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Bereit für eine offene Beziehung?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
OPEN RELATIONSHIP
Getty Images
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Es war ein sehr nettes Mittagessen, wir hatten eine tolle Unterhaltung (über offene Beziehung und Sex...) und hätten noch lange weiter quatschen können. Zum Abschied schaut er mir tief in die Augen und flüstert mir erwartungsvoll ins Ohr: "Lass uns am Montag treffen. Ich sag dir wann und wo!"

Ich steige ins Auto und fahre heim. Während der Fahrt geht mir vieles durch den Kopf. Der Chat mit ihm war vielversprechend und ich hatte Herzklopfen, während ich zu unserer Verabredung gefahren bin. Wir haben uns über "Tinder" kennen gelernt und mir ist völlig klar, dass er jetzt den nächsten Schritt gehen will und ein Hotelzimmer für uns bucht.

Offene Beziehung? Ich will doch nur spielen

Zu allem Überfluss schüre ich später nochmal schriftlich seine Erwartungen. Ich gebe mich voll meinem Spieltrieb hin und genieße das Gefühl, begehrt zu werden.

"Ach du liebe Scheiße!", denke ich mir und gerate in Panik. Den Typ will ich überhaupt nicht nackt sehen und ich will auch nicht mit ihm ins Bett! Der Funke ist nicht übergesprungen und ich poppe doch nicht mit jemandem, der mir nichts bedeutet. Was mach ich denn jetzt?

Mein Mann und ich haben besprochen, dass wir die offene Beziehung "praxiserproben" wollen. Wir haben eine Packung Kondome geteilt und ich will jetzt endlich Erfahrungen sammeln. Bisher war einfach kein Mann in Sicht (außer meiner Fremdliebe), mit dem ich Sex hätte haben wollen. Und wie es scheint, ändert auch Tinder nichts daran...

Guter Rat ist zum Glück nicht teuer

Ich rufe meine beste Freundin an, um mich etwas beruhigen zu lassen. Sie ist verständnisvoll und hört mir geduldig zu und erwidert energisch: "Jetzt hast du dir die Suppe eingebrockt, jetzt musst du sie auch auslöffeln. Wenn du nicht willst, sag um Himmels willen ab!"

Als nächstes hole ich mir Rat bei meinem Blogger-Kollegen Nils, der einen großartigen Artikel zum Thema Offene Beziehung geschrieben hat.

"Wie läuft das denn so ab?", frage ich ihn.

"Hey, ganz locker. Ihr trefft euch, trinkt was zusammen und dann siehst du schon, wie weit du gehen willst. Kläre vielleicht noch, dass ihr euch die Hotel-Kosten teilt, so dass du nicht aus einem Schuldgefühl heraus mit ihm Dinge tust, die du gar nicht tun willst."

Das ist ein sehr guter Aspekt. Ich hab mich früher nie von einem Typen einladen lassen. Weil ich dann dachte, ich müsste mich aus Höflichkeit und Dankbarkeit den ganzen Abend mit ihm unterhalten. Da hatte ich keinen Bock drauf und hab mir meine Drinks stets selbst bezahlt.

Wie schön ist es, wirklich gute Freunde zu haben und Menschen, die über Lebenserfahrung verfügen. Jetzt geht es mir schon besser und ich beschließe, eine Nacht drüber zu schlafen und dann eine Entscheidung zu treffen.

NEIN! Auf gar keinen Fall!!

Ist mein erster Gedanke, als ich am nächsten Morgen aufwache. Ich werde mich definitiv nicht auf ein weiteres Treffen und was auch immer einlassen. Meine Klarheit ist sowas von glasklar, dass ich noch im Bett eine Nachricht an ihn schreibe und das Ganze beende. Ich hasse es, Menschen zu enttäuschen, doch jetzt muss ich es tun. Er reagiert zum Glück ganz easy und ich schließe das Kapitel "Fremde Männer poppen" gedanklich ab.

Irgendwie hatte ich gehofft, ich würde mich ein bisschen verlieben. Nach mehreren Dates, die alle nett waren, ist mir jedoch klar, dass sich das nicht erzwingen lässt. Einfach nur Sex zu haben ist mir schön zu doof! Davon hab ich in meiner Ehe mehr als genug.

Das, was ich suche, ist der besondere Kick, das Anfachen meiner Leidenschaft und Lust. Dafür ist "nett" einfach nicht genug. Doch jedes einzelne Gespräch war toll und ich bin dankbar für die Erfahrungen und dankbar, neue Menschen mit total unterschiedlichen Lifestyles kennen gelernt zu haben!

Ich beschließe, mich einfach wieder neu in meinen Mann zu verlieben. Schließlich ist er nach wie vor der großartigste Mann auf diesem Planeten (für mich).

Hauskatzen

Mein Kater hat mir früher oft eine tote Maus mitgebracht. Niemals hat er sie gefressen. Er bekam schließlich bestes Futter bei mir und hat lediglich seinen Jagdtrieb befriedigt.

Ich bin wie eine Hauskatze. Satt und zufrieden. Ich jage gerne und erlege auch gerne meine Beute. Doch stelle ich immer mehr fest, dass ich gar keine Lust hab, die Beute auch wirklich zu fressen.

Mir ist absolut klar, dass dieses Spiel für die Maus weniger witzig ist und so treffe ich mich ein letztes Mal mit einem Mann, ohne Erwartungen und ohne auch nur ansatzweise mit mehr als "nett" zu rechnen.

Wir laufen stundenlang durch die Stadt, teilen uns einen Glühwein und er ist mehr als nett. Ich sage ihm von vornherein, dass das mit dem Sex nix wird. Irgendwann küsst er mich einfach und ich fühle mich wohl. Schließlich passiert es dann doch...

Kopf über Herz

Die Treue-Prägung der letzten Jahrzehnte macht sich bemerkbar und ich kann nicht wirklich loslassen. Mein Kopf lässt sich nicht abschalten und so ist dieses Erlebnis ok, aber nicht wirklich großartig. Es war viel Herz mit im Spiel, sonst wäre das überhaupt nicht möglich gewesen, doch auch jetzt bin ich nicht verliebt und es ist nicht wirklich wichtig. Interessant!

Ich bin diejenige, die den Wunsch nach einer offenen Beziehung vorangetrieben hat. Seit meiner Fremdliebe weiß ich, dass ich Lust habe, auch mal fremde Haut zu spüren und neue Erfahrungen zu machen. Ich liebe den Gedanken, dass unsere Beziehung es zulässt, zu tun und zu lassen, was immer ich will.

Reichtum & Freiheit

Es gibt eine kleine Übung für's Money-Mindset. Man trägt einen 200 oder 500 Euro Schein im Geldbeutel und denkt sich stets, wenn ich wollte, könnte ich mir xyz... kaufen. Man kann diese Euros in Gedanken täglich mehrfach "ausgeben" und das Gefühl von Reichtum und finanzieller Freiheit dadurch vermehren. Eine wichtige Vorgabe für diese Übung ist, diesen Geldschein niemals wirklich auszugeben.

Ich habe dasselbe Gefühl bei Männern. Ich könnte, wenn ich wollte, doch in Wahrheit muss ich gar nicht. Das Gefühl von Freiheit und von begehrt werden ist großartig und die vielen Begegnungen mit fremden Männern schüren meine Lust, meine Sinnlichkeit und Leidenschaft und das wirkt sich sehr positiv auf unseren ehelichen Sex aus. Wunderbar. Es hat sich also gelohnt!

Daheim ist es am Schönsten, oder?

Nach unserer Hochzeitsreise durch Kirgistan (mit dem Fahrrad(!)) war ich sehr lange Zeit jeden Morgen dankbar, dass ich eine Toilette benutzen und warm duschen kann. Manchmal muss man verreisen, um wieder mehr zu würdigen, wie schön es daheim ist. (Ich höre die Aufschreie der Treue-Verfechter ;-)).

Ich habe mich tatsächlich wieder in meinen eigenen Mann verliebt. Seine Indien-Reise hat ebenfalls dazu beigetragen. Eine Weile voneinander getrennt zu sein ist wie ein Jungbrunnen für die Beziehung.

Bin ich jetzt wieder monogam?

NEIN! Ein Zurück in die Monogamie kommt für mich überhaupt nicht in Frage. Wir leben weiterhin eine offene Beziehung, was auch immer das heißen mag. Mein Mann gehört mir nicht und ich nicht ihm. Wir haben die Freiheit zu tun, was immer wir wollen und das wird auch so bleiben. Dafür braucht es keine Bezeichnung und kein Konzept. Dafür braucht es meiner Meinung nach Liebe und gesunden Menschenverstand.

Wir sind

  • offen für neue Ideen,
  • offen für die Träume des anderen,
  • offen für Abenteuer (gemeinsam und getrennt voneinander),
  • offen, dass jeder verreisen kann, wohin er will (nach Fern-Ost oder in ein anderes Bett ;-)),
  • offen, uns weiter zu entwickeln und uns selbst glücklich zu machen, so dass unsere Beziehung wirklich Spaß macht.
  • Wir haben ein offenes Ohr für den anderen und unterstützen uns gegenseitig unsere Ziele zu erreichen. Wir beschränken uns nicht durch unsere Ängste, sondern wachsen darüber hinaus.

Ich weiß jetzt, dass ich treuer bin, als ich dachte. Doch wer weiß, was noch so passiert... ;-)

Leben darf leicht gehen und Spaß machen. Liebe auch!

Herzlichst

Melanie

Melanie Mittermaier ist Bloggerin, Speakerin und Beziehungs-Coach. Dieser Beitrag ist ursprünglich erschienen auf www.melanie-mittermaier.de

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