieser Menschen habe ich begriffen, dass Hass eigentlich ein verzweifelter Ruf nach Liebe ist.

Liebe macht stark und sorgt für Zusammenhalt

Terroristen gibt es überall. Sie haben unterschiedliche Hautfarben, sind unterschiedlicher Herkunft, glauben an unterschiedliche Religionen - oder haben gar keine, teilen aber eine einzige Sache gemeinsam: Sie alle schaffen es durch ihre Taten uns aufeinander zu hetzen. Sie töten und wir hassen, was uns um kein Stück besser macht als sie.

Liebe tut nicht weh. Liebe ist sogar das einzige auf der Welt, das nicht weh tut. Liebe macht stark und genau das wollen sie alle nicht- dass wir zusammenhalten. Aber genau das und nichts anderes sollten wir tun! Hand in Hand und Herz auf Herz - füreinander. Denn tagtäglich beweisen Menschen, dass das Gute siegt, wenn es darauf ankommt.

Wenn es darauf ankommt, stillt eine Jüdin ein muslimisches Baby. Wenn es darauf ankommt, umarmt eine Mutter die Frau, für die ihr Sohn gestorben ist. Wenn es darauf ankommt, opfert eine junge Türkin ihr Leben und zeigt Zivilcourage. Weil es das ist was Menschen tun, wenn es darauf ankommt

Und ich hoffe, dass wir eines Tages unseren Hass ausatmen können, damit wir ihn in etwas Gutes für uns verwandeln können, denn nur dann hat unsere Existenz auf dieser Welt auch den wahren Sinn vollbracht und nur dann sind so viele Menschen nicht umsonst gestorben.

Der Beitrag erschien zuerst auf Hotel Mama.

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