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Menerva Hammad Headshot

Eine Szene auf dem Spielplatz hat mir gezeigt, was in der Kindererziehung gerade schief läuft

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SPIELPLATZ
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Bevor man Kinder hat, weiß man genau, wie man sie erziehen wird. Ja, wer von uns hat sich nicht schon einmal andere Eltern angesehen und dabei gedacht "Mein Kind wird so etwas nie dürfen" oder "Wenn ich einmal Mutter bin, mache ich das bestimmt anders"?

Wir alle dachten schon einmal, dass wir es um Ecken besser machen - bis wir tatsächlich Eltern wurden. Plötzlich ist es in Ordnung, wenn das Kind im Supermarkt einen Wutanfall hat oder spät nachts noch vor dem Fernseher hockt. Es ist auch in Ordnung, wenn man als Mutter oder Vater nicht alles im Griff hat und vor den Kindern flucht.

Und während bei dir zu Hause die Hölle los ist, wirst du mit Erziehungsmethoden überhäuft: "Kinder dürfen nicht angeschrien werden", "Wenn Kinder bestraft werden, werden sie zu Tierquälern", "Wenn Sie Ihr Kind wütend macht, dürfen Sie diesem Gedanken nicht glauben, Sie machen Sich selbst wütend", "Sie dürfen Ihre Kinder nicht dazu zwingen, sich zu entschuldigen" usw.

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Aber nicht jede Methode ist für jedes Kind anwendbar. Oder?

Um ehrlich zu sein, habe ich nie darüber nachgedacht, wie ich meine Tochter erziehe. Ich habe einfach auf mein Bauchgefühl gehört und auf ihre Signale reagiert. Was ich nicht wusste, ist, dass diese Methode sogar einen Namen hat und zwar "Attachment Parenting".

Die Mutter nahm ihren Jungen in Schutz

Wie gesagt, ich habe nicht groß über Erziehung nachgedacht. Ich lese zwar viel darüber, habe aber, wenn ich ganz ehrlich bin, noch keine eindeutige Meinung zu vielen dieser Methoden, sondern hatte eher eine "Zwischenmeinung". Bis sich folgendes vor meinen Augen abspielte:

Wir sind in einem Indoor-Spielplatz in Texas und ich treffe mich mit einigen anderen Müttern zu einem Playdate. Meine Tochter nimmt sich ein Spielzeug und setzt sich in eine Ecke. Das tut sich manchmal - erst einmal alleine spielen. Die anderen Kinder waren alle über vier Jahre alt. Es waren nur Jungs.

Eine der Mütter war schon im neunten Monat schwanger, hatte aber einen 5-jährigen Sohn, der mit den anderen Buben spielte. Wir Mütter saßen in einem Kreis da und quatschten, als der Sohn der schwangeren Dame ihr einen festen Tritt in den Rücken gab und davon lief.

Sie wurde rot und sagte eingeschüchtert: "Er spielt nur." Eine andere Mutter in der Runde fragte besorgt nach: "Aber tut das nicht weh? Wieso darf er das?"

Die schwangere Mutter wiederholte: "Er spielt nur." Wir vertieften uns wieder in unser Gespräch. Wieder kam er angelaufen und wollte einer anderen Mutter in den Rücken treten, als diese sich im richtigen Moment umdrehte und seinen Fuß auffing: "Du, das tut man nicht! Man tretet andere Menschen nicht, schon gar nicht, wenn sie dir den Rücken zukehren", sagte sie. Er fragte: "Wieso nicht, das macht Spaß."

Der Junge trat ihr in den Rücken und lief lachend davon

"Nein, das macht keinen Spaß, das tut nur weh. Würdest du wollen, dass ich dir in den Rücken trete?", antwortete sie. Wir alle sahen ihr erstaunt zu, auch die Mutter des Jungen. Dieser zuckte mit den Achseln und lief dann wieder weg.

Sie sah zu seiner Mutter und sagte: "Sorry, aber bei uns heißt das nicht "spielen". Wenn du dir das gefallen lässt, ist es deine Sache, aber für mich ist das ein No-Go." Sobald sie diesen Satz beendete hatte, gab er ihr wieder einen Tritt und lief lachend weg.

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Heute reden diese beiden Mütter nicht mehr miteinander. Für mich ist das Ganze nun komplexer, als es schon ist. Wäre ich seine Mutter, wie hätte ich wohl reagiert? Wenn meine Tochter haut, sage ich immer "Nein. Das tut man nicht. Nicht okay, Laila. Hauen ist pfui." Sie ist aber erst anderthalb Jahre alt und ich weiß nicht, ob sie mich versteht, wenn ich labernd den Kopf schüttle.

Ich würde mich nicht von eine Kind treten lassen, wenn die Mutter daneben sitzt und nichts sagt? Er musste sich nicht entschuldigen, er spielte einfach weiter und seine Mutter musste noch ein paar Mal in der Runde von ihm gekickt werden.

Sie wurde rot, sagte aber sonst nichts, erklärte uns nur, dass er spielt. Natürlich wissen wir nicht, was sich bei ihnen zuhause abspielt, aber genau deswegen habe ich mich mit ihr und anderen Müttern unterhalten, wenn es um Folgendes geht:

Rabenkinder und Arschlocheltern

Verweichlichen wir unsere Kinder, wenn wir sie mit Samthandschuhen erziehen, es für ihre Taten keine Konsequenzen gibt, sie alles dürfen und schon in diesem Alter lernen, dass sie sich nicht entschuldigen müssen, oder machen wir sie damit erst recht zu Rabenkindern - was uns dann in anderen Elternkreisen zu Arschlocheltern mutieren lässt?!

Ich habe schon mit vielen Müttern über dieses Thema gesprochen. Hier drei Auszüge, was mir anvertraut wurde.

"Meine Tochter ist fünf Jahre alt und darf nicht unbeaufsichtigt das Messer benutzen. Sie wollte sich aber unbedingt ein Brot schmieren, also habe ich sie darum gebeten, damit zu warten, bis ich ihren Bruder gewickelt habe. Sie hat mir daraufhin das Messer entgegengeworfen und mein Gesicht erwischt. Es war Gott sei Dank nicht scharf und ich habe mir nicht ernsthaft weh getan, aber natürlich habe ich ihr gesagt, dass ich böse auf sie bin und es hat um die drei Tage gedauert, bis ich wieder mit ihr gesprochen habe. Ihr Vater hat ihr erklärt, was sie falsch gemacht hat, denn ich wollte mit ihr nicht reden. Sie hat mich damit so wütend gemacht, dass ich sie nicht sehen wollte. Mir kann keiner einreden, dass man hier mit streicheln und erklären viel weiterkommt. Es musste eine Konsequenz her und diese war, dass ich nicht mit ihr spreche. Sie musste auf diese Weise spüren, dass sie etwas Falsches getan hat und darüber nachdenken. Ich war und werde niemals gewalttätig zu meinen Kindern sein, aber sobald sie im Kindergarten sind, verlieren wir einen Teil der Kontrolle, weil sie dort Schimpfwörter und anderes lernen, deshalb müssen wir so gut es geht, den Teil den wir ihnen mitgeben können, sehr gut bedenken - denn er ist die Basis für späteres Handeln."

"Ich habe zwei Söhne. Der eine ist zehn, der andere fünfzehn Jahre alt. Der Jüngere ist leise, schüchtern und brav, würde ich sagen. Beim Älteren habe ich einiges falsch gemacht, denn er durfte alles, es gab keine Konsequenzen, nicht einmal Gespräche, die ihm erklären würden, was da nun an seinem Verhalten falsch war. Er mobbt heute andere Kinder in der Schule, sogar seinen Bruder zu Hause mobbt er. Er redet respektlos zurück und hat vor keinem irgendeine Art von Achtung. Ich liebe ihn, aber er bringt mich zur Weißglut. Bei seinem Bruder habe ich dieselbe Erziehungsmethode angewandt, der ist aber ganz anders. Was habe ich falsch gemacht?"

"Ich habe Zwillingstöchter. Bei uns gibt es so etwas wie Bestrafungen nicht. Das gab es früher, bis ich eines Tages gemerkt habe, dass ich meine Töchter schreiend darum bitte, dass sie bitte aufhören sollen zu schreien. Was für eine Ironie! Ich habe genau in diesem Moment meine Taktik geändert und mehr mit ihnen gesprochen, aber vor allem, habe ich ihnen zugehört. Manchmal ergibt das, was sie sagen, für uns keinen Sinn - für sie aber sehr wohl. Wir müssen uns dann in sie hineinversetzen und ihnen das Gefühl geben, dass sie ebenwertige Erwachsene sind, dessen Gefühle und Gedanken wichtig sind - sind sie ja auch. Es dauerte seine Zeit, ich bin aber froh, dass ich meine Art und Weise geändert habe."

Ich habe so viele Mütter getroffen und sie sprechen so offen mit mir über das Muttersein, dass es mich in der Tat ehrt, was sie mir alles anvertrauen, aber es macht mich jedes Mal verwirrter, als das Mal davor. Habe ich ein Gespräch mit einer, so denke ich, dass all ihre Schlussfolgerungen logisch klingen.

Überfordern uns die vielen Erziehungsmethoden?

Spreche ich mit der nächsten Mutti, hat diese die besseren Argumente zu einer komplett anderen Methode. Langsam aber sicher fragte ich mich "Können wir mit zu vielen Ansichten, wissenschaftlich Beweisen und Widerlegtem nicht richtig umgehen? Sind wir zu blöd? Überflutet uns die Wahl, so, dass wir darin ertrinken?"

Eine italienische Freundin freut sich riesig, dass es in Italien nun die Impfpflicht gibt, man hätte ihr "den Stress der Entscheidung" somit genommen, meinte sie. In Österreich und Deutschland wird immer noch darüber gestritten. Wer hat wohl Recht, wenn es um diese Stiche geht, die Sticheleien auslösen? Genau wenn es um diese Themen geht, denke ich, dass wir das Internet lassen sollten.

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Denn das Internet ist unendlich und es gibt dir die Antworten, die du erhoffst, nicht die, die richtig sind - und somit stehe ich wieder am Anfang: Gibt es "die" richtige Erziehungsmethode? Und sollen wir unsere Kinder überhaupt "erziehen"?

Wir wissen ja, dass Kinder ihre Eltern und ihr Umfeld nachahmen, also sollten wir vielleicht eher uns selbst erziehen, oder etwa nicht?

Irgendwo habe ich letztens gelesen "Man soll vor seinen Kindern nicht wütend sein", aber wieso nicht? Wut ist eine Emotion, wie Trauer, Freude und viele andere. Darf ich mein Kind nur alles Positive vorleben, in einer Welt, die nicht nur aus Positivem besteht? Fragen über Fragen und mit jedem Interview werden sie mehr. Ich habe aber dann ein Erlebnis gehabt, das mir den Weg zeigte:

Ich schaue, dass mein Kind oft an die frische Luft kommt. Sie muss spielen, Vitamin D tanken, aktiv sein und verdammt noch einmal Spaß haben: Finde den Fehler. Seit wann muss man Spaß haben? Spaß ist doch eines der wenigen Dinge, wo man nichts muss. Und da hat es Klick gemacht: Sie muss in ihrem Alter nichts. Sie kann, wenn sie will. Sie darf, wenn sie möchte.

Ich sage Nein zu meiner Tochter

Wir machen es uns auch daheim schön, es wird nicht laut geschimpft, sondern langsam erklärt. Immer dann, wenn ich den Kopf schüttle und dabei "Nein" sage, weiß sie, dass das, was sie tut, nicht in Ordnung ist und lässt es dann meistens. Bei einem Playdate hat sie ein Junge mehrfach geschubst und sie hat nicht zurückgeschlagen, sondern ging einfach von ihm weg.

Als er versuchte, es wieder zu tun, kam seine Mutter rechtzeitig dazwischen, erklärte ihm vor Laila, dass dies nicht in Ordnung sei. Ganz von alleine reichte er ihr die Hand, daraufhin umarmte sie ihn.

Ich weiß nicht, was diese Mutter als Methode hat, aber sie funktioniert. Wir müssen unsere Kinder nicht dazu zwingen, sich zu entschuldigen, Spielzeug zu teilen, oder nett zu sein, sondern es ihnen vorleben und erklären, wieso teilen schön ist und hauen weh tut.

Natürlich habe ich nun leicht zu reden, meine Kleine ist noch nicht einmal zwei Jahre alt und vielleicht lache ich in zwei Jahren über diesen Eintrag, aber für nun passt es so. Das ist auch so eine Sache: Sind Erziehungsmethoden zeitlos? Ich denke nicht, sie entwickeln sich, wie alles andere, weiter - je nach Kind und Situation, oder?

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Wenn wir unsere Kinder umarmen, verhätscheln wir sie nicht. Genauso wenig sind wir Arschlocheltern, wenn sie für ihre Taten schon im kleinen Alter Verantwortung tragen, indem ihnen erklärt wird, warum es falsch ist, jemanden zu schlagen, oder auszulachen, oder oder....und auch im Zwergchen-Alter verstehen sie sehr wohl, was wir sagen und tun.

Meine Tochter sieht mich weinen, lachen, tanzen, singen, wütend sein, aber sie ist nicht meine Zielscheibe. Sie muss wissen, dass es viele Emotionen gibt, vor ihr ist meine Persönlichkeit nackt und ich würde es nicht anders haben wollen.

Mich interessiert eure Meinung zu diesem Thema sehr... die Schwarmintelligenz wird hier gebraucht :-D

Was denkt ihr dazu?

Von Menerva Hammad

Mernerva Hammad ist freie Journalistin, Wiener Mutti mit Migrationsblabla und führt seit einem Jahr den Blog "Hotel Mama". Ihre Hauptthemen sind Lebensgeschichten von Frauen aus aller Welt, Mutterschaft und Feminismus, Multikulti-Lifestyle und Reisen mit Kind.

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