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(Un)geordnete Räume: über Terror, Gewalt und offene Türen

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AMOKLAUF
dpa
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Ein Einkaufszentrum in München, eine Flaniermeile in Nizza, ein Volksfest in Ansbach, eine Regionalbahn in Franken, eine Konzerthalle in Paris: Diese öffentlichen Räume sind nicht nur Orte an denen Rucksäcke mit Bomben explodieren, Gewehre abgefeuert und Personen in den Tod gerissen werden.

Die Gewalttäter zielen nicht nur auf Menschen im öffentlichen Raum, sie nehmen den Raum selbst unter Beschuss. Sie tun dies, indem sie seine Ordnung in Chaos verwandeln und ihn in anhaltender Unsicherheit tränken.

Gerade weil es sich hier um Alltagsräume handelt, die jede/r jeden Tag passiert, nutzt und (mit)gestaltet, strahlt der Moment der Gewalttat bis weit in die Zukunft: Wer bummelt heute durchs Olympiaeinkaufszentrum, ohne sich nicht bei lauten Geräuschen hektisch umzudrehen, wer schlendert die Promenade in Nizza entlang, und schaut nicht mit Argwohn auf den schnell herannahenden LKW?

Aber nicht nur die Gewaltakte selbst, sondern auch ihre Gegenstrategien erzeugen ein anhaltendes Gefühl von Unsicherheit und Paranoia. Lautsprecherdurchsagen erinnern uns beispielsweise beständig daran, dass liegengelassene Handtaschen immer auch eine potentielle Bedrohung darstellen.

Der Sündenbock ist der "Andere"

Gesetzesänderungen, das Verhängen von Ausnahmezuständen und öffentliche Überwachungsmaßnahmen dienen vermeintlich der Verteidigung des öffentlichen Raumes, limitieren jedoch zunehmend räumliche Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten.

Freilich in unterschiedlichem Maße für unterschiedliche Kategorien von Menschen. Auch diese Maßnahmen sowie ihre rhetorische Legitimierung unterwandern so sukzessive das menschenrechtliche Fundament unserer Gesellschaft.

Im Windschatten der Terrorangst nehmen rassistisches Denken und rechtsradikale Parolen zudem immer mehr Platz ein. Denn der Sündenbock scheint schnell ausgemacht: Es ist "der Andere" des 21. Jahrhunderts, derjenige aus dem territorialen Außen, der "Flüchtling".

Und für jeden Attentäter werden die geflüchteten Menschen nahezu des gesamten Globus in Sippenhaft genommen. Die Gemengelage ist komplex. Wer diese Komplexität anerkennt, muss eingestehen, dass sich die Ursachen dieser lokalen Ereignisse meist überhaupt nicht mehr eindeutig verorten lassen.

Die einfachen Antworten überdenken

Gesellschaftliche Marginalisierung, globale Ungleichheiten, entgrenzte Netzwerke und individuelle Attribute greifen ineinander und schon das Formulieren von Fragen stellt eine Herausforderung dar. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb quellen Kommentarspalten und Internetportale über vor einfachen Antworten: Schließt die Grenzen, weist die Flüchtlinge aus, erlangt damit Ordnung und Kontrolle zurück.

Dass allein die "Handelsbilanzen" anderes nahelegen, Deutschland weitaus mehr Terroristen von hier exportiert - nach Syrien und anderswo - als es von dort importiert, interessiert dabei nicht. Dass Millionen von Menschen auch dort vor dem Terror fliehen, ein Teil von ihnen mit der Hoffnung auf einen sicheren Zufluchtsort gerade deshalb hier ankommt, ebenso wenig.

Zu behaupten, "Terror" wäre ein Problem "der Anderen", welches wir allein dadurch von uns abwenden können, indem wir "sie" davon abhalten auf unser Territorium zu gelangen, klingt deshalb so absurd, dass schwer zu glauben ist, dass jemand mit dieser Strategie tatsächlich darauf zielt, "den Terrorismus" zu bekämpfen.

Doch auch die offiziellen politischen Antworten scheinen dieser scheinbaren Einfachheit zu verfallen (oder verfallen zu wollen).

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Rückbesinnung auf nationalstaatliche Grenzen und die Schließung derselben, Begrenzung der Zuwanderung auf "unser" Territorium und die damit verbundenen Zuschreibungen an "die Anderen" als potentielle Bedrohung und Gefahr, werden zumindest vordergründig für die Wiederherstellung von Ordnung im öffentlichen Raum ins Feld geführt. Dabei schränken sie dessen Potentiale doch immer weiter ein.

#offenetuer

Doch es gibt auch andere Antworten, überzeugendere, möglicherweise nachhaltigere. Unmittelbar nach den Anschlägen vom November 2015 in Paris, aber auch in vergangener Woche in München, boten dutzende Personen auf Twitter und anderen Portalen ihre privaten Räume völlig Fremden als Herberge an.

Unter den Hashtags #porteouverte, #opendoor oder #offenetuer boten sie spontan Übernachtungs- und Verweilplätze für Gestrandete und Verzweifelte.

Den privaten Raum zu einem quasi öffentlichen zu machen, die Türen zu öffnen anstatt sie zu verrammeln, Vertrauensvorschuss zu gewähren anstatt sich von Angst leiten zu lassen, erscheint als ein viel probateres Mittel des Widerstandes gegen den Terrorismus und seine Ziele, gegen die Gewalt, aber auch gegen einige der (nahezu ebenso gewaltsamen) Gegenmaßnahmen.

Der öffentliche Raum ist immer politisch, seine Ordnung umstritten. Gewaltakte, wie die oben beschriebenen, verwandeln diese Ordnung in Sekundenschnelle in Unordnung, erfordern in besonderem Maße Neuverhandlung und Neugestaltung. Fordern wir einen Anteil an diesen Verhandlungen. Offene Türen sind ein guter Anfang.

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