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Treue ist ein Beziehungskiller

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Quer durch den Raum treffen sich unsere Blicke und halten gefühlt einen Augenblick zu lange aneinander fest. Ein wohliger Schauer läuft mir über den Rücken. Seine Augen sind toll und sein Lächeln umwerfend.

Wenn ich neben ihm sitze, kann ich ihn fühlen und riechen und ich mag sehr, was meine Sinne wahrnehmen. Ich schaue heimlich auf seine Hände und stelle mir vor, wie sie langsam und zart meinen Körper erkunden.

Mir gefällt seine Haut und sein Körper, die kurz rasierten Haare im Nacken machen mich an. Sein Charme, seine Intelligenz und sein Können begeistern mich über das Körperliche hinaus zusätzlich. Ich ziehe sein Hemd aus, beiße ihm sanft in den Hals und merke, wie sich eine ansteigende Erregung in all meinen Zellen ausbreitet.

Ich will Sex! Jetzt!

Halt!!! Unsanft stoppe ich meine Gedanken auf ihrer Wanderschaft, schließlich will ich dem Inhalten des Seminars folgen. Doch in den Pausen geht es weiter. Äußerlich merkt niemand, welche Stürme in meinem Inneren toben.

Was, wenn er mich heute Nacht mit auf sein Zimmer nehmen würde?

Heiße Bilder türmen sich vor meinem inneren Auge. Verschwitzte Haut. Unbekannte Gerüche. Ein Stöhnen, das mir nicht vertraut ist. Grenzenlose Neugierde und pure Lust spielen die Hauptrolle im Kinosaal meiner Fantasie. Ich genieße die Vorstellung, ihn um den Verstand zu bringen, seine Lust auf die Spitze zu treiben und bade in einem Ozean aus Verlangen und Leidenschaft.

Was für ein Mann! Verheiratet. Vermutlich treu. Schade.

Würde ich mit ihm gehen? Natürlich! Würde ich wirklich mit ihm schlafen? Keine Ahnung. Kann sein, dass ich kurz davor kneife. Trotz meiner offenen Beziehung ist Fremdsex keine Selbstverständlichkeit für mich und kostet mich eine Menge Mut und Überwindung. Aber ...

Würde er mich überhaupt wollen? Ich hab ihn nicht gefragt und weiß es nicht. Ich hätte es mich auch gar nicht getraut. Für die meisten Menschen ist Treue ein hoher Wert.

Oft werde ich gefragt, ob ich keine Angst habe, mich zu verlieben. Ich würde mich sicher verlieben. Vollgas. Doch ohne mich zu verlieben, würde ich keinen Sex haben wollen. Insofern ist das ein erwünschter Nebeneffekt. Angst, beziehungsweise großen Respekt, hab ich trotzdem davor.

Wieso Beziehungs-Killer 'Treue'?

Vielleicht fragst du dich gerade, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe. Du denkst vielleicht, ich habe da was verwechselt. Treue ist nicht der Beziehungs-Killer, sondern UNTREUE! Ich sollte mich was schämen, solche Gelüste zu haben!

Glaubst du, dir könnte das niemals passieren?

Denkst du, dein Partner könnte was erleben, wenn er sowas auch nur in Erwägung zieht?
Für die meisten Menschen ist es undenkbar, dem Partner die Freiheit zu lassen, sich seinen heimlichen Gelüsten und Fantasien hinzugeben. Viele unterdrücken ihre eigenen Gefühle und Träume, denn es passt nicht zu ihrem Wertesystem. Leider geht der Schuss nach hinten los.

Unterdrücktes Verlangen killt die Lust

So eine Begegnung nährt meine sexuellen Fantasien wochenlang. Ich liebe es, lustvolle Gedanken zu haben und sie mit meinem Mann auszuleben. Ich weiß auch, wie es ist, keine Lust mehr zu haben, und das will ich nicht wirklich wiederholen.

Auch wenn ich mich in einen anderen Mann verliebe, gibt es keinen Grund, meinen Mann zu verlassen. Er ist mein Leben, ich liebe ihn sehr und ich will mit ihm alt werden. Wir sind davon überzeugt, dass das Modell der offenen Beziehung unsere Liebe langfristig lebendig hält.

Denn gerade das Unbekannte zündet mich an. Die Vorstellung, mit einem anderen Mann zu schlafen, erregt mich und das ist für meine Ehe großartig. Mein Mann liebt meine Leidenschaft und meine Lust. Es ist ihm egal, wo die herkommt. Und ganz ehrlich: Das meiste findet nur im Kopf statt und nicht im echten Leben.

Es geht um viel mehr als Sex: Es geht um Lebendigkeit.

Dabei geht es bei dem Treue-Dilemma gar nicht nur um Sex. Es geht um viel, viel mehr. Der oft verbissene Wunsch nach Treue und das Bedürfnis, die Monogamie auf Teufel komm raus zu wahren, hat IMMER mit Angst zu tun und mit Selbstzweifeln.

Die Menschen wollen ihre Liebe einfrieren. Sie wollen sich sicher fühlen und keine Eifersucht spüren. Und merken nicht, wie die Treue langsam ihre Liebe erstickt und die Lebendigkeit ihrer Beziehung ermordet. Angst killt deine Beziehung. Und Verbissenheit.

Treue = Würgefeige

In dem großartigen Buch "Treue ist auch keine Lösung" vergleichen die Autoren Lisa Fischbach und Holger Lendt die Treue mit der Würgefeige. Die Würgefeige tötet den Baum, um zu leben. Die Treue tötet Beziehungen, um als Konzept zu überleben.

Der Baum stirbt im Würgegriff der Feige einen langsamen Tod.

Sobald die Beziehung und der Sex nicht mehr erfüllend sind, trennen sich Paare und hüpfen zum Nächsten. Das ist serielle Monogamie und keine echte Treue.

Obwohl sich niemand freiwillig für Treue entscheidet, ist der Wunsch absolut verständlich. Sicherheit und Geborgenheit sind menschliche Grundbedürfnisse. Und eine monogame Beziehung bietet scheinbar(!) Sicherheit.

Die 6 menschlichen Grundbedürfnisse nach Tony Robbins

Neben Sicherheit/Geborgenheit gibt es 5 weitere Grundbedürfnisse:

  • Abwechslung/Herausforderung/Abenteuer
  • Anerkennung
  • Liebe/Verbundenheit
  • Wachstum
  • Bedeutsam sein/Einen Beitrag leisten

Wir alle haben diese Bedürfnisse und jeder erfüllt sie sich auf andere Weise. Mit einer treuen Beziehung füllen wir die Tassen Sicherheit und Verbundenheit.

Am Beginn einer Beziehung werden alle Tassen gefüllt, bis auf Sicherheit. Der neue Mensch ist eine Herausforderung, wir fühlen uns bedeutsam, wachsen über uns hinaus (legen uns ins Zeug), bekommen Anerkennung und Liebe.

Wie sind deine Tassen gefüllt?

Sicherheit/Geborgenheit lösen nach einer Weile Abwechslung und Abenteuer ab. Nach einigen Jahren Beziehung fühlen wir uns nicht mehr bedeutsam, wir sind zur Selbstverständlichkeit geworden. Die Komfortzone ist hübsch eingerichtet, Wachstum findet kaum noch statt.

Das Leben strebt danach, ALLE Tassen zu füllen. Ist die Sicherheit voll und die anderen Töpfe leer, schickt das Universum ein männliches oder weibliches Leckerli vorbei und eine Affäre wirkt wie der Himmel auf Erden. Eine Affäre füllt (scheinbar!) die Tassen Liebe, Anerkennung, Bedeutung und Abenteuer.

Untreue = Wachstum / Treue killt Beziehung

Fliegt die Affäre auf, werden die Tassen Wachstum und Herausforderung gefüllt. Aber nur dann, wenn du dich deiner Herausforderung stellst. Viele trennen sich lieber vom Partner, als vom Treue-Ideal. Dann findet KEIN Wachstum statt.

Hältst du weiterhin verbissen an dem Treue-Konzept fest und bist nicht bereit, dich deiner Eifersucht zu stellen und dich mit deinem untreuen Partner auseinanderzusetzen, dann fliegt euch die Beziehung um die Ohren. Und deine Tassen bleiben leer.

Niemand kann deine Tassen füllen

Die Happy End Lüge verspricht, dass deine Tassen von deinem Partner gefüllt werden und sobald er/sie das nicht mehr tut, scheint eine Trennung die beste Lösung zu sein.

Die Suche nach einem neuen Tassenfüller geht in die nächste Runde. Das blöde daran: Je leerer deine Tassen sind, desto leerer sind die Tassen deines angeblichen Traumpartners. Es ziehen sich immer zwei Menschen an, die zueinander passen. Das Gesetz der Anziehung ist gnadenlos (und gerecht).

Deine Tassen kannst NUR du selbst füllen. Deshalb ist Fremdgehen niemals die Lösung und eine offene Beziehung nur für jene geeignet, die gelernt haben, ihre Tassen selbst aufzufüllen. Sobald zwei Menschen ein Paar bilden, die ihre Tassen gefüllt haben, wird Beziehung erfüllend. Auch über Jahre und Jahrzehnte.

Treue an sich killt deine Beziehung nicht

Wie beim Sex ist es nicht die Treue, die deine Beziehung zerstört. Auch nicht die Untreue. Es sind die leeren Tassen und die Erwartungshaltung, dass der andere dafür zuständig ist, sie zu füllen.

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Mit einem Flirt, der vielleicht gar keiner ist, fülle ich meine Tassen. Allein meine Fantasie reicht dafür aus. Ich fühle mich begehrt, ohne zu wissen, ob ich es wirklich bin. Dem Gehirn ist egal, ob es Wirklichkeit ist, oder nur Fantasie. Das ist der Trick.

Findet der Flirt auch noch in der Wirklichkeit statt, geht das Gefühl tiefer und der Spaß hält länger an. Mein Mann profitiert davon, denn mit gefüllten Tassen bin ich für ihn wesentlich attraktiver. Flirten ist Lebensfreude. Flirten tut gut. Dir und deinem Partner.

Es lohnt sich, die Grenzen der Treue ein Stückchen zu erweitern. Wie weit, das ist allein deine Entscheidung (und die deines Partners).

Leben darf leicht gehen und Spaß machen. Liebe auch!

Dieser Beitrag erschien zuerst auf meiner Homepage.

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