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An die Mutter, die nicht wollte, dass meine Tochter mit ihrem Sohn spielt

22/11/2017 11:12 CET | Aktualisiert 22/11/2017 11:26 CET
Menerva Hammad

"Halte deine beschnittene Tochter von meinem Sohn fern! Ihr beschnittenen Mohamedanerinnen macht mich einfach nur wütend", schrie mich die Dame an, nahm ihren Sohn und ging.

Schockiert blieb ich stehen und umarmte meine Tochter, die sich aufgrund ihres jungen Alters GOTT SEI DANK nicht daran erinnern wird. Schockiert, beleidigt und in meiner Würde entblößt - so und nicht anders fühlte ich mich.

Was muss im Leben eines Menschen alles schief gelaufen sein, damit man solche Worte von sich gibt? Damit man andere so sieht? Traurig, grauslich, pure Realität.

Die Vorgeschichte

Meine Tochter und ich probieren unheimlich gerne Krabbelcafes und Indoor-Spielplätze aus. Hier und da machen wir Freunde, Mal gefällt es uns, Mal nicht, das Übliche eben.

Die Sache ist nur die: Ich bin Kopftuchträgerin.

Und eigentlich wollte ich nicht, dass dies auf meinem Blog Platz hat. Hier geht es nur und wirklich nur ums Mamasein. Auch wenn ich in meinem Beruf als Journalistin viel über muslimischen Feminismus geschrieben habe, so möchte ich das auf meinem Blog eigentlich nicht.

Nun ja, in einem der Indoor-Spielplätze machte Laila - meine Tochter - eine Bekanntschaft mit einem Buben ihres Alters. Er war mit seinem Papi da. Wir Erwachsene lächelten uns gegenseitig an, bestaunten das Geschmuse unserer Kinder und eigentlich war alles gut.

Bis irgendwann die Mutter des Buben kam, die sozusagen den Papa ablöste, denn dieser ging, als seine Frau auftauchte. Ihr passte es ganz und gar nicht, dass meine dunkelhaarige Tochter, die eine Kopftuchfraumutter hat, mit ihrem Sohnemann spielt.

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Ständig rief sie nach ihm. Er gehorchte nicht, er war mit Händchenhalten beschäftigt. Wieder rief sie, wieder ignorierte er. Später kam sie zu mir und sagte die oben genannten Dinge zu mir.

Normalerweise lasse ich so etwas nicht auf mir sitzen und bin schlagfertig, aber in dieser Situation war ich einfach still. Plattgedrückt von einem Hass, den ich nicht verstand. Wo kommt so viel Hass her?

Ich hätte mich vor ihr ausziehen und ihr beweisen können, dass weder ich noch meine Tochter beschnitten sind. Das hätte auch nicht viel geholfen.

Ich hätte ihr erklären können, dass ich Österreicherin bin. Dass ich hier aufgewachsen bin, hier studiert habe und Wien als meine Heimatstadt sehe. Das hätte sie alles nicht interessiert.

Sie hatte ein bestimmtes Bild, sie wollte - anscheinend - kein anderes haben und dabei blieb es. Schade für sie, schade aber vor allem für ihren Sohn.

Immer sind die Anderen Schuld

Ich habe ägyptische Wurzeln. Wenn ein Chinese zu mir kommt und mir erzählt, er sei Ägypter, würde ich lachen. Würde er mit mir auf Arabisch reden, wäre ich jedoch fasziniert. Würde er dort leben, studieren, arbeiten, Steuern zahlen und das Land lieben, wär ich beeindruckt und stolz auf ihn. Ganz egal welchen Glauben er hätte.

Was muss Mann/Frau, der/die hier aufgewachsen ist, tun, um akzeptiert zu werden? Was noch? Warum vergiften wir die Gedanken unserer Kinder mit Hass und Hetzerei?

Einmal regt man sich darüber auf, dass "Ausländer" nicht arbeiten. Wenn sie aber arbeiten, dann klauen sie einem die Jobs weg.

Einmal regt man sich auf, dass sie grob zu Frauen sind, regt sich aber umso mehr auf, wenn sie mit "einheimischen" Frauen glücklich zusammen sind (und wehe die machen Kinder und "vermischen" sich).

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Einmal regt man sich darüber auf, dass sie die Sprache nicht können und wenn sie diese aber können, gelten sie trotzdem nicht als integriert.

Einmal regt man sich darüber auf, dass "Ausländer" untereinander bleiben, wenn diese aber außerhalb ihrer gewohnten Kreise versuchen, Freunde zu finden, werden sie als beschnittene Mohamedanerinnen bezeichnet.

Im Islam sind Frauenbeschneidungen strengstens untersagt. Fehlende Bildung und kranke Traditionen sind es, die solch eine Schande sogar noch bis heute in vielen - sogar westlichen - Ländern erlauben.

Wenn wir heute in einem halbwegs sicheren Europa die Frechheit besitzen über andere Länder wie Afghanistan, Iran, Saudi Arabien etc. zu urteilen, dann müssen wir uns zuerst an die eigene Nase fassen. Wir sind nämlich ganz und gar nicht fair zu Frauen.

Warum verdienen Frauen bis heute noch weniger Geld als Männer für dieselbe Arbeit? Warum gibt es nicht genug Barrierefreiheit für arbeitende Mütter? Warum gibt es kaum Frauen in Führungspositionen und in der Politik?

Warum müssen sich Afro-Österreicherinnen mit Bezeichnungen wie "Negerschlampe" zufrieden geben? Warum wird man hier so sehr nach Aussehen beurteilt und nicht danach, wie man ist? Warum darf ich im freien Europa nicht tragen, was ich möchte? Darf Frau in Afghanistan auch nicht, wo ist also der Unterschied? Beides scheiße!

Der Durchschnittsrassist

"Afrika ist EIN ganz großes Land. In Arabien dürfen Frauen nur ihre Augen zeigen und ein Mann darf vier Frauen gleichzeitig heiraten. ALLE Asiaten sind Chinesen. In Amerika ist jetzt der Trump Präsident, der hat eine fesche Frau und mag keine Ausländer, passt eh."

Und das ist für einen Durchschnittsrassisten die GANZE WELT!

Ein österreichischer Pass ist ein Privileg. Du kannst fast überall ohne Visumsantrag einreisen. Das machen die Österreicher auch gerne, sie sind gerne unterwegs.

Da geht man als Österreicher in die weite Welt hinaus, ist dort aber nur unter deutschsprachige Touristen, redet, wenn es unbedingt sein muss in Lugner-Englisch.

Am besten bucht man ein Hotel in einer touristischen Gegend in der Nähe vom Flughafen und bloß kein Leitungswasser trinken oder Essen von den ausländischen Restaurants futtern, sonst kriegt man Durchfall und stirbt vielleicht daran.

Ein paar Fotos vor den Sehenswürdigkeiten werden auch noch geschossen, damit man diese einrahmen und den Freunden zeigen kann, wie weltoffen man doch nicht ist. Immerhin verlässt man ja das Land für zwei Wochen und zahlt irgendwo anders etwas Geld. Die sollen doch froh sein, dass man das macht, die Ausländer im Ausland.

Lieber Franz mit Hauptschulabschluss, Mohamed, der Chirurg, hat dir weder Job noch Frau geklaut. Merk dir das bitte. Der einzige Grund, warum du, lieber Franz, in einem reichen Österreich lebst, ist mit einem Wort einfach und schnell erklärt: Kolonialismus.

Dieser hat nie geendet. Dieser findet noch immer statt. Wer Elend bestellt, der darf auf keinen Rosengarten hoffen. What goes around comes around Baby und damals, sowie heute, ist vieles losgegangen und das kommt heute einfach zurück!

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Menschenwürde

Ich will meine Tochter so erziehen, dass sie eines Tages als erwachsene Frau jeden Menschen in seiner Würde anerkennt und ihn respektiert. Grenzenlos. Dort wo er Mensch ist, dort wo er ein Individuum ist, dort, wo wir alle gleich sind und das sind wir.

Verdammt noch einmal, wir sind uns ähnlich und wenn dir das nicht in den Kopf geht, dann stimmt etwas nicht mit dir!

Wir kommen auf gleiche Weise, wir gehen auf gleiche Weise.

Wir lachen gleich, wir trauern gleich, wir lieben gleich, wir leben gleich, wir atmen gleich.

Auch wenn wir anders denken, haben wir so viel mehr gemeinsam, als uns bewusst ist. Zusammen ist besser. Zusammen ist stärker. Zusammen ist schöner.

Anders ist nicht fremd. Anders ist nicht schlecht. Anders ist nicht gefährlich. Anders ist so wie du, aber eben etwas anders.

Wäre es nicht fad, wenn wir alle ganz gleich wären? Ist es nicht schöner, anders gleich zu sein? Ich finde nämlich schon.

Der Beitrag erschien zuerst auf Hotel Mama, dem Blog der Autorin.

Mernerva Hammad ist freie Journalistin, Wiener Mutti mit Migrationsblabla und führt seit einem Jahr den Blog "Hotel Mama". Ihre Hauptthemen sind Lebensgeschichten von Frauen aus aller Welt, Mutterschaft und Feminismus, Multikulti-Lifestyle und Reisen mit Kind.

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