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Studie beweist: Die Erkrankung ME ist physisch

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DOCTOR BLOOD TESTING
Rafe Swan via Getty Images
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Myalgische Enzephalomyelitis. Am 27. Februar 2015 wurde im Fachmagazin Science Advances eine neue Studie bezüglich der Erkrankung ME (Myalgische Enzephalomyelitis) veröffentlicht. ME wird, oft auch in Deutschland, als CFS (Chronic Fatigue Syndrom/Chronisches Erschöpfungssyndrom) bezeichnet, was für Verwirrung sorgt und die Stigmatisierung fördert.

Weltweit sind 17 Millionen Menschen davon betroffen, allein in Deutschland 300.000 Menschen, davon viele Kinder. ME ist eine schwere und unheilbare Erkrankung, die zudem viele junge Menschen trifft. Sie kann zur kompletten Pflegebedürftigkeit führen. Mehr über ME findet man hier.

Die Forscher Dr. Mady Hornig (Direktorin der transnationalen Forschung am Center for Infection and Immunity sowie außerordentliche Professorin für Epidemiologie der Columbia's Mailman School) und Dr. Ian Lipkin (Direktor des Center for Infection and Immunity (CII), John Snow (Professor für Epidemiologie der Columbia's Mailman School, weltweit bekannt als Virus Hunter/Virusjäger) von der Columbia Universität in New York haben diese Studie, mit weiteren Kollegen, veröffentlicht.

„Wir haben nun Beweise, die bestätigen, was Millionen von Menschen mit dieser Erkrankung schon wussten: Dass ME/CFS nicht psychisch ist."

Diesen Satz trug Dr. Mady Hornig in ihrem Statement zu den Forschungsergebnissen vor.

An der Studie nahmen 298 Menschen mit ME teil, sowie 348 gesunde Kontrollpersonen. 51 Konzentrationen von Biomarkern des Immunsystems wurden in der Studie überprüft. Die Forscher fanden eindeutige und auffallende Veränderungen im Immunsystem.

Bei den Erkrankten, die nicht länger als drei Jahre erkrankt sind, wurde ein spezifisches Muster entdeckt. Diese Patienten haben eine höhere Anzahl bestimmter Cytokine. Besonders auffällig ist der Interferon Gamma-Wert, der ebenfalls zu den Cytokinen gehört.

Das Interferon-Gamma spielt beispielsweise eine Rolle bei der Erschöpfung nach einem viralen Infekt, wie zum Beispiel das Epstein-Barr-Virus. Normalerweise fährt dieser Wert gleich nach einer überstandenen Infektion wieder runter, doch aus irgendeinem Grund bleibt der Organismus bei ME aktiv.

Somit gibt es nun nicht nur den eindeutigen Beleg, dass hinter der Erkrankung eine Fehlfunktion des Immunsystems steckt, sondern es existiert jetzt (zumindest für die neu erkrankten Patienten) ein biologischer Marker.

Es hat den Anschein, dass Menschen, nachdem ME plötzlich ausbricht, in den ersten drei Jahren von Cytokinen überflutet werden. Nach dieser Zeit brechen die Cytokin-Werte zusammen.

Die Forscher hoffen, diese Studie replizieren zu können. Sie möchten Patienten ein Jahr lang begleiten, um zu sehen, wie sich die Cytokin-Werte über diesen Zeitraum verändern, je nachdem, wie lange ein Mensch an ME erkrankt ist.

Diese Entdeckung hilft zukünftig bei der Diagnosefindung, wie auch bei der Entwicklung eines Medikaments.

Die Studie wurde Vanessa Li gewidmet. Vanessa hatte eine Crowdfunding-Kampagne (The Microbe Discovery Project) ins Leben gerufen, damit weitere Forschung bezüglich der Erkrankung finanziert werden kann. Am 4. Februar schied Vanessa, bei der ME vor 15 Jahren ausbrach, mit 34 Jahren aus dem Leben.

In einigen Wochen wird eine weitere Studie von Dr. Hornig und Dr. Lipkin veröffentlicht, bezüglich der Rückenmarksflüssigkeit von ME-Patienten. Des Weiteren laufen Studien im Bereich der molekularen Fingerabdrücke bezüglich von Viren, Bakterien und Pilzen.

Denn es stellt sich noch immer die Frage: Was triggert diese Dysfunktion, was ist die eigentliche Ursache von ME?

Es existieren eigentlich schon Nachweise, dass ME eine physische Erkrankung ist. Trotzdem hoffe ich, dass durch diese größere Studie, an der einer der besten und bekanntesten Virenforscher der Welt mitgearbeitet hat, endlich ein Umdenken in der Gesellschaft stattfindet.

Nach dieser Entdeckung hat sich die eigentlich schon längst überflüssige Diskussion, ob die Erkrankung psychischer oder physischer Natur ist, erledigt. Es bleibt zu hoffen, dass die Stigmatisierung, welcher die Erkrankten von Seiten der Ärzte, Gutachter, Behörden und erschreckend oft auch aus dem privaten Umfeld ausgesetzt sind, nun ein Ende hat.

Die ewigen falschen Vorgaben, Verhaltens- und Bewegungstherapie würden helfen, sind nun auch definitiv widerlegt.

Die Ergebnisse dieser Studie beweisen, dass nicht, wie immer behauptet wurde, die Patienten von ihrer falschen Krankheitsüberzeugung abgebracht werden müssen, sondern dass die Mediziner, Gutachter und Co. ihr Wissen bezüglich der Erkrankung ME auf den neuesten Stand der Forschung bringen und sich von alten, mittlerweile widerlegten Behauptungen, verabschieden sollten.

Zudem wäre es sehr wichtig, dass die Erkrankten nun eine ärztliche Grundversorgung erhalten, statt darum kämpfen zu müssen, überhaupt von Seiten der meisten Ärzte ernst genommen zu werden. Ein weiterer wichtiger Punkt ist zudem, dass die Erkrankten nicht mehr jahrelang (oft vor Gericht mit negativem Ausgang) um das kämpfen müssen, was ihnen eigentlich schon längst zusteht: Die Anerkennung ihrer vollkommenen Berufsunfähigkeit, aufgrund ihrer Erkrankung.

Während weltweit die Medien (z.B. The New York Times) über diese bahnbrechende Studie berichten, ist in Deutschland lediglich ein Artikel erschienen.

Nach der Veröffentlichung dieser Studie hoffe ich, dass es den neu erkrankten Mitmenschen erspart bleibt, was meine Miterkrankten und ich viele Jahre erlebten: stigmatisiert zu werden, jahrelang kämpfen zu müssen, sich immer wieder für den schlechten Gesundheitszustand rechtfertigen zu müssen und zu hören bekommen, man solle sich zusammenreißen und Sport treiben.

Diesen Blog möchte ich allen Menschen widmen, die an den Folgen von ME sowie an den Folgen falscher medizinischer Behandlungen von ME verstorben sind und auch den Menschen mit ME, die freiwillig aus dem Leben schieden, weil sie mit dieser schweren Erkrankung und auch der Stigmatisierung, der man mit ME tagtäglich ausgesetzt ist, nicht mehr leben konnten.


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