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Wie ich als Muslima einer Mitbürgerin in Tracht erklärte, was Heimatliebe bedeutet

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LeoPatrizi via Getty Images
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Vor einigen Monat saß ich am Flughafen von Doha. Ich war schon seit Monaten nicht zu Hause gewesen, bin mit meiner Tochter und meinem Mann wegen seines Berufs umhergereist.

Jetzt endlich ging es mal wieder nach Hause, nach Wien.

Wenn ich schon so lange weg war, realisiere ich erst, wie sehr mir meine Heimat fehlt. Diese Stadt ist anders. Ihr Geruch, die Leute, das Essen und sogar dir Sterne. Ja, in Wien leuchten die Sterne anders als sonst wo.

Doch bevor ich wieder in meine geliebte Stadt zurückkehrte, hatte ich am Flughafen noch eine Begegnung, die mich schmunzeln ließ.

"Sie können aber gut Deutsch"

Als ich mit meiner Tochter auf das Boarding wartete und in voller Sehnsucht von Wien träumte, bemerkte ich, dass meine Tochter versuchte, auf einen der Stühle zu klettern. Sofort kam die wienerische Mutter in mir zu Wort:

"Du kummst do jetzt do her! G´schwind! Sappalot!"

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Eine ältere Dame im Dirndl sagte erstaunt: "Na Sie können aber gut Deutsch."

Belustigt stellte ich fest: "Na Sie aber auch." Stolz meinte sie: "Na ich bin ja auch Österreicherin."

Selbstbewusst kam von mir: "Na so ein Zufall, ich auch."

Entsetzt dreht sie sich weg - ich fand das zuckersüß. Die Österreicherin fand es wahrscheinlich seltsam, dass sich die braungebrannte Frau in den weiten bunten Hosen und Kopftuch ebenso als Österreicherin entpuppte.

Ich mag mein Österreich so, wie es ist

Irgendwo habe ich sogar ihren Standpunkt verstanden. Vielleicht dachte sie, dass ich ihr ihre reine österreichische Kultur wegnehmen oder gar islamisieren möchte. Und das ist völliger Quatsch.

Ich mag mein Österreich so, wie es ist. Trotzdem war mir ihre entsetzte Miene mehr als unangenehm und da vermisste ich Wien gleich um einiges mehr.

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So sehr habe ich Wien vermisst, dass mir sogar die Wiener Grantler abgegangen sind, die sich über alles aufregen können, einfach so. Und gerade weil ich mein Wien und mein Wienerisch so sehr vermisste, fügte ich noch ein wenig Senf hinzu:

"Schaun's, ich bin vielleicht a bisserl fester von der Sonne geküsst woan als andere und das Kopftuch mag für Sie etwas befremdlich sein, aber wir stehen in einem Flughafen. Hier sind wir alle a bisserl Ausländer. Und ich mag auch andere Wurzeln haben, aber wer hot die ned?!"

Genau hier kam ein wunderschönes und vor allem unerwartetes Lächeln von der reizenden Dame, die so stolz ist, Österreicherin zu sein, dass sie sogar im Dirndl reist. Ich habe ihr von meinen heiß geliebten Mannerschnitten angeboten und wir kamen ins Gespräch.

"Ich bin ja keine Rassistin, aber ...

Sie ist gar nicht Wienerin, sondern Steirerin und ihr Sohn, der Karl, arbeitet in Doha. Er hatte sie extra nach Katar eingeladen, damit die Witwe den Sommer über nicht alleine in Österreich verbringen musste. Außerdem wollte er ihr das Land zeigen, in das er seit fast drei Jahren lebt. Irgendwann kamen wir tiefer ins Gespräch, es fielen Wörter wie "Rasse", "Herkunft", "Ausländer" und eben viele weitere dieser Sorte.

Sie sagte dann: "Ich bin ja keine Rassistin, aber ..." Und immer dann, genau dann, wenn ein Satz so anfängt, dann hat man es im Normalfall mit einem Rassisten zu tun. Das dachte ich jedenfalls bis dahin.

Sie sagte: "Ich bin ja keine Rassistin, aber es werden immer mehr und wir verstehen einander nicht. Wir sind nicht dasselbe. Ich finde, man muss sich anpassen, damit keine Probleme enstehen."

Ich bejahte:"Das finde ich auch, da bin ich völlig bei Ihnen." Sie war überrascht: "Achso? Aber Sie tragen doch das orientalische Gewand."

Ich lachte innerlich über den Ausdruck "orientalisches Gewand", denn dieses Gewand ist gerade im Trend und sogar Europäerinenn fahren auf diese Haremshosen ab, antwortete aber mit einer Gegenfrage: "Hat Ihr Sohn Kinder?"

Sie nickte:"Zwei."

Ich:" Und spricht er auf Englisch, oder Arabisch mit ihnen, in Katar?"

Stolz sagte sie: "Na auf Deutsch, wir sind Österreicher."

"Du bist für mich auch eine Österreicherin"

Ich: "Und genau deswegen, spreche ich mit meiner Tochter auf Deutsch, aber auch auf Arabisch und Englisch. Wir reisen, wir mögen auch wo anders seßhaft werden als Daheim, aber das Bisschen Identität von Sprache und Kultur, das wir behalten, das tut keinem weh.

Eine Sprache mehr ist ein Gewinn und jede Kultur mehr ist Wissen. Das Eine schließt das andere nicht aus. Man kann auf sein Heimatland nicht stolz sein, weil man nichts getan hat, um Österreicher, oder Deutscher zu sein.

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Diese Leistung hat man nicht selber erbracht. Genetik passiert. Es ist also mehr eine Glückssache - wie beim Lotto. Wissen Sie wann man darauf stolz sein kann? Wenn man es ehrt. Einfach nur als blond und blauäugig geboren zu werden, das alleine reicht nicht.

Man muss seinen Beitrag schon in der Gesellschaft leisten. Und da ist es ganz egal wie man ausschaut, oder wo man ursprünglich herkommt. Denn herkommen tut man von dort, wo man geboren wurde und das wäre bei mir zum Beispiel Wien."

Sie nickte und hielt meine Hand: "Du bist eine liebe Negerin."

Und wieder lachte ich innerlich, sicherlich weiß sie gar nicht, dass sie damit politisch inkorrekt war.

Wir haben uns lange unterhalten und es war mir ein Vergnügen mit ihr zu reden. Im Flugzeug saß sie weit weg von mir, aber nach dem Flug, als wir auf die Koffer warteten, trafen wir uns wieder.

Sie legte ihre Hand auf meine Schulter und sagte: "Du bist für mich auch eine Österreicherin, eine von den guten sogar."

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