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In Österreich werden Menschen gejagt - ich bin einer von ihnen

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MUSLIMS AUSTRIA
Anadolu Agency via Getty Images
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"Wir werden Frau Merkel jagen." Mit diesen Worten feierte AfD-Politiker Alexander Gauland das Ergebnis der Wahlen in Deutschland. Was er mit diesem Satz wirklich sagte: Wir, die Rechten, werden allen Menschen das Leben zur Hölle machen, die uns nicht in den Kram passen.

Es ist auch eine gute Beschreibung dessen, was gerade in Österreich passiert. Auch hier werden Menschen gejagt. Muslime, Flüchtlinge und Ausländer. Und ich bin einer von ihnen.

Ich bin muslimische Wienerin

Ich bin eine muslimische Wienerin, die auch noch dazu dunkelhäutig ist. Dann bin ich freie Journalistin und Bloggerin, die gegen Rassismus und Sexismus schreibt.

Fast jeden Tag bekomme ich Leser-E-Mails, die keinen schönen Inhalt haben. Irgendjemand liest einen meiner Beiträge, fühlt sich provoziert, nimmt sich die Zeit, eine Fake-E-Mail-Adresse zu erstellen (Hater sind immer feige und stehen nie dazu), setzt sich hin und schreibt mir meterlange, sexistische Nachrichten. Weil es in der Weltanschauung vieler nicht passt, dass eine Muslima so offen über viele Themen spricht, denken sie, dass sie es verdient hat, angefeindet zu werden.

Es ist lächerlich ...

Die Jagd auf die vermeintlich anderen geht so weit, dass die Polizei hier schon Menschen in Hai-Kostümen oder dem Parlamentsmaskottchen nachrennt. Wegen des Verdachts, das sie gegen das Vermummungsverbot - vulgo Burkaverbot - verstoßen haben.

Das ist lächerlich, aber nicht das Problem.

... aber das ist das wahre Problem

Das Problem ist, dass es unglaublich viele Leute gutheißen und hinter denen stehen, die zu dieser Jagd aufgerufen haben. Die aktuelle Situation erinnert ganz stark an eine andere, dunkle Ära in der deutsch-österreichischen Geschichte.

Aber diesmal gibt es einen winzigen Unterschied: Heute kann niemand behaupten, dass es Befehle waren. Heute entscheiden Menschen aus freiem Willen, dass andere Menschen weniger wert sind und gejagt gehören.

Im Netz findet sich der Aufruf, Muslime zu vergasen

Riskiert man einen Blick auf Social Media und vor allem unter den Nachrichten, die mit Politik verbunden sind, so findet man schnell Kommentare wie "Vergast die Muslime", "Heil, Strache", "Endlich wird hier aufgeräumt" und so weiter.

Selbst FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache schreckt vor solchen Anmerkungen nicht zurück. Daher nehmen sich auch seine Anhänger die Freiheit und posten Ähnliches. Unter dem Deckmantel von "Heimatschutz" und "Nationalstolz" predigen sie, dass Hass unter diesen Umständen genehmigt sei.

Ich werde der Angst nicht mein Leben überlassen

All das sind Gründe, Angst zu bekommen. Aber ich werde mich nicht einschüchtern lassen. Weil die Rechten dann gewonnen hätten. Und weil es da noch eine andere Seite an den Menschen gibt, die mir Hoffnung macht.

Zwischen den Hass-Mails gibt es noch die schönen Briefe. Eine orthodoxe Jüdin, die in Berlin lebt und durch meine Schreiberei Deutsch lernt. Mir schreiben Jugendliche, die sich in meinen Zeilen wiederfinden. Ich bestärke meinen Texten viele ganz unterschiedliche Frauen, ihren eigenen Weg zu gehen.

Ihnen gelten diese Worte:

Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass Angst kein guter Begleiter ist. Angst frisst die Seele auf, bringt Misstrauen und Hass hervor. Ich möchte nicht, dass ich aus diesen Dingen bestehe. Ich bestimme, was in meinem Kopf ist und ich möchte nicht, dass ich aus diesen miserablen Emotionen bestehe.

Was bin ich auch für eine Person, wenn ich in der Lage bin, Menschen zu hassen, die ich gar nicht persönlich kenne?

Ich suche nach den lächelnden Menschen - und ich finde sie

Ich lebe in Wien und Wien hat zur Mehrheit nicht rechts gewählt. Auf den Straßen Wiens sehe ich Respekt, Liebe und ein funktionierendes Miteinander. Auch wenn es Ausnahmen gibt.

Ich suche nach den Helfern auf der Straße, die mich anlächeln und Gespräche mit mir anfangen.

Denn was man auch noch auf Social Media findet, sind Kommentare, die beweisen, dass sich viele Österreicher für das Ergebnis fremdschämen und sich in der Gesellschaft für ein besseres Miteinander einsetzen.

Wir dürfen Angst nicht bestrafen

Wir dürfen niemanden dafür bestrafen, dass er Angst hat. Ganz im Gegenteil, wir müssen ihnen die Hände reichen. Es ist unsere Aufgabe, dass wir in einer Gesellschaft füreinander da sind. Nur, weil wir unterschiedlicher Meinung sind, ist das kein Grund, gegeneinander zu stehen.

Angst ist eine natürliche Emotion, aber sie darf nicht die Kontrolle über uns haben. Wer von seiner Angst kontrolliert wird, der ist eines Tages so voller Hass, dass er irgendwann in der Wahlkabine steht und sich für eine Partei entscheidet, deren Existenz auf den Hass auf andere basiert.

Verkriechen bringt nichts

Man kann sich nun die nächsten fünf Jahre fürchten, verkriechen, oder ausreisen, aber das wird das Problem nicht lösen.

Einmal erreichte mich eine E-Mail von einer Dame, die in einem Magistrat arbeitete. In der Mail schrieb sie, dass sie nie einen guten Bezug zu Ausländern hatte, weil sie durch ihren Job nur schlechte Erfahrungen gemacht habe. Dann stieß sie zufällig auf meinem Blog und fand meine Beiträge bei der HuffPost. Sie las und las, dann schrieb sie mir: "Danke für den Sichtwechsel".

Wir regen uns immer darüber auf, dass Menschen hassen und sich durch rechte Hetze verführen lassen, sind aber nicht immer die besten Beispiele, damit sie das Gegenteil denken. Machen wir doch den ersten Schritt und gehen auf Menschen zu. Reden wir miteinander, statt übereinander.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.