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Teil 2: Studie zum Erschöpfungssyndrom: Wenn die Wissenschaft versagt

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Walker and Walker via Getty Images
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Zusammenfassung der Studie PACE trial

Unter der Überschrift "Studie zum Erschöpfungssyndrom: Wenn die Wissenschaft versagt" berichtete ich am 31.10.2015 von dem Skandal rund um die Studie PACE trial.

Laut dem Studienergebnis helfen die Behandlungen Gesprächstherapie (CBT/cognitive behaviour therapy) sowie ansteigende körperliche Bewegung (GET/graded exercise therapy) bei der Erkrankung ME (Myalgische Enzephalomyelitis, wird oft auch als Chronisches Erschöpfungssyndrom bezeichnet).

Der Gesundheitsexperte und Journalist (u.a. The New York Times) David Tuller hatte in mehreren Artikeln dargelegt, wie genau bei dieser Studie getrickst wurde. Als während der Studie ersichtlich wurde, dass die Behandlungen bei ME nicht, wie gewollt und zu Anfang der Studie schon verkündet, helfen bzw. zu einer Heilung führen, veränderten die Psychiater das zu erreichende Endziel der Studie. Das Ziel, das am Ende der Studie erreicht werden sollte, war nun niedriger angesetzt als der Anfangswert. Somit war es möglich eine Verschlechterung des Zustandes als Behandlungserfolg zu werten.

Die Studie, ein Gemeinschaftsprojekt zwischen Wissenschaftlern der Queen Mary Universität London, der Oxford Universität sowie dem King´s College in London, wurde im März 2011 in der bekannten Medizinzeitschrift The Lancet veröffentlicht. Sie ist bis jetzt die größte Studie zum Thema Behandlungen bei ME (17 Millionen Erkrankte weltweit, 300.000 Betroffene in Deutschland).

Die Petition zur Forderung, dass die Studie PACE trial zurückgezogen wird, kann man weiterhin hier unterstützen.

Wissenschaftler bestätigen angebliche Studienerfolge

Kurze Zeit nach David Tullers Enthüllungen veröffentlichten die Psychiater eine Follow-up-Studie zu PACE trial in der es heißt, dass die damaligen Studienteilnehmer auch zwei Jahre nach der angeblich effektiven Behandlungen der Studie ihren Zustand beibehalten haben. Dies ergab ein Fragebogen, der an fast alle damaligen Studienteilnehmer verschickt worden war.

Einige Zeitungen, überwiegend in UK, schrieben lobende Artikel zu der Follow-up-Studie und berichteten, dass positives Denken und Bewegung die Erkrankung heilen. Doch diese Berichterstattung rief auch weitere Leute auf den Plan, die sich der Thematik annahmen, sich PACE trial näher ansahen und ebenfalls zu dem Ergebnis kamen, dass es bei dieser Studie nicht mit rechten Dingen zuging.

Die Londoner Queen Mary Universität wurde vom Information Commissioner's Office (Datenschutzbeauftragter des Vereinigten Königreichs) aufgefordert, die anonymisierten Studiendaten von PACE trial an einen Beschwerdeführer, der nicht namentlich genannt wurde, freizugeben. Die Universität stellt sich quer und begründet ihre Weigerung der Herausgabe u.a. damit, dass es hierbei nicht nur um eine Debatte bezüglich von Forschung gehe, sondern auch um die Integrität der Wissenschaftler dieser Studie. Zudem bekundeten die Forscher Bedenken, dass die Daten der Studienteilnehmer zugänglich gemacht werden und die Erkrankten dadurch entlarvt werden könnten.

Professor Coyne findet ebenfalls Ungereimtheiten bei PACE trial

Professor James Coyne (Professor der Psychologie, einer der meist zitierten Psychologen weltweit) schaltete sich ebenfalls öffentlich ein und forderte die Wissenschaftler sowie die Queen Mary Universität auf, die Studiendaten herauszugeben. Er hatte sich schon nach Veröffentlichung der Follow-up-Studie in die Debatte eingeschaltet und bezeichnete die Daten als nicht interpretierbar. Zudem meinte er, es wirke, als hätte man Voodoo-Statistiken in Zusammenhang mit unvollständigen Follow-up-Daten genutzt.

Nachdem Prof. James Coyne unter Berufung der Datenfreigaberichtlinien, die für die Veröffentlichung der Studie PACE trial in dem Onlinemagazin PLOS ONE (internationale Online-Fachzeitschrift der Public Library of Science) gelten, die Studiendaten angefragt hatte, erhielt er als Antwort eine Ablehnung.

Begründet wurde diese u.a. mit dem Hinweis, die Universität sei der Auffassung, dass hinter der Anfrage keine seriöse Absicht stecke und polemisch sei. Dahinter steckten unsachgemäße Motive, so werde vermutet.

Daraufhin veröffentlichte PLOS ONE ein Statement, dass Prof. Coynes Datenanfrage geprüft werde. Denn die Richtlinien für eine Veröffentlichung bei PLOS ONE besagen, dass Autoren ihr Einverständnis geben müssen, alle Daten und Informationen, die mit der veröffentlichten Studie in Zusammenhang stehen, auf Anfrage frei verfügbar zu machen.

Studiendaten werden weiterhin unter Verschluss gehalten, Fragen bleiben unbeantwortet

Im November 2015 wurde ein offener Brief an Richard Horton (Herausgeber von The Lancet) veröffentlicht, unterschrieben von sechs führenden Forschern. Prof. Ron Davis (Professor für Genetik) ist einer der Forscher, der diesen Brief unterschrieb. Sie forderten darin eine unabhängige Reanalyse der Studiendaten.

Da der Herausgeber von The Lancet, Richard Horton, auf den offenen Brief nicht reagierte, schrieb Prof. Ron Davis am 17.Dezember 2015, zusammen mit drei weiteren Wissenschaftlern, einen weiteren offenen Brief an die Queen Mary Universität. Wiederholt fragte er nach den Daten bezüglich der Studie, unter Berufung auf den Freedom of Information Act (Gesetz zur Informationsfreiheit).

Auch David Tuller blieb an der Sache dran und schrieb einen weiteren Bericht, in dem er seine weiterhin unbeantworteten 68 Fragen veröffentlichte, die er seit über einem Jahr an die PACE trial Autoren hat.

Schon im Dezember 2014 hatte er Peter White, Michael Sharpe (Hauptautoren der Studie) und Trudie Chalder angeschrieben und bat um ein Treffen. Dr. White meinte in seiner Antwort, dass sich ein Gespräch nicht lohnen würde.

Warum stellt sich die renommierte Fachzeitschrift quer?

Auch Prof. Andrew Gelman (Professor für Statistik und Politikwissenschaft) hatte sich mittlerweile in die Debatte eingeschaltet und warnt, dass The Lancet mit seiner Weigerung Fehler zu beheben, seinen Ruf riskiert. Er meint, dass keine Studie jemals veröffentlicht werden dürfte, in der es möglich ist, eine Verschlechterung als Verbesserung zu werten.

Auch wenn laut dem Herausgeber Richard Horton die Studie vor Veröffentlichung endlose Peer-Review-Runden durchlief, wurde es online als "Eilverfahren" markiert, so erklärte Prof. Gelman in einem seiner Artikel. Schon Anfang Dezember 2015 berichtete Prof. James Coyne, dass die Studienautoren bis dato 14 Anfragen zur Datenherausgabe verweigert hatten.

Laut Richard Hortons Aussage in einem Radiointerview aus dem Jahre 2011, kosteten die ganzen ärgerlichen Forderungen in Form von Anfragen, die über all die Jahre kamen, und die Anwaltskosten, 750.000 britische Pfund. Finanziert wurde dies durch Steuergelder, auch die Studie selber wurde durch Steuergelder finanziert.

Weitere Ungereimtheiten kommen ans Licht

Mittlerweile hat David Tuller, zusammen mit der Journalistin Julie Rehmeyer, eine Analyse verfasst, in der sie weitere Ungereimtheiten aufführen, die in der Studie zu finden sind. Sie widerlegen die Behauptung der Studienautoren, dass ansteigende körperliche Bewegung eine sichere Behandlungsmethode für Menschen mit ME sei. Die Therapeuten, die während der Studie den Bereich der ansteigenden körperlichen Bewegung betreuten, wurden beispielsweise angewiesen, den Studienteilnehmern eine Zustandsverschlechterung als eine natürliche Reaktion auf erhöhte Aktivität zu sehen.

Fakt ist allerdings, dass bei ME der Körper/Organismus nicht mehr richtig in der Lage ist, körperliche Energie zu erzeugen. Zudem verschlimmert körperliche/geistige Anstrengung den Gesundheitszustand nachhaltig weiter. Die Zustandsverschlechterung nach körperlicher/geistiger Anstrengung ist ein Hauptmerkmal von ME und hat sogar einen eigenen Namen: post-exertional malaise. Somit ist die Zustandsverschlechterung in diesen Fällen kein gutes Zeichen oder eine natürliche Reaktion, sondern ein Alarmzeichen.

Ursprünglich war geplant, dass die Probanden einen Aktometer (Messgerät zur Erfassung der Bewegungsaktivität) tragen, was allerdings wieder verworfen wurde, obwohl dies bei solch einer Studie normalerweise üblich ist. Somit konnte also überhaupt nicht geprüft werden, ob die Bewegungsaktivität insgesamt weniger oder mehr wurde.

Wer sind die eigentlichen Verlierer bei dieser Debatte?

Während die Debatte weiter geht und Menschen wie David Tuller, Prof. James Coyne und Prof. Ronald Davis unablässig die Stimme für die Menschen erheben, die nicht mehr in der Lage sind für sich selber zu kämpfen, sind die größten Verlierer weiterhin die Menschen, die an ME erkrankt sind.

Prof. Ron Davis (u.a. Genetiker und Direktor der "Open Medicine Foundation", deren Beirat drei Nobelpreisträger angehören) ist einer der Menschen, die sich für die Forschung und für die Patienten einsetzen. Doch dies hat einen traurigen Hintergrund.

Prof. Davis (74 Jahre) erlebt den Albtraum, den die Erkrankung anrichtet, tagtäglich hautnah mit: sein Sohn Whitney Dafoe (31 Jahre) ist ebenfalls an ME erkrankt, er gehört leider zu den Schwerstbetroffenen. Vor seiner Erkrankung war Whitney ein Fotograf, der Preise gewann und bereiste die Welt. Er war an dem Bau eines Klosters in Indien beteiligt und fuhr mit dem Motorrad durch den Himalaya. Zudem arbeitete er mit an Präsident Obamas Präsidentschaftswahlkampagne im Jahre 2008.

Vor kurzem berichtete Prof. Davis, dass sein Sohn ihm am Morgen mitteilte, dass er stirbt. Da Whitney nicht mehr in der Lage ist zu sprechen oder zu schreiben, teilte er dies über Scrabble-Buchstaben mit.

Whitney teilte seinem Vater mit, dass er sein Einverständnis dazu gibt, ins Krankenhaus zu gehen (obwohl er weiß, dass dies seinen Zustand weiter verschlimmern wird, aufgrund der Überanstrengung), weil ein medizinischer Eingriff notwendig ist, da Whitney nicht mehr in der Lage ist Nahrung zu sich zu nehmen. Da es für seinen Sohn auch zu anstrengend ist angesprochen zu werden, konnte sein Vater ihm darauf nicht antworten.

Prof. Davis berichtet, dass er schnellstens die Ursache und eine Behandlungsmöglichkeit finden muss, denn die Zeit läuft davon. Es gibt zu wenige Forscher, zu wenige ME-Spezialisten, zu wenige Forschungsgelder und zu viele Patienten. Er arbeitet 7 Tage die Woche.

Die Geschichte von Whitney Dafoe und seinen Eltern kann man, neben zwei weiteren ME-Patienten, in der 11-minütigen Kurzdoku "Invisible Illness-Stories of Chronic Fatigue Syndrome" sehen. Whitneys Mutter ist, da ihr Sohn eine 24-Stunden-Betreuung benötigt, ans Haus gebunden. Sie erzählt, dass es ein niemals endender Albtraum ist, der immer schlimmer und schlimmer wird.

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