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"Eine neue Form des Mobbing" - wie Erzieherinnen und Kindergärten von Eltern im Internet fertig gemacht werden

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Als Mutter ist man versucht, in den sozialen Netzwerken sogenannten Mami-Gruppen beizutreten um sich ausheulen zu können, wenn das Kleine mal wieder bockt.

Ist man aber von Beruf Erzieherin, rate ich dringend davon ab.

Im Video oben: Wie weit verbreitet Mobbing in Deutschland ist – und was man dagegen tun kann

So findet man nämlich dort Posts, in denen eine Mutter von ihrem erschütterten Vertrauen zu der Erzieherin ihres Sohnes berichtet, weil diese ihn im KiGa beim Essen für 2 Minuten vor die Tür gesetzt hat, da er sich dort angefangen hatte zu prügeln.

Das Kind wäre jetzt emotional total am Boden... Musste das Zimmer verlassen, bis die Erzieherin nach kam, um die Situation mit dem Kind in Ruhe zu klären. Sie fühle sich überhaupt nicht mehr wohl jetzt dort.

Muss man hier schon etwas schmunzeln, so liest man am besten nicht weiter, was andere Mütter darunter schreiben:

"Das ist verletzte Aufsichtspflicht! Dafür kannst du sie kündigen lassen!"

"Melde das dem Träger."

"Erkundige dich beim Rechtsanwalt."

"Vielleicht kann man den KiGa deshalb schließen lassen, frag mal bei Jugendamt nach."

Ungelogen.

Alltag im Kindergarten

Ich habe mir also ein Herz gefasst und versucht zu erklären, wie eine Essenssituation im KiGa abläuft:

20 Kinder sitzen um einen Tisch und warten darauf, dass du jedem von Ihnen das Essen austeilst. Nebenbei rufen die ersten schon wieder nach was zu trinken, weil ihr Glas schon ausgetrunken ist. Ein kleineres Kind braucht Hilfe dabei, sein Fleisch zu schneiden.

Ein weiteres jammert darüber, dass ihm das Essen nicht schmeckt. Der Nebenmann schmeißt das Glas um, die Pfütze muss aufgewischt werden. Wieder leere Trinkgläser. Zwei Kinder streiten, weil einer eine Nudel vom Teller des anderen geklaut hat und die zwei daneben bewerfen sich giggelnd mit ihrem Essen.

Mehr zum Thema: Wir Erzieher stehen jeden Tag kurz vor dem Burnout

So... Ist es da nicht vielleicht gar nicht soooooo unverständlich, dass das Kind kurz draußen warten soll, bis alle versorgt sind, damit die Erzieherin dann in Ruhe mit ihm sprechen kann um die Situation zu klären? Vor allem, wenn die Gruppentüre ein Glasfenster hat, um sehen zu können, was draußen vor sich geht?

Ich habe für diese Darstellung viele "Likes" bekommen, hauptsächlich von anderen Erzieherinnen. Von den anderen wurde meine Sicht der Dinge ignoriert. Ganz klar, sonst kann man sich ja nicht weiter aufregen.

Keine Ahnung von den Aufgaben der Erzieher

Nun könnte man meinen, dieses Phänomen tritt nur im Internet auf. Aber nein.

Zurück in der Arbeitswelt, kann ich nur noch Kopfschütteln. Und es wird mit jedem Jahr nur schlimmer... KiGa-Bashing, das neue Hobby vieler Eltern. Eine ganz neue Art des Mobbing ist geboren.

Als Erzieher ist es heutzutage kaum mehr möglich, sich auf die Bedürfnisse der Kinder zu konzentrieren, da einige Eltern ihre eigenen Bedürfnisse beim Personal an erster Stelle sehen.

Es ist nicht mehr möglich, überhaupt irgendetwas richtig zu machen, deshalb verbringt man gefühlte Stunden damit, sich morgens oder mittags vor Eltern im Flur zu rechtfertigen, warum dieses oder jenes so passiert ist.

So kommt zum Beispiel eine Mutter mit der Beschwerde, man habe ihr am Vortag nicht gesagt, dass ihr Kind im Flur beim Anziehen Streit angefangen habe. Sie möchte so etwas aber bitte dringend immer sofort mitgeteilt bekommen, denn schließlich möchte sie dann mit ihrem Kind darüber reden können, dass man so etwas nicht tut.

Ok... das ist jetzt zum Beispiel eine der Aufgaben, die ein Erzieher eigentlich hat: Hilfe bei der Konfliktlösung. Vielleicht habe das aber auch bloß ich falsch verstanden.

Jedenfalls wird bei dieser Beschwerde und gleichzeitigen Bitte anscheinend übersehen, dass wir nicht nur ein Kind betreuen. Und bei einer Gruppe von 20 Kindern würde es ziemlich viel Zeit in Anspruch nehmen, jeder Mutter beim Abholen einen Bericht darüber zu erstatten, wann ihr Kind sich gestritten hat. Denn sind wir mal ehrlich: Kinder streiten ständig!

Auch kommt es manchmal vor, dass ein Kind dabei ausholt, und dem andern Kind "eine scheppert". Natürlich greifen wir Erzieher dann ein (selten schaffen wir das, bevor es "klatsch" gemacht hat, wir sind Menschen, keine Fantasyfiguren mit Lichtgeschwindigkeit), erklären, dass man dem andern nicht weh tun darf und zeigen alternative Handlungsmöglichkeiten auf.

Wir überprüfen, ob sich der andere weh getan hat, reichen Kühlbeutel und Kügelchen.

Beim Abholen werden Eltern von "Täter" und "Opfer" informiert, damit sie Bescheid wissen, falls Ihre Kinder daheim davon erzählen. Passt, oder? Nein, passt nicht.

Drohungen und Beleidigungen gegen das Personal

Greift ein Kind noch zwei mal öfter darauf zurück, sich körperlich zu wehren oder zu äußern, gibt es schon nach kürzester Zeit die lautstarke Forderung von Eltern, dieses Kind dem Jugendamt zu melden.

Es wird von einer Gefahrenlage im Kindergarten gesprochen. Ja, es wird sogar der Kindergarten gewechselt. Weil das ja sonst nirgends vorkommt oder toleriert wird! Nur hier ist das so.

Dass es sich hierbei um Kinder handelt, die zwei Minuten nach ihrem Streit wieder miteinander spielen und keiner dabei verletzt wurde, vergessen die Eltern hierbei leider komplett.

Natürlich gibt es auch Kinder, die tatsächlich Bedürfnisse haben, die ihr derzeitiger Kindergarten nicht erfüllen kann. Je nachdem worum es dabei geht, und vor allem, wenn so viel "körperliches Verhalten" im Spiel ist, kann man den Eltern dann also höflich ans Herz legen, dass heilpädagogisch geschultes Personal ihrem Kind besser dabei helfen kann, seine Konflikte zu bewältigen.

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Dabei lässt man dann ganz bewusst weg, dass ihr Kind nicht aufgrund von Hochbegabung "unterfordert" ist, wie von den Eltern geschildert, sondern das Problem wo anders liegt.

Wenn's so einfach denn wäre... Nein.

"Was für ein unfähiges Personal kommt jetzt nicht mit meinem Kind zurecht? Dieser Kindergarten ist das Allerletzte! Andere müssen vor euch gewarnt werden!"

Wenn man dann als privater Kindergarten auch noch das Recht hat, den Betreuungsvertrag zu kündigen, weil man mit den Eltern zusammen im Gespräch nicht weiter kommt und sich angemessene Hilfe für das Kind wünscht (und andere Eltern berechtigterweise schon mit dem Jugendamt drohen) erreicht der Frust dieser Eltern ganz neue Dimensionen.

Drohungen, den Kindergarten bei der Familienministerin zu melden. Beim Landesjugendamt über das unfähige Personal informieren wollen.

Ja, solche Drohungen gehören mittlerweile zum Alltag eines Erziehers.

Mehr zum Thema: "Die Eltern werden dir die Hölle heiß machen" - das habe ich in 40 Jahren als Erzieherin gelernt

Erzieher sollen sich aber ganz selbstverständlich beißen lassen, wenn man versucht, das Kind zu beruhigen. Immerhin sind wir ja selber schuld, unfähig wie wir sind.

Organisierte Elternbanden

Man könnte jetzt sagen: Ok, vielleicht ist das ein Problem der privaten Einrichtungen. Aber nein! Die Kollegin aus dem Regelkindergarten erzählt, dass sie einen Papa im Garten neulich fragte, warum er mit seinem Handy Fotos der dort zum Spielen vorhandenen Fahrräder macht.

Sie wurde dann darüber aufgeklärt, dass sein Kind sich an einem Fahrrad in den Finger geschnitten hat. Drei Tage später kam ein Brief vom Rechtsanwalt der gegen den Kindergarten klagt, weil bei einem Fahrrad am Lenker der Gummigriff fehlte und sich das Kind dort verletzt habe.

Mehr zum Thema: Liebe Eltern: Hört auf, eure Kinder zu verweichlichten Menschen zu erziehen

Oder aber organisierte Elternbanden, die sich beim Bürgermeister beschweren, weil der Kindergarten sich pädagogisch begründet weigert, das Vorschulprogramm nach den Vorstellungen einzelner Eltern für alle zu erweitern.

Wenn ich also morgens aufstehe und mich für die Arbeit fertig mache denke ich mir nicht: Oh ja, heute backe ich Kuchen mit den Kids! Sondern: Mal sehen, was mich heute wieder davon abhält, Kuchen mit den Kids zu backen.

Die traurige Wahrheit ist: Die ganze Zeit, die wir damit verbringen, uns mit solchen Dingen herumzuschlagen, verbringen wir eben nicht bei den Kindern.

Aber liebe Eltern, was glaubt ihr denn, wem ihr hier eure Kinder anvertraut? Sind wir auf das viele Geld aus, dass man als Erzieher verdient? Bekommt man einen Erzieherabschluss durchs Beantworten von Multiple-Choice-Fragen im Internet?

Wir wollen für eure Kinder da sein

Erzieher sind Menschen, die es sich zum Beruf gemacht haben, für eure Kinder da zu sein. Wir wollen sie umsorgen, ihnen etwas beibringen und ihnen einen geborgenen Raum für ihre Entwicklung schaffen.

Die ganze Negativität, die tagtäglich über das "Nichts-recht-machen-können" in unseren Gruppenalltag eindringt, verstört Kinder und Personal.

Wir opfern unsere Freizeit, um Spielzeug für Eure Kinder zu basteln, um Feste vorzubereiten und um uns Beschäftigungen mit Lerneffekt auszudenken.

Die geopferte Freizeit wird aber mit jedem mal Drama etwas weniger. Denn ganz ehrlich: Wer hat schon Lust, sich unbezahlt Gedanken über die Arbeit zu machen, wenn man als Dank dafür schlecht gemacht wird und sich beleidigen lassen muss?

Liebe besagte Eltern, seht ihr nicht, dass ihr höchstpersönlich dafür sorgt, dass die Qualität schlechter und die Geduld weniger wird, die wir gerne für eure Kinder übrig hätten?

Jedem, der sich in diesen Beispielen mit ähnlichem Verhalten wiedererkennt, möchte ich sagen:
Ihr seid die Tyrannen, die ihren Anteil am Personalnotstand der Kindergärten haben.

Wer möchte schon freiwillig unter solchen Umständen arbeiten?!

Es gibt sie noch, die "normalen" Eltern

Abschließend möchte ich aber dringend betonen: Es gibt sie natürlich noch, die "normalen" Eltern!

Die Eltern, die wissen, dass ich morgens nicht aufstehe, um mir zu überlegen, wie ich sie ärgern kann oder ihr Kind negativ in seiner Entwicklung beeinflussen kann.

Die Eltern, die wissen, dass ich morgens aufstehe, weil ich ihre Kinder liebe, und nur das Beste für die mir anvertrauten kleinen Menschen will.

Die Eltern, die "Danke" sagen.

Die Eltern, die mir nicht sofort böse Absicht unterstellen, wenn tatsächlich mal ein Fehler passiert.

Die Eltern, die zu vernünftigen Gesprächen bereit sind, wenn es ein Problem gibt.
Bitte, liebe "normale" Eltern! Ihr müsst endlich lauter sein als die Dauer-Motzer und Drama-Verursacher! Damit wir weiterhin wissen, warum wir morgens aufstehen und nicht irgendwann resignieren.

* Der Name der Autorin wurde geändert, um ihren Job nicht zu gefährden und sie vor Drohungen und Beleidigung zu schützen.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

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