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Melissa Bowers Headshot

An die Frau in der Kaufhaus-Toilette: Ja, ich habe Kinder - wir stehen nun mal manchmal im Weg

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Wir Eltern von kleinen Kindern haben oft das unangenehme Gefühl, anderen im Weg zu stehen. Natürlich fällt es uns auf, dass die anderen Gäste innerlich zusammenzucken, wenn wir ein Restaurant betreten. Und wir bemerken auch die extrem enttäuschten Blicke, die uns treffen, sobald wir in ein Flugzeug einsteigen.

Selbst wenn wir nur einmal kurz um den Block gehen, müssen wir uns mindestens 13 Mal entschuldigen, weil unsere Kinder immer noch nicht gelernt haben, dass sie aufpassen müssen, wo sie hingehen (obwohl wir sie bereits acht Millionen Mal daran erinnert haben).

Sorry. Es tut mir leid. Entschuldigt euch, Kinder. Schaut beim Gehen bitte nach VORNE. Es tut mir so leid.

Wir arbeiten noch daran. Und die meisten Menschen sind ja auch ziemlich nett. Selbst wenn sie uns kein aufrichtiges Verständnis entgegenbringen, sind sie immerhin tolerant. Die Leute, die beim Anblick von Kindern zusammenzucken, tun das mit Sicherheit nicht mit Absicht. Es ist wahrscheinlich eine ganz automatische Reaktion. Unterbewusst.

Vielleicht liegt es an mir

Ich habe mich ja mittlerweile schon an das Gefühl gewöhnt, immer irgendjemandem im Weg zu stehen. Es macht jedoch einen gewaltigen Unterschied, ob man nur das GEFÜHL hat, jemandem im Weg zu stehen, oder ob man es direkt ins Gesicht gesagt bekommt. Denn genau das ist mir in der vergangenen Woche zweimal passiert. ZWEIMAL. Innerhalb von einer Woche.

Vielleicht liegt es an mir und ich bin einfach nur richtig schlecht darin, mit meinen Kindern irgendwo hinzugehen. Ich weiß es nicht.

DAS ERSTE MAL

kinder

Wir gehen zum Händewaschen auf die Kundentoilette im Kaufhaus, weil wir uns schon auf all die leckeren Probierhäppchen freuen. Ich stelle den Einkaufswagen ab und mache mich daran, beide Kinder nacheinander aus dem Wagen zu heben. Es ist nicht viel los - abgesehen von einer Frau, die gerade eines der vier Waschbecken benutzt, ist das WC sogar komplett leer.

Als ich mein Kind wieder im Wagen verstaue, betritt jemand die Toilette und bleibt hinter uns stehen. "Oh, wir stehen nicht an", sage ich lächelnd. Die Frau lächelt zurück und geht an uns vorbei in die Kabine.

Plötzlich schnauzt die Frau am Waschbecken mich an: "Es gibt aber auch noch andere Leute, die nicht an Ihnen vorbeikommen."

Ich weiß nicht, warum sie das sagt, denn kurz danach stolziert sie an uns vorbei, schnappt sich Papierhandtücher und stürmt aus dem Waschraum. Und da ich immer noch vollkommen perplex dastehe, wundere ich mich einfach im Stillen und versuche diese Situation in meinem Kopf festzuhalten, um mir klarzumachen, wie absurd ihre Unfreundlichkeit eigentlich ist (und um mir selbst zu beweisen, dass ich mittlerweile nicht komplett den Verstand verloren habe).

"Mami, ist die Frau schlecht drauf?", fragt meine Kleine

Als die Frau geht, schaut meine Vierjährige ihr hinterher und fragt mich (viel zu laut - an ihrem Feingefühl müssen wir nämlich auch noch arbeiten): "Mami, ist die Frau schlecht drauf? Warum ist sie so griesgrämig? "

"Wahrscheinlich hat sie einfach einen schlechten Tag, Schatz", antworte ich ihr.

Und somit schiebe ich es einfach darauf.

DAS ZWEITE MAL

Doch diesen Vormittag geht es gleich weiter: Eine andere Person, eine andere Umgebung, und doch fast die gleiche Situation. Wir sind gerade in der Gartenabteilung. Die Kinder wollten unbedingt den Einkaufswagen nehmen, der wie ein Auto aussieht und ein Lenkrad hat, weil der ja so ganz besonders toll ist.

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(Ich gebe zu, dass ich hin und wieder eine kleine Notlüge gebrauche und behaupte, es gäbe keinen Auto-Einkaufswagen mehr - die Liebe zu diesem Fahrzeug ist nämlich echt unangenehm. Doch heute steht der Wagen mitten auf dem Parkplatz und als der Blick meiner Kinder wie einschlagende Raketen zielgenau auf das sperrige Prachtstück fällt, weiß ich, dass ich sowieso keine Chance mehr habe.)

Ja, es stimmt, der Einkaufswagen ist wirklich riesig und nervig. Doch wir stehen nun schon seit ein paar Minuten vor dem Regal und weit und breit ist niemand zu sehen - nicht einmal mein Mann, der sich ein wenig in der Holzabteilung umschauen will, was ich nicht verstehe, da wir in nächster Zeit eigentlich nichts bauen wollten.

Ich unterhalte mich also mit den Kindern darüber, welche Samen wir in unserem ersten eigenen Gemüsegarten einpflanzen wollen.

Plötzlich fällt mir auf, dass links neben mir eine Frau steht. Sie steht einfach nur da und starrt uns an, ohne dabei auch nur ein einziges Wort zu sagen. Dabei hätte ein einfaches "darf ich mal vorbei" voll und ganz ausgereicht.

Stattdessen sage ich: "Oh, sorry! Entschuldigen Sie bitte!", und schiebe den Wagen beiseite.

Meine Wangen beginnen sofort zu glühen

Ich bekomme keine Antwort von ihr, doch als ihr Mann eine Sekunde später dazukommt, sagt sie zu ihm (und zwar viel zu laut - sie sollte auch lieber mal an ihrem Feingefühl arbeiten): "Ist es denn zu fassen, dass es Idioten, gibt die so ein großes Teil hier mitten im Weg herumstehen lassen?"

Meine Wangen beginnen sofort zu glühen. Ich stehe wie angewurzelt da und ich weiß, dass ich total rot geworden bin und verlegen und fleckig aussehe. Und mir ist auch klar, dass ich mich am besten einfach umdrehen und weglaufen sollte, bevor meine Haut noch irgendetwas in Brand steckt, doch irgendwie kann ich es dieses Mal nicht lassen.

"Ich weiß nicht genau, was Sie von mir erwarten", sage ich zu der Frau. "Ich habe meine Kinder dabei. Ich kann den Wagen nicht einfach irgendwo abstellen und mir schnell alles holen, was ich brauche."

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"Ich habe ja auch gar nicht gesagt, dass Sie sie allein lassen sollen", sagt sie und spricht mich dabei zum ersten Mal direkt an. Sie deutet auf meine Kinder, die sie mit großen Augen anschauen. "Aber Sie stehen mir nun einmal im Weg."

Ich schiebe den Wagen in die andere Richtung weg - wir lassen das mit den Samen für unseren Garten vorerst einmal. Doch wenigstens schaut die Frau auch ein bisschen aufgeregt aus. Ich versuche, auch diese Begegnung damit abzuhaken, dass ich die Frau einfach auf dem falschen Fuß erwischt habe.

Warum pfeifen offensichtlich immer mehr Leute jeden Tag auf diese Höflichkeit?

Und dennoch frage ich mich: Na und? Hat man einen Freifahrtschein, sich wie ein Idiot zu verhalten, bloß weil man einen "schlechten Tag" hat? Darf man deshalb einfach auf Anstand, Geduld und Freundlichkeit verzichten? Und viel schlimmer noch: Warum pfeifen offensichtlich immer mehr Leute jeden Tag auf diese Tugenden?

Ich weiß, dass ich an meinem Umgang mit Fremden selbst noch einiges verbessern könnte (obwohl ich der Meinung bin, dass ich mich zumindest nicht offenkundig und mit Absicht unhöflich verhalte): Manchmal bin ich komplett in meinen eigenen Gedanken versunken, anstatt mich mit dem Kassierer im Supermarkt zu unterhalten. Ich rege mich schnell mal auf, wenn andere Autofahrer beim Abbiegen nicht blinken. Und oft bin ich zu introvertiert, um als Erste einen Fremden anzulächeln.

Ich bin nicht perfekt, doch ich wäre es gerne. Und ich will zumindest versuchen, an mir zu arbeiten.

Dieser Vorfall ist natürlich kein unfassbarer, schwerwiegender Fall von Ungerechtigkeit - aber lasst uns doch trotzdem mal anerkennen, wie wichtig es ist, mit den kleinen Dingen anzufangen. Denn manchmal hat man das Gefühl, dass man sowieso nicht mehr tun kann. Es gibt auf dieser Welt und in diesem Leben Millionen Dinge, die wir nicht beeinflussen können.

Und gerade deshalb sollten wir besonders viel Wert auf die kleinen Dinge legen, die wir sehr wohl in der Hand haben. Dabei sollten wir besonders viel Wert auf unseren Umgang mit anderen Menschen legen. Kleine Aufmerksamkeiten. Höflichkeit und Anstand.

"Es tut mir so leid, dass die Frau böse auf uns war"

Ich wünschte, diese beiden fremden Frauen hätten ein bisschen mehr Nachsicht gezeigt und sich daran erinnert, dass ihre Mitmenschen - vor allem diejenigen, die sich um kleinere und hilfsbedürftigere Menschen kümmern müssen - zwangsläufig auch ein bisschen Platz brauchen.

Stattdessen haben sie mir zwei absolut wunderbare und lehrreiche Momente beschert, da meine Kinder alles mitbekommen haben. Das tun sie nämlich immer.

"Es tut mir so leid, dass die Frau böse auf uns war", flüsterte meine Tochter auf der Fahrt nach Hause.

Und natürlich habe ich mit meinen Kindern über euch zwei Frauen gesprochen. Ich habe ihnen erklärt, dass ihr viel freundlicher zu uns hättet sein sollen, ganz egal ob ihr gerade einen schlechten, einen wundervollen oder einen durchwachsenen Tag habt.

In den Köpfen meiner Kinder seid ihr beide nun als das beste Beispiel dafür abgespeichert, wie man andere NICHT behandeln sollte. Ich hoffe, das ist für euch in Ordnung.

Eigentlich hoffe ich das überhaupt nicht. Denn auf dieser Welt braucht es unbedingt mehr Menschen, für die so ein Verhalten überhaupt nicht in Ordnung ist.

Da die extrovertierte Melissa den Kontakt zu anderen Erwachsenen extrem vermisst, freut sie sich, über ihre Facebook-Seite neue Leute kennenzulernen. Die introvertierte Melissa findet es gut, dass sie das auch vom Computer aus tun kann, wo sie mit ihrem obligatorischen Mama-Dutt sitzt und die dritte Tasse Kaffee mit extra viel Schaum trinkt.

Eine Version dieses Posts erschien ursprünglich bei MichiforniaGirl.com, dann bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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(lk)