BLOG

Eine offene Plattform fĂĽr kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Meltem Yurt Headshot

An die Fremde im Zug, mit der ich in einer Stunde mehr teilte als mit meinen engsten Freunden

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ZUG
dpa
Drucken

Liebe Fremde,

vergangene Woche stieg ich nach einem langen Arbeitstag in den Zug. Ganz in Gedanken vertieft blickte ich aus dem milchigen Fenster, lieĂź den Tag sacken, als Sie sich neben mich setzten.

Sie sprachen mich an. Und ich warf Ihnen einen abweisenden Blick zu. Ich war wirklich nicht in der Stimmung fĂĽr Smalltalk.

"Kommen Sie aus Stuttgart?", fragten Sie mich und deuteten auf meine Tasche, die tatsächlich von einem kleinen Stuttgarter Label stammt. Ihr Blick ruhte erwartungsvoll auf mir.

Ich hatte eigentlich keinen Nerv für Smalltalk, aber Ihr Lächeln löste etwas in mir aus.

Er ließ mich realisieren: Außer Ihnen lächelte niemand in dem ganzen Waggon. Die Gesichter der Menschen sprachen ihre eigene Sprache. Alle waren fertig von der Arbeit, der Uni, der Schule. Alle wollten nur nach Hause.

Ich dachte: Wieder eines dieser kurzen Gespräche, die man aus Höflichkeit führen muss

Die Stimmung fĂĽhlte sich wie ein grauer Schleier an, der sich ĂĽber den ganzen Waggon gelegt hatte.

Nicht einmal die Kassiererin bei dm hatte zurückgelächelt, als ich ihr ein paar Minuten zuvor am Bahnhof meine Payback-Karte gereicht hatte.

➨ Mehr zum Thema: Ich habe eine Woche lang jeden Tag einen Fremden angesprochen - das ist mir passiert

Sie begannen also, über meine Tasche zu reden und ich dachte: Na toll, wieder eines dieser kurzen Gespräche, die man aus Höflichkeit führen muss. Aber dann geschah etwas, das ich nicht erwartet hatte.

Die Smalltalk-Barriere war innerhalb kürzester Zeit wie weggeblasen. Wir unterhielten uns über unsere Familien, das Reisen und die Freiheiten meiner Generation. Zum ersten Mal seit Langem saß jemand neben mir, der wirklich zuhörte.

Zuhören, nicht um zu antworten

Nicht, um zu antworten. Nicht, um eine besondere Information herauszupicken, die Sie auf sich beziehen konnten, wie "Oh, du hast also gerade eine Trennung hinter dir? Also bei mir war es damals wirklich schwer, ich habe nächtelang geweint."

Sie waren jemand, der zuhört, um zu verstehen. Jemand, der nachhakt, mitfühlt. Und das nicht, weil er auf irgendetwas hinaus ist.

Irgendwann fiel das Thema auf einen guten alten Freund von mir, der vor ein paar Wochen in einem Motorradunfall verunglĂĽckt ist.

Von Ihnen kam kein: "Wow schlimm. Ich hatte da auch mal einen Freund, der in einen Unfall verwickelt war. Ganz traurig war das für mich." Ihr Lächeln war verschwunden und Sie sagten einfach: "Das muss richtig weh getan haben, oder? Wie war das, als Sie es erfahren haben?"

➨ Mehr zum Thema: Schluss mit der Oberflächlichkeit!

Ich muss Sie komplett entgeistert angesehen haben. So offen und unverstellt hatte mich das noch nie jemand gefragt. Nicht einmal meine engsten Freunde. Ich muss zugeben, Sie haben mich in dem Moment zu Tränen gerührt.

Dabei kannte ich nicht einmal Ihren Namen

Auch Sie teilten etwas von sich mit mir. Sie erzählten mir, wie Sie die Liebe ihres Lebens verloren und wie gerne Sie Oma geworden wären. Es fühlte sich an als würden wir uns seit Jahren kennen. Dabei kannte ich nicht einmal Ihren Namen. Es heißt ja oft: Ein Fremder kann dir manchmal näher als dein engster Vertrauter sein. An diesem Tag im Zug erlebte ich es am eigenen Leibe.

Wir fuhren etwa eine Stunde und redeten ohne Pause. Die Stationen, die ich sonst immer Stop für Stop mitzählte, rauschten jetzt unbemerkt an mir vorbei.
Dann irgendwann kamen wir in Ebersberg an. Ihre Station. Sie erhoben sich und richteten Ihren Mantel. Ich wollte wirklich nicht, dass Sie gehen.

Gerade hatte ich Ihnen doch so ziemlich mein ganzes Leben anvertraut. Sie bedankten sich für das bereicherndeGespräch und mit einem letzten Lächeln schwanden sie durch die automatische Tür.

Da saĂź ich. Wieder allein mit all den mĂĽden und kaputten Gesichtern. Und Wehmut ĂĽberkam mich.

Liebe fremde Frau im Zug: Ich weiß weder Ihren Namen, noch wo Sie im Moment sind. Aber ich möchte mich bei Ihnen bedanken - dafür, dass Sie mir gezeigt haben: Es gibt noch Menschen, die wirklich zuhören. Nicht, um zu antworten, sondern um zu verstehen.

Ich war Ihnen in dieser Stunde im Zug näher als ich es den meisten meiner Freunde jemals gewesen bin.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform fĂĽr alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

googletag.pubads().setTargeting('[cnd=cld]').display('/7646/mobile_smart_us', [300, 251],'wxwidget-ad');

(lk)