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Nach einem Jahr als Mama muss ich sagen: Ich vermisse mich

17/01/2017 15:26 CET | Aktualisiert vor 19 Stunden
NKS_Imagery via Getty Images

Seit einem Jahr bin ich Mama. Einerseits ist die Zeit wie im Flug vergangen, andererseits gab es unzählige schlaflose Nächte, die mir wie endlos lange Jahre vorgekommen sind.

Wenn ich mir Lailas allerersten Fotos ansehe und sie mit dem Hier und Jetzt vergleiche, kann ich kaum glauben, was in dieser kurzen Zeit alles passiert ist.

Nicht nur, dass sie schon zwei Zähnchen im Mund hat, sie kann auch schon ganz alleine ein paar Schritte gehen. Sie nickt, wenn ihr etwas gefällt und spricht auf ihre eigene Sprache zu uns. Ja, in dieser Zeit hat sich meine Tochter sehr entwickelt, aber nicht nur sie, sondern auch ich...

Wenn man sich als junge, noch kinderlose Frau, ein Kind wünscht, Kinder liebt, weil die Schwester, oder eine Freundin schon zwei haben und man diese ganz niedlich findet, hat man trotzdem keine Ahnung davon, wie das Muttersein so ist.

Wenn du keine Mama bist, verstehst du nicht wovon ich rede

Man denkt, man wüsste es, weil man ja einige Abende babysitten war, aber die Realität, die Situation an sich, dieses Leben als Mutter, das kann man keinem in Worten verständlich machen, der es nicht tagtäglich zu leben hat.

Es ist schlicht und ergreifend nicht möglich. Es ist vollkommen egal wie lange du Psychologie studiert hast, oder wie viele Kinder du als Pädagogin schon betreut hast, wenn du keine Mama bist, dann ist das einfach eine andere Sicht der Dinge.

Du verstehst möglicherweise nur zu einem Teil wie es ist, aber nie vollkommen. Es fehlt dir dann einfach das letzte Teil vom Puzzle und damit ist dein Bild unvollständig. Diese neun Monate der Schwangerschaft bereiten dich eigentlich nur darauf, dass da nun bald wer kommt, aber Mamasein, das ist pures Learning by Doing.

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Kein Buch, keine Ausbildung, keine Erzählungen, nichts und wieder nichts kann dich darauf vorbereiten dein Kind zu erziehen, ohne dabei deine Nerven zu verlieren, oder "alles richtig zu machen". Du kennst dein Kind ja vorher nicht und dich selbst als Mutter auch nicht.

Wie du dich verändern wirst steht noch unklar, aber eines ist sicher: Du wirst dich auf jeden Fall verändern!

Ich bin um einiges geduldiger geworden. Ich höre anderen Müttern zu und picke die Ratschläge aus, die ich für meine Tochter gut finde. Mit der Zeit habe ich eingesehen, dass es okay ist meinen Job zu vermissen, aber mein Kind mich zu Hause noch braucht.

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Auch wenn es mir so vorkommt, dass das Leben der anderen weitergeht und meines eher stehen geblieben ist, so entwickelt sich mein Leben doch auf einer anderen Ebene sehr wohl weiter: Die Mama-Ebene.

Als frische Mama will man alles richtig machen

Sie hat Vorrang, sie darf Vorrang haben, aber mir muss es auch gut gehen, damit es ihr gut gehen kann. Dazu fällt mir etwas ein: Laila war erst 3 Wochen alt und ich roch, sie hatte eine Stinkewindel.

Ich musste dringend auf die Toilette, wollte aber zuerst ihre Windel wechseln. Während ich ihr die Windel gewechselt habe, hätt ich mir beinahe in die Hosen gepinkelt.

In diesem Moment nahm ich mir für die Zukunft vor: Zuerst geh´ ich aufs Klo, dann darf sie! Wenn ich zuerst auf die Toilette gegangen wäre, wäre meiner Tochter nichts Böses passiert. Kein wunder Popo, gar nichts.

Aber als frische Mama will man alles perfekt machen und stellt sein Kind immer vor- was ja auch richtig ist, aber auch dir muss es einmal als Mensch gut gehen, damit du als Mutter funktionieren kannst.

Es sind nicht nur die Geduld und die Gelassenheit, die ich dem Mamasein verdanke, sondern auch - und zwar vor allem- der Luxus der Gleichgültigkeit.

Gleichgültigeit ist ein Luxus, das man sich erarbeiten muss. Es ist nicht leicht, nicht jedem gefallen zu wollen- nicht heutzutage. Natürlich ja, ich habe einen Blog und einen Instagram-Account, aber ich jagen den Followern nicht hinterher und will mich für den x-ten Menschen, der mich "verfolgt" nicht bedanken müssen.

Du bist in diesem ganz normalen Wahnsinn nicht alleine

Ich richte mein Essen nicht her, bevor ich es fotografiere oder schmück es mit Blumen, sondern zeige einen Teil der Realität, welche so aussieht, dass das Essen auch mal verbrannt auf meinem Account erscheint. Ich bin hier um anderen Müttern zu sagen: "Du bist in diesem ganz normalen Wahnsinn nicht alleine".

Zeigt bitte Gleichgültigkeit jenen Menschen gegenüber, die Mütter runtermachen, das Muttersein auf etwas unbedeutendes reduzieren, weil es "ja so einfach ist eine zu werden" , uns Mütter gegeneinander ausspielen und uns Frauen erzählen, wie wir zu fungieren haben.

Mehr zum Thema: Ich ziehe sie groß, damit sie mich verlassen

Wir Frauen- vor allem Mütter- sollen ja nicht nur super tolle Erzieherinnen sein, sondern auch Chefköchinnen mit flachen Bäuchen, am besten auch gleich Dekorationsgurus, die teilzeitig fotographieren und Yogameisterinnen, die in allen Yogaposen gleichzeitig stillen können. Diese Menschen sind leider überall und ich habe gelernt sie auszuschalten.

Ich sehe und höre sie nicht mehr und seitdem geht es mir besser. Sie sind mir egal geworden. Mehr denn je.

Ach ja, und: Ich vermisse mich. Mein altes Ich. Ich vermisse diese andere Person, die ich vor meinem Muttersein war sehr oft. Manchmal, wenn ich in den Spiegel schaue, dann sehe ich sie noch, diese wilde, freie Person, die in ihrer Freizeit keine süßen Strampler zusammenlegte und Socken stopfte, sondern in die weite Welt hinausging und keinerlei Grenzen kannte.

Ja, wir begegnen uns noch manchmal in Träumen, Spiegel, Erinnerungen und ich denke, sie wird immer ein Teil von mir sein.

Der Blog der Autorin heißt Hotel Mama und hier das ist ihr Instagram-Account: blog_hotel_mama.

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