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Appell einer jungen Muslima: Hört auf, eure Traditionen wegen uns umzubenennen

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WOMAN WITH HEADSCARF CHRISTMAS
Morteza Nikoubazl / Reuters
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Jedes Jahr gibt es pünktlich zu christlichen Feiern die gleiche Diskussion: Darf man die Feste so nennen wie bisher? Darf man am 11. November zum Martinsumzug einladen oder nur zum Lichterfest, um Nicht-Christen nicht zu diskriminieren?

Und was ist mit Weihnachten? Können wir einer Frau mit Kopftuch "Frohe Weihnachten" wünschen? Und mit allen Kindern im Kindergarten Weihnachtslieder singen?

In manchen Kindergärten und Firmen mag hinter der Diskussion tatsächlich die Angst stecken, Nicht-Christen auf die Füße zu treten. In machen Einrichtungen dagegen wurde immer schon ein Lichterfest gefeiert, wurde ohnehin noch nie ein Adventslied gesungen - doch einige Kritiker ignorieren das gerne und schimpfen über den Untergang der christlichen Traditionen.

Als Muslima kann ich allen sagen: Wer soll sich wegen der Feste und guten Wünsche schon diskriminiert fühlen?

Die Traditionen unserer Mitmenschen sind mir sehr wichtig

Die wenigsten Muslime fühlen sich beleidigt, sondern informieren sich über diese Festlichkeiten, lassen sich die Geschichte dahinter erzählen und feiern mit den Christen.

Traditionen und Religionen unserer Mitmenschen sind sehr wichtig. Wir leben alle gemeinsam in einem Land. Wenn wir uns - aus welchen Motiven auch immer - nicht mehr darüber austauschen, lässt das Parallelgesellschaften entstehen.

Wir leben mittlerweile nur nebeneinander und nicht mehr miteinander, weil sich keiner die Mühe macht, das Gegenüber und seine religiösen Traditionen zu verstehen - geschweige denn, diese zu respektieren. Das ist schade.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

Auch wenn man selber nicht daran glaubt, so kann man wenigstens die Traditionen, das Beisammensein, das Essen und die familiäre Atmosphäre so belassen, wie sie sind. Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, ist besonders die Weihnachtszeit ein Grund zum Lächeln.

Die Erinnerungen an das gemeinsame Basteln im Kindergarten, das Singen, die friedliche Stimmung, das tägliche Öffnen des Adventskalenders und das Anzünden der Kerzen am Adventskranz - all diese Dinge waren zur Weihnachtszeit Rituale, auf die ich schon als Kind von Jahr zu Jahr wartete.

Ein großes Beisammen von Groß und Klein - Geschlecht, Herkunft, Religion und Alter waren egal: Alle feierten gemeinsam.

Die Diskussion löst bei mir Verwunderung aus

Nicht nur Weihnachten erfüllt mein Herz mit Freude, sondern generell alle Feiern, mit denen ich aufgewachsen bin: Auch St. Martin, Ostern, Thanksgiving, Ramadan, Zuckerfest, Opferfest und Channuka durfte ich kennenlernen, weil ich multikulturell aufgewachsen bin.

Alle Jahre wieder verstehe ich die Aufregung um die religiösen Feiern herum nicht - ganz egal, um welche es sich handelt. Alleine schon das Posten von Glückwünschen von diversen Nachrichtenseiten auf Facebook löst bei vielen besorgten Bürgern eine Welle der Kritik aus.

Bei mir löst es eine Welle der Verwunderung aus - ebenso wie jene Menschen, die sich über das Kreuz im Klassenzimmer aufregen und Menschen bei Feiertagen nicht einmal ein fröhliches Irgendetwas wünschen.

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Woran liegt das? Worin liegt unsere Unfähigkeit, anderen Menschen ihre Feiertage zu gönnen und miteinander zu feiern, oder wenigstens einander erholsame Feiertage im Kreise der Liebsten zu wünschen?

Es gibt doch das Eine, was so gut wie alle Feiertage auf dieser Welt gemeinsam haben: das Beisammensein von Familie und Freunde und die Dankbarkeit für das, was man hat. Dazu muss man nicht einmal religiös oder gläubig sein. Es sind einfach schöne Traditionen.

Und ich würde nicht wollen, dass man diese umbenennt, oder nicht weiß, wie man wem was zu wünschen hat.

Meiner Tochter wünsche ich, dass sie eines Tages zu Ostern Eier sucht

Auch meiner Tochter wünsche ich, dass sie eines Tages im Kindergarten zu Ostern Eier sucht und zu Weihnachten die berühmten Lieder singt. Sie soll zum Zuckerfest Geld und neue Kleidung bekommen und zu den Feierlichkeiten anderer den Anstand und die Nächstenliebe besitzen, anderen alles Schöne zu wünschen.

Auch dann sollen alle Feiertage noch ihre Namen haben und ohne Scheu gefeiert werden. Für mich war es immer eine Horizonterweiterung, mit meinen katholischen Freunden bei weihnachtlicher Musik Vanillekipferl zu backen und diese tollen Menschen an Ramadan zu uns einzuladen.

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Mir würde nie einfallen, Weihnachten "neutraler" umzubenennen, denn das würde ich für Ramadan auch nicht wollen und für mich, als praktizierende Muslima, sind beide besondere Feiern, die Menschen zusammenbringen.

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