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"Sei bloß nicht du selbst, die Menschen zerstören dich sonst" - drei Beispiele zeigen, wie krank unsere Gesellschaft ist

16/06/2017 15:50 CEST | Aktualisiert 25/08/2017 10:15 CEST
Arief Juwono via Getty Images

Das Motto "Sei du selbst" ist allgegenwärtig. Man liest und hört es überall. Vor allem sollen die Worte doch Frauen bestärken, sich in ihrer eigenen Haut wohl zu fühlen.

Aber Achtung, es ist eine Falle. Denn sobald man tatsächlich nach diesem Motto lebt, wird man von einem Shitstorm der besonderen Art niedergeschlagen.

Bodyshaming erreicht in unserer Zeit einen neuen Maßstab an Absurdität. Längst geht es nicht mehr nur um dick oder dünn, sondern auch um dein Geschlecht, schöne oder hässliche Körperteile und kleine Makel, die doch einfach ein jeder von uns hat.

Beleidigungen dieser Art müssen sich tagtäglich tausende Menschen auf den sozialen Netzwerken anhören.

Hart wird ihnen beigebracht, dass das, was sie sind einfach nicht reicht, dass sie einfach nicht gut genug ist.

Sie stellt sich mit ihrem Gesicht, für das sie von allen verurteilt wird, der ganzen Welt

Eine dieser Personen ist Melanie Gaydos. Das 27 Jahre junge Model hat einen Gendefekt, der das Wachstum von Haut und Knochen beeinträchtigt.

Sie könnte sich theoretisch einfach verkriechen und weinen. Das tut sie aber nicht - sie tut das Gegenteil und lässt sich ablichten.

So und nicht anders verdient sie ihre Brötchen.

Erst vor einigen Tagen tauchten plötzlich ihre Fotos vermehrt im Netz auf - dazu Kommentare wie "Das ist ja gruselig", oder "Mit so einem Gesicht würde ich mich nicht fotografieren lassen".

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Auch auf ihrem Instagram-Account, auf dem sie über 122 Tausend Follower (darunter Miley Cyrus höchstpersönlich) hat, wird sie von solchen Kommentaren natürlich nicht verschont.

Da ist also eine junge Dame, die anders aussieht, wie wir es gerne hätten und es gewohnt sind und was tut sie?

Sie stellt sich mit ihrem Gesicht, für das sie von allen Seiten verurteilt wird, der ganzen Welt und verdient somit ihren Lebensunterhalt.

Sie ist selbstbewusst und weiß, wer sie ist.

Genau das ist es, was wir unseren Kindern weitergeben - sei du selbst und stehe zu dir. Sobald sie es aber dann ausleben, kommt eine Gruppe von Idioten und zerstört dieses Gefühl durch solch hässliche Kommentare.

In einem Interview mit der Huffpost US verrät das ungewöhnliche Model Melanie Gaydos, dass sie schon öfter an Suizid gedacht hat.

Nicht etwa aufgrund der Hassnachrichten, die sie in Unmengen bekommt, aber weil sie als Teenager einfach nicht wusste, wie sie mit dieser Krankheit umgehen soll. Das Modeln hat sie aus diesem Tief der Verlorenheit gerettet.

Die Gesellschaft ist verantwortlich

Eine andere starke Frau ist Jazz Jennings, die eigentlich als Junge geboren wurde. Schon immer wusste sie, sie ist im falschen Körper gefangen. Heute lebt sie als junge Dame und ermutigt andere Trans-Teenager, zu dem zu stehen was sie sind.

Sie hat nicht nur ein Buch mit dem Titel "Being Jazz" über ihre Lebensgeschichte veröffentlicht, sondern hält auch Vorträge, um andere Menschen dabei zu helfen wieder ins eigene Geschlecht zu finden.

Viele Menschen attackieren das Vorbild jetzt und werfen ihr Begriffe wie "Freak" und "Teufelsbrut" an den Kopf.

Aber hier hört es mit dem Bodyshaming nicht auf, es geht noch skurriler: Vor etwa zwei Wochen sah ich einen Post auf Facebook.

Eine Mutter aus Deutschland ließ auf dem sozialen Netzwerk Luft raus, weil ihre Tochter in der Schule aufgrund ihrer "dicken Arme" gehänselt wird.

Deswegen möchte das Mädchen ihre Jacke selbst bei 30 Grad nicht in der Klasse ausziehen.

Ihre Mutter machte die Gesellschaft, meiner Meinung nach zurecht, dafür verantwortlich.

Wir sind es, die im Namen der Freiheit und der Freiwilligkeit das Leben jeder Person in deren Hände legen und sobald sie etwas damit anfangen, das in unserer Weltanschauung nicht passt, sind sie absurde Freaks.

Menschen sollten mehr als nur eine Zahl auf einer Waage sein, mehr als bloß Mann oder Frau und definitiv mehr als ein schönes Gesicht.

Wir sind es, die so etwas zulassen.

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Wir sind es, die Menschen, die Behinderungen haben erst behindern, aus Geschlechtern eine komplizierte, verklemmte Sache machen und Kindern einreden, sie seien zu fett, oder zu dünn.

Bodyshaming ist überall auf der Welt, es passiert schon im Kleinkindalter, es wird immer schlimmer und es hat schon lange nichts mehr mit dem Gewicht zu tun.

Wir gehen mit dem Blödsinn buchstäblich unter die Gürtellinie.

Das müssen wir uns bewusst machen, damit wir auch bewusst damit aufhören.

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