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Fremdgehen - Aber bitte ohne Schuldgefühle!

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Marin via Getty Images
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Ja, ich weiß, diese These ist gewagt. Ja, ich weiß, sie ist realitätsfern. Ja, ich weiß, dass ich dafür böse Kommentare ernten werde. Besonders von den Betrogenen, die sich verraten und verkauft fühlen. Die sich wünschen, der/die untreue Partner/in möge sich ebenfalls absolut mies fühlen.

Und doch bleib ich dabei: Wenn du schon fremdgehen willst, dann hör wenigstens auf mit dem saublöden Schuldgefühl! Es hilft nämlich niemandem! Warum erkläre ich dir in diesem Beitrag. Kürzlich hat jemand auf der Huffpost meinen Artikel mit „Mittermaiers Märchenstunde" kommentiert. Realitätsfern? Das hoffe ich doch! Die Realität hat die Paare ja dahin gebracht, wo sie jetzt sind. Da wieder raus braucht es Sternenstaub und Einhorn-Power.

Fremdgehen - auch noch mit Genuss???

Vermutlich werden 98 Prozent aller Menschen jetzt wütend die Hände über dem Kopf zusammen schlagen und mich auf den Mond schießen wollen. Ich verstehe das und ich halte das aus. Ich kenne die Ängste und Nöte von Paaren, die mit einer Affäre zu kämpfen haben, zur Genüge. Ich kenne die Gefühle, ich kenne die Gedanken und ich kenne den Ausweg ;-).

Schuldgefühle versperren den Ausweg. Schuldgefühle machen die Sache noch viel schlimmer. Schuldgefühle können die Zeit nicht zurück drehen und die Sache ungeschehen machen.

Schuldgefühl ist nicht gleich Schuldgefühl

Bitte versteh mich nicht falsch. Natürlich hilft die ehrliche Reue dem betrogenen Partner bei der Verarbeitung. Auch die sofortige Beendigung der Affäre. Mir geht es nicht darum, einen Freibrief zu erteilen. Fremdgehen ist niemals die beste Lösung für eine Beziehung. Manchmal aber die einzig machbare (im Rahmen der Möglichkeiten des Paares).

Beim Schuldgefühl gibt es einen entscheidenden Unterschied. Die meisten Menschen bereuen sehr wohl, dass sie ihren Partner verletzt und hintergangen haben. Sie bereuen jedoch nicht das Fremdgehen an sich. Wenn sie später daran zurück denken, werden sie sich an die positiven Gefühle erinnern, die mit den verbotenen Stunden verknüpft sind. Hätte es nicht mega positive Gefühle gegeben, wäre die Person niemals fremdgegangen.

Ich habe jedoch noch kaum Betrogene erlebt, die mit dieser Differenzierung umgehen können und die Wahrheit ertragen könnten. So lügt der Partner auch im Nachhinein noch gerne und bereut den Fremdsex zutiefst, ohne das wirklich so zu fühlen.

Fremdverliebt - na und?

Als ich mich fremdverliebt habe, war da auch zunächst ein seltsames Gefühl und ich hatte ein schlechtes Gewissen meinem Mann gegenüber. Gemäß dem Gesetz der Anziehung ist es jedoch sehr wünschenswert, gute Gefühle zu haben. Weil ich dadurch mehr Erlebnisse anziehe, die mir gute Gefühle machen. So weit so gut.

Sich zu verlieben ist ein verdammt gutes Gefühl! Wie schade, wenn dann die Gewissenskeule daher kommt und dem Genuss einen Hieb versetzt. Zerrissenheit ist die Folge. Auf der einen Seite diese Hammer-Emotionen, auf der anderen die Schuldgefühle. Diese Zerrissenheit ist nicht witzig! Und zieht mehr Zerrissenheit an. Das will doch keiner, oder?

Meine Freundin hat damals zum mir gesagt: „Genieße es einfach. Solche Gefühle tauchen nicht an jeder Ecke auf. Nimm es an, akzeptiere es und dann kannst du es sogar genießen." Das war für mich mega erleichternd. Ohne Schuldgefühle konnte ich mich den erotischen Fantasien hingeben und meinen Mann mit meiner gesteigerten Lust beglücken (ohne dass er wusste, woher die kam). Mit einem schlechten Gewissen wäre unser Sex bei weitem nicht so gut gewesen. Hätte mein Mann etwas davon gehabt? Eben!

Wo ist das Problem?

Die Gedanken sind frei! Ich kann beim Sex an alles denken, woran ich will! Ich kann auch am Rest vom Tag denken und fühlen, was ich will. Hallo? Es hat doch wohl niemand das Recht, mir vorzuschreiben, was ich fühlen und denken soll. Ich gehöre nur mir und nicht meinem Mann (und auch sonst niemandem). Auch mein Körper! Erotische Fantasien pushen meine Sinnlichkeit und meine Lust. Davon profitiert mein Mann extrem.

„Verlieb dich ruhig öfter, wenn das mit dem Sex dann immer so ist", war seine Antwort, als ich ihm später von meiner Fremdliebe berichtet hab. Mein Mann hat kein Drama daraus gemacht. Er war noch nicht einmal eifersüchtig und erkennt sehr wohl bis heute seinen Nutzen. Wenn ich von einer Party nach Hause komme, wo ich heftig geflirtet habe, bin ich glücklich und strahlend.

Jetzt magst du vielleicht denken, fremdverliebt zu sein ist ja nicht fremdgehen. Ja, das ist ein Argument, doch für viele bedeutet bereits das Hochverrat.

Die blöden Auswirkungen von Schuldgefühlen

Unzählige Affären fliegen nur deshalb auf, weil die Schuldgefühle so stark werden. Die „Betrüger" verhalten sich zu Hause abwesend, schlecht gelaunt und nervös. Das merkt irgendwann auch die naivste Ehefrau. Oder sie halten ihre Gewissensbisse nicht mehr aus und beichten, um SICH SELBST zu erleichtern. Eine ältere Dame wurde mal im Interview gefragt, ob ihr Mann immer treu war. Sie sagte: „Keine Ahnung. Wenn er schon für's Ego vögelt, dann soll er es nicht auch noch für's Ego beichten!"

Im Idealfall kann eine Affäre oder eine Fremdliebe eine Beziehung bereichern. Wenn alle Beteiligten happy wären, die guten Gefühle genießen und den Stress raus nehmen könnten, würde sogar die Ehefrau von einem gut gelaunten, aufmerksamen Ehemann profitieren. Vielleicht hat sie sowieso weniger Lust auf Sex als er und die Situation wäre eine WIN-WIN-WIN Situation.

Natürlich müsste auch der/die Geliebte glücklich sein. Wenn hier Besitzansprüche auftauchen und der Außenpartner lieber Hauptpartner wäre, wird es problematisch. Schuldgefühle werden dann sehr gerne als Druckmittel eingesetzt.

Die Zwickmühle

Nicht wenigen Fremdgängern ergeht es dann wie in einer Zwickmühle. Wann immer sie emotionalen und/oder körperlichen „Betrug" begehen, haben sie ein schlechte Gewissen dem Ehepartner gegenüber. Wenn sie der Ehe eine Chance geben wollen und vielleicht Urlaub mit der Familie machen, kommt das schlechte Gewissen dem/der Geliebten gegenüber. Was'n Scheiß!

Egal, was sie tun, sie haben immer ein Schuldgefühl. Das ist doch kein Leben! Nur ändert das an der Situation rein gar nichts! Die Verliebtheit verschwindet nicht und die wenigsten beenden die Affäre, solange sie nicht aufgeflogen ist. Paradox ist, dass die meisten „Betrüger" Treue als hohen Wert ansehen. Somit kommt das schlechte Gewissen sich selbst gegenüber noch erschwerend und höchst belastend hinzu. Und dummerweise ziehen sie dann nur noch mehr davon ins Leben.

Was ist also der Ausweg?

• Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Die Affäre oder die Fremdliebe fühlt sich verdammt gut an. Dieses angeblich so verwerfliche Verhalten hat Gründe und ist die beste Option. Tatsächlich haben sogar 75 Prozent der untreuen Frauen kein schlechtes Gewissen und 42 Prozent der Männer auch nicht. Wenn sie es als gerechtfertigt ansehen, etwa weil der Partner kaum Zeit für sie hat, oder die Frau zu wenig Sex will. Wie gesagt, es wäre NICHT meine erste Wahl. Reden fände ich besser. Leider brauchen viele den Weck-Ruf einer Affäre (beide!), um wieder in die Beziehung zu investieren.

• Das Schuldgefühl genau benennen, sich klar machen, dass es nichts, aber auch rein gar nichts, an der Situation verbessert, und es loslassen (wenn möglich). Streiche das Wort Schuld für immer aus deinem Wortschatz und ersetze es mit Verantwortung. Jemand, der fremdgeht, muss sich echt nicht schuldig fühlen. Er darf jedoch die Verantwortung für sein Tun übernehmen. Je verkrampfter und unglücklicher wir sind, desto weniger Kreativität und Lösungsenergie stehen in unserem Gehirn zur Verfügung. Nur mit Liebe, Hoffnung, Zuversicht, Offenheit und einer größtmöglichen Gelassenheit lässt sich ein Fremdgeh-Drama glücklich lösen.

• Die Gründe klar kriegen und reden - aus meiner Sicht gibt es immer 3 Gründe:
Die Beziehung ist bereits tot und eine Trennung überfällig
Die Beziehung ist marode und braucht dringend eine Grundsanierung
Die Beziehung ist völlig ok, es ist möglich mehrere Menschen zu lieben (begegnet mir höchst selten, ist aber möglich)

Wenn der Grund klar ist, dann handle auch danach und gehe mit deinem Partner/deiner Partnerin in eine offene und ehrliche Kommunikation. Manchmal ist die Grenze fließend und es ist überhaupt nicht klar, ob die Beziehung reanimiert werden kann oder nicht. Auch hier helfen nur offene und ehrliche Gespräche. Und Paarberatung ;-).

Manchmal halten beide Partner aus Angst vor einer Trennung an einer toten Beziehung fest. Es ist dann immer nett für das „Opfer", dem „Täter" die alleinige Schuld zu zu schieben (er ist ja schließlich fremdgegangen).

• Das Treuekonzept stärker anzweifeln, als den Partner. Treue wird überbewertet und Menschen sind kein Besitz. In meiner Welt hat jeder das Recht zu tun, was er will (also fast). Ja, auch vögeln (nein keine Kinder! Und morden auch nicht!). Deshalb gibt es für mich keine Betrüger. Alles hat Konsequenzen und diese darf jeder für sich selbst aushalten. Und zu seinem Verhalten stehen. Gerade hier ist der offene und ehrliche Austausch mit dem Partner unerlässlich.

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Schuldgefühle machen diese Welt nicht zu einem besseren Ort und keine Beziehung witziger.
Schuldzuweisungen und Vorwürfe auch nicht. Nur Liebe, Offenheit und Verständnis tun das. Menschen werden sich niemals stets perfekt und Werte getreu verhalten. Die Monogamie ist grundsätzlich nicht für jeden zu jeder Zeit das geeignete Konzept. Es lohnt sich, darüber nachzudenken.

Und wenn sie nicht gestorben sind... ;-) - Das war Mittermaiers Märchenstunde. Ja, ich träume von einer Welt voller Liebe. Ja, es ist realitätsfern. Na und? Sternenstaub und Einhorn-Power für alle!

You may say, I'm a dreamer - but i'm not the only one...

Leben darf leicht gehen und Spaß machen. Liebe auch!

Herzlichst
Melanie

Der Beitrag erschien zuerst auf melanie-mittermaier.de.

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