BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Melih Kesmen Headshot

Muslime und Nicht-Muslime haben Angst voreinander - was wir dagegen tun können

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MELIH KESMEN
Robert Hörnig
Drucken

Es ist wieder soweit. Viele Menschen in meinem Freundeskreis haben Angst.

Sie sorgen sich um die Zukunft ihrer Kinder, sorgen sich wegen der Polarisierung der Gesellschaft. Man kann es aber auch deutlicher sagen: Sie haben Angst davor, verachtet und gehasst zu werden.

Denn viele meiner Freunde sind Muslime. Wie ich auch.

"Hat der da ne Bombe drin?"


Mich erinnert das aktuelle Klima in Deutschland gerade an die Zeit nach 9/11. Wenn ich da als dunkler Typ mit Sporttasche in einen Bus gestiegen bin, sah ich schon die skeptischen Blicke: "Hat der da ne Bombe drin?"

Ich war Rassismus aus den 80ern schon gewöhnt, das Übliche, Scheiß-Türke, Knoblauch-Fresser. Aber nach 9/11 war das anders. Weil man gerade als unauffällig lebender Muslim besonders beäugt wurde. Man könnte ja ein potenzieller Schläfer sein. Es war zum Kotzen.

Jetzt hat Islamophobie ein Bundestagsmandat und viele glauben, offiziell pöbeln zu dürfen. Wegen der Anschläge wird man in den Medien geradezu bestrahlt mit Terror- und Islamismus-Themen. Und ganz normale Muslime sollen sich plötzlich für kranke Typen rechtfertigen, die den Islam hijacken.

Viele Muslime und ich auch haben die Schnauze voll davon. Heute genauso wie damals.

Heute weiß ich, was man mit Humor und Liebe erreichen kann

Mit einem Unterschied: Damals habe ich mich ein paar Jahre lang nur ohnmächtig gefühlt gegen den Hass. Heute weiß ich, was man mit Diskussion, mit Humor, mit Liebe erreichen kann.

Es war im Jahr 2005, als die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung "Jyllands Posten" erschienen. Damals dachte ich, es könne doch nicht wahr sein, dass die einen bescheuerte Karikaturen drucken und die anderen deswegen Botschaften anzünden. Ich wollte dem Hass beider Seiten antworten.

Wenn ich schon meine Religion öffentlich mache, dann cool

Für mich ist Religion eigentlich Privatsache. Aber wenn ich schon genötigt wurde, meine Religion öffentlich zu thematisieren, dann wollte ich das auf eine coole Art machen.

Ich habe mir ein T-Shirt mit "I love my prophet" bedruckt. Muslimische Kids wollten mir in der U-Bahn das Shirt abkaufen. Und Nicht-Muslime wollten mit mir über den Spruch reden. Auf einmal haben wir miteinander gesprochen, nicht übereinander. Es haben sich Türen im Kopf geöffnet, für beiden Seiten.

2008 habe ich dann Styleislam gegründet, eine Firma für moderne, coole Accessoires, die den Islam thematisieren - aber nicht nur für Muslime gedacht sind.

Wir haben T-Shirts verkauft, zum Beispiel mit "Jesus and Mohammed - brothers in faith". Für eine Kult-Tasche haben wir Gebetsteppiche von Muslimen eingesammelt. Zusammen mit Autogurt und anderen Materialien haben wir daraus dann eine Tasche mit abnehmbarem Deckel gemacht. Wer wollte, konnte ihn als Po-Wärmer fürs Picknick nehmen - oder als mobilen Gebetsteppich.

Islam und Liebe - das hat Muslime und Nicht-Muslime begeistert

Der Hype war extrem. Ich hatte Franchise-Unternehmen in anderen europäischen Ländern, in der Türkei, in Südafrika und Saudi-Arabien.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

Islam und Liebe in einen Zusammenhang zu bringen, das hat Muslime wie Nicht-Muslime offenbar erleichtert. Die Muslime, weil sie auch nonverbal zeigen können, was ihre Religion für sie bedeutet. Und die Nicht-Muslime, weil sie ihre Angst verloren haben.

Muslime hatten die Chance, zu zeigen, dass sie ganz normale junge Leute aus Deutschland sind. Leute, die selbstbewusst zu ihrer Religion stehen, aber deswegen nicht rückwärtsgewandt sind.

Nur weil Prophet Mohammed auf der arabischen Halbinsel gelebt hat, heißt das doch nicht, dass sich alle wie die Bilderbuch-Beduinen geben oder arabische Kultur leben müssen. Wäre Mohammed am Nordpol gewesen, müssten ja auch nicht alle in Eskimo-Kleidung herumlaufen. Es ist einfach bekloppt, Muslime immer über einen Kamm zu scheren. Der Islam ist bunt.

Wir sind nicht so verschieden, wie viele glauben

Heute gibt es Styleislam nicht mehr. Der Hype war so groß, das Unternehmen ist so explosionsartig gewachsen - das hat mich überfordert, ich hatte das unternehmerisch nicht mehr im Griff und deswegen hab ich das Projekt langsam aber stetig runtergefahren. Ich war damals eher ein Künstler als ein Unternehmer.

Aber ich habe in dieser Zeit gelernt, wie groß die Sehnsucht der Muslime ist, zeitgemäß, selbstbewusst und in Frieden leben zu können. Es ist dieselbe Sehnsucht, die doch fast alle jungen Menschen treibt. Wir sind nicht so verschieden, wie viele glauben.

Wie viel man erreichen kann, wenn man es nur mit Humor und Zuneigung versucht.

Das klingt so träumerisch: Aber es geht doch letztlich immer darum, zu lieben und geliebt zu werden.

Heute habe ich eine Firma, in der die Menschen Accessoires kaufen können, auf die sie ihre Liebesbekenntnisse gravieren lassen können.

Meine Kunden sind Nicht-Muslime und Muslime. Ich habe da noch nie einen Unterschied gemacht. Muss ich auch nicht. Liebe hat keine Konfession.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg