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Ich bin Muslima - das passierte, als ich für meine Tochter einen Platz im Kindergarten gesucht habe

15/05/2017 11:07 CEST | Aktualisiert 01/10/2017 13:59 CEST
vgajic via Getty Images

Da saß ich nun und schrieb mir die Telefonnummern von diversen Kindergärten auf, die ich für meine Tochter in Erwägung zog. Klar, sie ist kaum zwei Jahre alt, aber bei einer Kindergartenanmeldung gilt "Je früher umso besser". Ich habe meine Optionen angerufen und bei einem der Kindergärten fiel mir eines auf:

Als ich erwähnte, dass meine Tochter kein Schweinefleisch isst, war am anderen Ende des Telefons Stille. Dann kam doch etwas: "Sind Sie Muslime?" Ich bejahte. Von meiner Gesprächspartnerin kam nur ein "Aha" und sie wechselte sofort das Thema.

Für mich als Mutter war das kein großes Problem, für mich als Journalistin jedoch sehr interessant. So interessant, dass ich einige Tage später wieder anrief, um für meine Tochter, die "vegetarisch" ernährt wird, nach einem Platz zu fragen. Auch hier wurde ich eher abgewimmelt.

Wieder ein paar Tage später habe ich für meine Tochter angerufen, die eine Allergie hat und bestimmte Sachen nicht essen darf. Nun war ich endlich willkommen. Ich bekam sogar einen Termin. Für mich war dieser Kindergarten als Mutter aber nicht mehr in der engeren Wahl, nur als Journalistin wollte ich verstehen, was dahinter steckt.

Rassismus im Kindergarten

Normalerweise hätte ich meine Tochter bei meiner Mutter gelassen, aber an jenem Tag musste ich sie mitnehmen, weil sie sehr anhänglich war. Ich hatte sie in einer Trage an meiner Brust und sie schlief sehr bald ein. Als ich im Büro der Direktorin des Kindergartens saß, machte sie einen sehr strengen Eindruck.

"Ich weiß nicht, ob Sie Ihre Tochter hier unterbringen möchten, wir haben hier überall Kreuze hängen."

"Wieso sollte ich mit Kreuzen ein Problem haben? Ich bin auch in einem Kindergarten mit Kreuzen gewesen, auch in der Schule war das so. Das ist doch normal."

Verwundert hob sie Ihre Augenbrauen und fuhr fort: "Wir singen auch Weihnachtslieder und sind sehr für die österreichische Kultur."

"Das hoffe ich doch", antwortete ich. "Wieso denken Sie, ich wäre das nicht?", frage ich sie dann verwundert.

"Naja, verstehen Sie mich nicht falsch, Ihre Tochter isst doch kein Schweinefleisch?"

"Seit wann gehört das Schweinefleischessen zu irgendeiner Kultur? Werden vegetarische Kinder hier dazu gezwungen, Fleisch zu essen? Und täten sie das nicht, wären sie dann weniger österreichisch, in Ihren Augen?"

Sie verstummte kurz und sah mich dann an: "In meinen Augen gibt es Dinge, hinter denen ich nicht stehen kann. Eltern und auch Kinder können unfreundlich zu Ihrer Tochter sein. Das kann sein, weil sie exotisch aussieht, das kann aber auch aufgrund Ihrer Religion sein. Ich möchte so wenig Probleme haben wie möglich. Deswegen versuche ich so gut es mir gelingt, alles, was nicht nach uns klingt oder aussieht, auszublenden."

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Ich staunte nicht schlecht. Sie fuhr fort: "Wissen Sie, warum ich Ihnen das so offen sage? Weil Ihnen niemand glauben würde, sollten Sie das weitererzählen. Man wird Ihnen vorwerfen, sie nehmen die Opferrolle ein. Als Österreicher geboren zu werden ist eben ein Privileg und es mag sein, dass sie es am Papier auch sind, aber das war es dann auch. Das Gespräch ist beendet."

Eine Frage von Ethik und Respekt

Verstummt stand ich auf und ging aus der Tür hinaus. Und ich wäre nicht ich gewesen, wenn ich mich nicht in der Mitte des Gangs umgedreht hätte, um ihr meine Meinung auf gut wienerisch zu geigen:

"Wissen Sie, warum ich hergekommen bin? Weil ich vor über 16 Jahren in dieser Gegend gewohnt habe und so viele Erinnerungen daran habe. Die Zeit, die mich mit Österreich verbindet, hat im Kindergarten angefangen. Mit meiner Kindergartentante, Frau Jutta und nach ihr Frau Silvia.

Und ich weiß, dass es Ihnen scheißegal ist, aber wissen Sie was: Ich bin viel mehr eine Österreicherin als Sie es jemals sein werden! Für mich hat es nicht nur mit Kulinarik und Blondsein, sondern mit Ethik und Respekt zu tun. Sie sitzen hier und spielen Gott, als würden Sie die Tür zum Paradies hüten, während Sie dafür sorgen, dass hier Leute aufwachsen, die auf der Straße dann andere Leute sehen.

Nach ARD-Report: Hier erzählen Muslime, was in ihren Moscheen passiert

Leute wie Sie sind der Grund, warum sich die Hetze gegen bestimmte Gruppen mehrt und in der österreichischen Geschichte hat das schon einmal für Krieg gesorgt. Passen Sie also auf, was Sie hier tun und wohinter Sie stehen, denn auch Sie haben andere Wurzeln, wie wir alle."

Ohne ihre Antwort zu hören ging ich aus der Tür und musste mich erst einmal beruhigen. Meine Tochter wachte auf und war nicht in der besten Stimmung, wahrscheinlich konnte sie meine Aufregung spüren. Ich versuchte, sie zu beruhigen, indem ich in Bewegung blieb und den Gehsteig entlang ging.

Hilfe von 2 Lesben

Bald sah ich einen Spielplatz und pausierte dort, da konnte sich meine Tochter etwas austoben und ich mich beruhigen. Fassungslos und enttäuscht saß ich auf der Bank und sah meiner Tochter zu, die mit einem Jungen im Sandkasten spielte. Sie versteht sich generell eher mit Jungs und hat diesem gerade einen Klaps verpasst.

Oje, ich rannte hin um dem armen Jungen zu helfen, auch seine Mutter lief hin: "Es tut mir so Leid, ich hoffe er hat sich nichts getan." Seine Mutter lachte: "Das sind Kinder, Ihre ist ja noch winzig, die versteht das nicht." Wir beide nickten. Plötzlich bekam ihr Sohn einen Kuss von meiner Tochter auf die Wange und sie scherzte darüber: "Na schauen Sie, sie ist eine typische Frau." Wieder lachten wir beide.

Sie spielen weiter. Melanie- so hieß die Mutter des Jungen- und ich saßen auf der Bank und sahen den Kindern zu. Bald kam eine andere Dame auf uns zu und ihre Augen waren auf Melanie fixiert. Sie sah sie an und sobald sie vor ihr stand, küssten sie sich innig.

"Das ist meine Freundin, Denise." Wir gaben einander die Hand und ich konnte es mir nicht verkneifen: "Darf ich euch eine Frage stellen?" Sie verdrehten schon die Augen, hörten aber aufmerksam zu: "Habt ihr einen Kindergarten für Tobias gefunden?"

Sie lachten: "Das ist deine Frage? Normalerweise werden uns ganz andere Fragen gestellt."

"Ja, das kann ich mir vorstellen."

"Naja, er ist ja mittlerweile schon vier Jahre alt. Jetzt ist er in einem sehr guten Kindergarten, aber er war schon in einem anderen und das war nur schrecklich."

"Was ist passiert?"

"Einer der Väter hatte Angst um seine Zwillinge- zwei Mädchen- dass wir ihnen etwas antun würden. Dann hat eine der Mütter auch mehrmals erwähnt, dass die anderen Mütter nichts mit uns zu tun haben wollen, weil wir Freaks sind. Solche Nettigkeiten eben."

"Und was hat die Direktorin getan?"

"Naja, entweder sie verliert nur ein Kind, oder mehrere. Da verliert sie lieber nur eines."

"Das ist ja schrecklich!"

"Na pass´ bitte auf, wir sind dazu auch noch beide vegan! Das regt einige noch mehr auf, als dass wir ein Paar sind."

"Mein Problem ist, dass Menschen voreilige Schlüsse ziehen sobald sie mich sehen, eben weil ich ein Kopftuch trage. Sie wissen aber nicht, wieso ich es tue. Sie haben über mich keine Ahnung, aber sie denken, sie wüssten alles über mich. Das muss doch bei euch auch so ablaufen."

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"Ja, das tut es. Bei uns denken immer alle, sie müssten raten, wer der "Mann" und wer die "Frau" in der Beziehung ist. Oder aber sie denken, wir Lesben führen keine richtigen Beziehungen, sondern es sei nur eine "Phase". Dann gibt es Männer, die dir ständig sagen, was du nicht alles verpasst, wenn du lesbisch bist. Sie bauen Theorien auf und beurteilen dich nach dem, was sie denken zu wissen, nicht nach dem, was du bist.

Es gibt so viele gute Kindergärten, du wirst schon etwas finden. Eltern mit Kindern, die Behinderungen haben, oder etwas speziell sind, anders aussehen, oder sonst irgendwie anders sind, als das Gewohnte, haben es da schon etwas schwerer. Du darfst aber echt nicht den Kopf hängen lassen."

Wir haben noch länger geredet und ich habe die beiden sehr lieb gewonnen. Ihre Leichtigkeit hat mich sehr beeindruckt. So wie sie sich über jene Menschen lustig gemacht haben, die ihr Dasein nicht verstehen und einander angesehen haben, das war einfach schön zu betrachten. Wie kann man diese Liebe nicht verstehen, die zwischen zwei Menschen stattfindet? Und wie kann man allein vom Aussehen einer Person auf ihr ganzes Dasein schließen? werde ich nie verstehen.

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