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Verschleierte Hetze: Das österreichische Burka-Verbot zeigt, dass es nie darum ging, Frauen zu befreien

11/10/2017 10:17 CEST | Aktualisiert 11/10/2017 13:00 CEST
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Mit nur einem Tweet gelingt es der österreichischen Journalistin und Moderatorin Lou Lorenz die Lage zwischen Deutschland und Österreich auf den Punkt zu bringen.

Am 1. Oktober 2017 schrieb sie: "In Österreich tritt heute das Vermummungsverbot in Kraft. In Deutschland die Ehe für alle."

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Der Kontrast, der auf nur einen Blick den Unterschied zwischen den zwei deutschsprachigen Ländern zeigt, ist aber noch viel stärker.

Hauptsache, Burkas verbieten!

In Österreich nennt man das Kind ungern beim Namen. Deswegen gilt seit Tagen nicht etwa das jahrelang besprochene "Burkaverbot", sondern das "Vermummungsverbot". Man soll in der Öffentlichkeit sein Gesicht so zeigen, dass man erkennbar ist. Legitim und fair.

Aber in den Diskussionen dreht es sich immer um muslimischen Frauen, die einen Niqab tragen. Fälschlicherweise wird der Niqab immer mit der Burka verwechselt. Die Hauptsache ist, man will ihn verbieten.

Was ist der Unterschied? Beim Niqab sind nur die Augen sichtbar, bei der Burka nicht einmal diese, denn die Frau sieht darunter nur durch ein Gitter in die Außenwelt hinaus. Absurd? Für manche sicher.

In den letzten Jahren habe ich mit vielen unterschiedlichen Frauen Interviews geführt. Drei von ihnen waren Niqabis.

Eine österreichische Kroatin, die vor einigen Jahren zum Islam konvertiert ist, trug lange Zeit lediglich ein Kopftuch. Durch einen Unfall wurde ihr Gesicht jedoch total entstellt. Sie traute sich wochenlang nicht mehr aus der Wohnung, weil die Menschen auf den Straßen das taten, was sie am besten können: Sie starren.

Erst diese Erfahrung bewegte sie dazu, einen Niqab zu tragen. Die Leute starren immer noch, aber weitaus weniger. Jetzt ist das Vermummungsverbot in Kraft getreten und sie überlegt, nach Kroatien zu ziehen.

Ich lass mir von Männern in Anzügen nicht sagen, wie ich mich zu kleiden habe

Eine andere Bekannte von mir hat nicht lange gezögert: Sie ist sofort nach Serbien gezogen. Ihre letzten Worten waren: "Ich lasse mir doch von Männern in Anzügen nicht vorschreiben, wie ich mich zu kleiden habe! Ich bin weg."

Kleidung hin oder her - als Journalistin interessiert mich eine ganz andere Frage: Welches gesellschaftliche Problem ist durch das Gesetz gelöst?

In Österreich gibt es schätzungsweise 150 Niqabis. Angenommen diese werden jetzt alle den ihren Schleier ablegen, was dann? Was wird sich ändern? Sie werden wohl kaum alle erblonden. Aus Fatima wird nicht einfach Stefanie.

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Die ganze Aktion ist reiner Populismus auf dem Rücken muslimischer Frauen. Doch was denken sich die politischen Akteure dabei? Etwa, "mit denen können wir es machen, die sind Unterdrückung und Bevormundung von Haus aus gewöhnt?"

Doch nicht nur muslimische Frauen leiden unter der Absurdität des Gesetzes. Laut dem Journalisten Florian Klenk sind sogar Clowns angezeigt worden.

Außerdem mussten Musiker ihre Masken während eines öffentlichen Auftritts abnehmen. Ein Augenzeuge berichtete in einem Post von U-Bahn-Fahrgästen, die fremde Frauen dazu zwangen, ihre Verschleierung abzunehmen.

Frauen werden verbal angefeindet und körperlich attackiert

In der Zeitung las ich einen Bericht über ein Werbemaskottchen, dass von der Polizei dazu gezwungen wurde, den Kopf seines Kostüms abzunehmen. Der junge Mann war als Hai verkleidet und machte Werbung für das Unternehmen McShark.

Doch was ist mit den verschleierten und ach so unterdrückten Frauen? In Österreich werden sie jetzt auf den Straßen verbal angefeindet und sogar körperlich attackiert - meistens in der Anwesenheit ihrer Kinder.

Wo ist die Logik, wenn durch das Gesetz Frauen auf der Straße in die Enge getrieben werden, um ihnen ins Gesicht zu boxen, oder, ihnen buchstäblich die Kleidung vom Leib zu reißen?

Doch wie reagieren Musliminnen eigentlich auf den Versuch den Islam Stück für Stück aus der Öffentlichkeit zu beseitigen?

Die Künstlerin Asma Aiad hat ein Fotoprojekt mit dem Namen "Ceci n´est pas une Burqa" in die Welt gesetzt, um zu veranschaulichen, wie ziellos das Gesetz eigentlich ist.

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Das Projekt erlangte durch seinen Humor viel mediale Aufmerksamkeit und verbreitete sich schnell im Internet. Auch der Berliner Youtube-Kanal "Die Datteltäter" griff das Thema auf. Die Kernthese: "Solange du einen Besen in der Hand hast, stört sich keiner an deinem Kopftuch."

In einer Zeit, in der saudi-arabische Frauen endlich Autofahren dürfen ihnen für uns selbstverständliche Freiheiten bietet, verbieten wir Menschen, sich so zu kleiden, wie sie es möchten.

Im Deckmantel der Freiheit müssen sich muslimische Frauen anhören, dass alles was sie tragen, eine Zwangsjacke ist.

"Wir haben damals unsere BHs verbrannt", teilte mir vor kurzem eine Frau mit. "Aber Sie tragen doch im Moment einen", war meine Antwort. Natürlich verbrennen wir symbolisch so einiges, aber nur, um diesen Symbole wieder neu definieren zu können.

Aus dem Auge heißt nicht aus dem Sinn

Nur, weil der Niqab nun aus den Augen ist, ist er noch lange nicht aus dem Sinn. Denn wenn man Unterdrückung bekämpfen möchte, dann sollte man dort anfangen, wo die Idee dieser sitzt: In den Köpfen der Menschen.

Niemand entscheidet darüber, was ein Mensch trägt, wie frei oder unterdrückt er ist.

Angela Merkel wird immer mit Männern verglichen, weil sie auf Make-Up verzichtet und in den Augen der Medien "einen männlichen Auftritt" hinlegt. Melania Trump wird als "Puppe" bezeichnet, weil sie Model war und für die Medien "schön weiblich" ist.

Marylin Monroe war eine eine intelligente Frau und begnadete Schauspielerin, die so lange als Sexsymbol missbraucht wurde, bis sie starb. Nicht viel anders erging es auch Romy Schneider.

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Frauen werden in der Öffentlichkeit immer auf ihr Aussehen reduziert, in Schubläden gesteckt und mundtot gemacht. In einem Gespräch verriet mir eine Dame: "Ich möchte wissen, wie die Frauen darunter aussehen, man muss doch das Gesicht erkennen können."

Meine Frage darauf konnte sie nicht beantworten: "Wieso? Würden Sie mit den Frauen sprechen, wenn Sie deren Gesicht sehen würden?" Wahrscheinlich nicht.

Wie viele Niqab-Trägerinnen steckten hinter Terroranschlägen? Wie viele sind in den letzten Jahren kriminell auffällig geworden?

Und wenn es uns wirklich um die Freiheit der Frauen geht:

Wieso zahlen wir ihnen dann nicht faire Gehälter?

Wieso gibt es keine Barrierefreiheit für alleinerziehende Mütter?

Wieso gibt es in Österreich nicht die Ehe für Alle?

Wieso gibt es kein Anti-Diskriminierungsgesetz?

Wieso gibt es kein Gesetz gegen Hetze?

Ja, Vermummung jeglicher Art ist nun in Österreich mit 150 Euro strafbar, aber die Köpfe sind leider noch dieselben geblieben.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

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