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Neue Erkenntnisse zum Chronischen Erschöpfungssyndrom

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SCIENCE LAB
Morsa Images via Getty Images
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Vom 27. bis zum 30. Oktober 2016 fand in Fort Lauderdale (Florida) die 12. International Association for Chronic Fatigue Syndrome/Myalgic Encephalomyelitis (IACFSME) Konferenz statt, eine klinisch-wissenschaftliche Konferenz rund um die Erkrankung ME (Myalgische Enzephalomyelitis).

Die Erkrankung ist auch bekannt unter dem verharmlosenden Namen Chronisches Erschöpfungssyndrom bzw. CFS (Chronic Fatigue Syndrome). In Deutschland sind 300.000 Menschen betroffen, davon sind 75.000 Pflegefälle. Die Erkrankung ist unheilbar und die Folgen können zum Tod führen.

Die Konferenz

Mehr als 100 Studien/Arbeiten wurden präsentiert. Auf der Konferenz zeigte sich, dass momentan immer mehr Puzzleteile gefunden werden, was Hoffnung gibt. Hoffnung, dass Betroffenen mit dieser schwer beeinträchtigenden Krankheit irgendwann geholfen werden kann. Und auch Hoffnung, dass die vielen falschen Vorurteile, die vorherrschen, weiter abgebaut werden. Ein Mediziner, der ebenfalls der Konferenz beiwohnte, verglich die momentane Situation mit dem Mauerfall in Berlin.

Alles in allem wurden Nachweise präsentiert, die einen zugrunde liegenden biologischen Prozess zeigen.

Prof. Anthony L. Komaroff (Harvard Universität in Boston, Chefredakteur des Harvard Health Letter) fasste, wie üblich, am Ende der Konferenz alle Vorträge in einem Vortrag zusammen. Auf Medscape, dem Portal für Mediziner und Ärzte, erschien ein lesenswerter Artikel zu dieser Konferenz.

Vorstellung von Studien

Prof. Jose Montoya (Stanford Universität in Palo Alto, Kalifornien) präsentierte die bis dato größte Studie zu ME, an der 192 ME-Patienten, sowie 392 gesunde Kontrollpersonen teilnahmen. 17 spezifische Zytokine waren deutlich erhöht, 13 davon sind entzündungsfördernd. Er meinte, es gäbe mittlerweile genug Informationen um zu erwägen, die Krankheit als entzündliche Erkrankung zu bezeichnen.

Dr. Kenny L. DeMeirleir (Ärztlicher Leiter des Nevada Centers für biomedizinische Forschung in Reno, Nevada) präsentierte eine Studie, die 70 männliche und 70 weibliche ME-Betroffene untersuchte, sowie jeweils 70 männliche und 70 weibliche gesunde Kontrollpersonen. Vier spezifische immunologische-entzündliche Marker zeigten einen eindeutigen Unterschied auf. Auch wenn diese Testreihe in Belgien zur Diagnosestellung genutzt wird, müssen noch weitere Tests gemacht werden, bevor diese Untersuchung allgemein zur Anwendung der Diagnose kommen kann.

Und noch mehr Studien

Bei einer Studie von 23 Jugendlichen mit ME, sowie 20 gesunden jugendlichen Kontrollpersonen, zeigten sich Abnormalitäten im Gehirn im Bereich der Schnelle der Informationsbearbeitung, in der Aufmerksamkeitsspanne sowie des Erinnerungsvermögens. Bei jugendlichen ME-Patienten zeigen sich somit die selben kognitiven Probleme, wie auch bei erwachsenen Patienten.

Bei einer Studie mit 53 ME-Patienten konnte ein Nachweis von Genunterschieden gefunden werden, die sich auf eine Untergruppe der Moleküle bezüglich der Energiegewinnung auswirken.

Eine weitere vorgestellte Studie des Stoffwechsels zeigte bei den 17 ME-Betroffenen, im Gegensatz zu den 15 gesunden Kontrollpersonen, einen Unterschied im biochemischen Stoffwechsel im Bereich der Energiegewinnung.

Die Ursache liegt nicht zwischen den Ohren

Der Test des Krebsspezialisten Dr. Øystein Fluges (Chefarzt der Abteilung für Onkologie, Haukeland Universität Hospital in Bergen, Norwegen) zeigte das selbe Ergebnis, das schon Prof. Ron Davis (u.a. Genetiker und Direktor der Open Medicine Foundation) erhielt. Sie gaben Zellen von gesunden Kontrollpersonen in das Blutserum von ME-Patienten.

Die gesunden Zellen erschöpften sich daraufhin. Der umgekehrte Test, bei dem Zellen von ME-Patienten dem Blutserum von gesunden Kontrollpersonen hinzugefügt wurden, zeigte, dass die kranken Zellen gesundeten. Trotz Bemühungen finden die Forscher aber nicht die Ursache, weshalb die Energiegewinnung der Zellen im eigenen Blutserum der Patienten runtergefahren ist.

Dr. Fluges Kollege, Dr. Olav Mella (Abteilungsleiter/Professor, Haukeland Universität Hospital in Oslo, Norwegen) sagte den Satz "Wir wissen, dass ME/CFS im Blut ist, nicht zwischen den Ohren."

Europa vernetzt sich

Prof. David Patrick (Arzt für Infektionskrankheiten und Epidemiologe aus Kanada) hielt einen Vortrag zum Thema EUROMENE (European Network on Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome), ein Netzwerk, dass von COST (Cooperation In Science And Technology Association), einer Non-Profit-Organisation, im April 2016 gestartet wurde.

In Europa fehlt es, im Gegensatz zum nationalen Vergleich, an einem Netzwerk bezüglich des Austausches in der ME-Forschung. EUROMENE soll dies zukünftig ändern.

In Europa wird in verschiedenen Bereichen bezüglich der Erkrankung ME geforscht, dafür wird eine Biobank-Plattform erstellt. Diese beinhaltet u.a. Basisdaten zur Bevölkerung, die Förderung von Kooperationen in der Forschung, das Erstellen von einheitlichen Diagnosekriterien sowie die Synchronisation von Diagnosekriterien. Außerdem Prävention, Behandlungsrichtlinien und auch die Ermittlung des sozialen Einflusses sowie die wirtschaftlichen Folgen von ME.

Die 14 Länder Weißrussland, Belgien, Bulgarien, Dänemark, Frankreich, Italien, Deutschland, Griechenland, Lettland, Norwegen, Rumänien, Serbien, Spanien sowie das Vereinigte Königreich sind Mitglied von EUROMENE. Aufgeteilt ist alles in sechs Arbeitsgruppen: Epidemiologie, Biomarker, Enabler für klinische Forschung und Diagnosekriterien, Sozioökonomie, Konferenzen/Seminare/Ausbildungsschulen, Verbreitung/Patientenbeteiligung/Digitalisierung.

Auszeichnungen

Zudem wurden auf der Konferenz Auszeichnungen vergeben. Lucinda Bateman (Ärztin und Forscherin für ME, Chefärztin des Bateman Horne Centers in Salt Lake City, Utah) erhielt den Governor Rudy Perpich Memorial Award.

Die Ärztin Rosamund Vallings, eine der führenden ME-Spezialisten in Neuseeland, erhielt den Nelson Gantz Clinician Award.

Die Immunologin Sharni Hardcastle aus Australien erhielt den Junior Investigator Award.

Der Gesundheitsexperte und Journalist (u.a. The New York Times) David Tuller sowie der Gründer von Phoenix Rising (Amerikanischer Blog und Forum rund um ME) und Health Rising (Amerikanische Informationsseite rund um ME), Cort Johnson, erhielten jeweils den Special Service Award.

Die abschließende und zusammenfassende Slideshow, die Prof. Anthony L. Komaroff am Ende der Konferenz während seines Abschlussvortrages zeigte, kann man sich hier anschauen.

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