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Mythos Einhorn - Was steckt eigentlich dahinter?

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Sie sind bunt. Sie sind sĂŒĂŸ bis kitschig, sie sind nicht real- aber ĂŒberall. Einhörner.

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Wie haben es bloß diese Einhörner geschafft, zu solcher Prominenz und landesweiten Beliebtheit zu kommen? Das frage ich mich, spĂ€testens seit mich auf einem GrĂŒnder-Event der Einhorn-Sticker auf dem Klo darĂŒber informierte, dass Einhörner Regenbogen pupsen, die nach Sonnenschein riechen...

Deutschland (und die Welt?) hat der Einhorn-Trend erfasst: Egal ob Einhorn-Schokolade, Einhorn-Kaugummis, aufblasbare Einhörner fĂŒr den Pool, Einhorn-GewĂŒrze, Einhorn-HandyhĂŒllen, Einhorn-Einteiler fĂŒr Karneval oder Kondome: Das Fabelwesen ist einfach ĂŒberall. Aber warum? Was fasziniert die quasi-gesamte Menschheit an den Einhörnern? Und: Was haben die Einhörner eigentlich in der Startup-Welt verloren? All diesen lebenswichtigen Fragen der Trendforschung möchte ich auf den Grund gehen und habe mich auf Recherche in Bezug auf das Einhorn-PhĂ€nomen gemacht.

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Kleine Einhorn-Geschichte

Das geheimnisvolle Tier mit dem Horn auf der Stirn hat eine lange Tradition: Schon in der Antike taucht es in den Schriften von wichtigen Philosophen und Denkern wie Aristoteles auf. Schon damals galt es als das edelste und reinste aller Fabeltiere. Die erste detailgenaue Beschreibung des Einhorns soll auf die Zeit der Perserkönige Artaxerces II und Darios II. zurĂŒckgehen - ihr Leibarzt war es wohl, der circa 400 vor Christi zum ersten Mal das Einhorn skizzierte: Als ein Geschöpf „gleich dem Pferde (...), nur ein wenig grĂ¶ĂŸter, weiß am Körper und rötlich am Kopf. Die Augen leuchten blau und auf der Stirn hat es ein mĂ€chtiges, an der Spitze feuerfarbenes Horn." Genaure UmstĂ€nde dieses optischen Trugschlusses sind nicht bekannt.

Übersetzungsfehler mit Folgen

Seinen endgĂŒltigen Durchbruch verdankt das Einhorn allerdings kurioserweise einem Übersetzungsfehler - und dann noch ausgerechnet in der Bibel! Als der hebrĂ€ische Text des Alten Testaments im 3. Jahrhundert v. Chr. in das Griechische ĂŒbersetzt wurde, war immer wieder die Rede von einem mysteriösen Tier: Dem „Re'em". Die Übersetzer konnten sich nicht erklĂ€ren, was es genau war, ĂŒbersetzten es jedoch mit dem Wort „Monokeros" - auf deutsch: Einhorn. Warum? Vermutet wird, dass ihnen das Re'em von Bildern bekannt erschien: Da jedoch zu der Zeit hauptsĂ€chlich im Profil gemalt wurde, konnte man lediglich ein Horn auf der Stirn des Tieres erkennen. Obwohl es sich bei dem Wesen also vermutlich um einen (stink-)normalen Ochsen handelte und kaum dem anmutigen Einhorn glich, das wir heute im Kopf haben, so war doch der Mythos geboren. Seitdem findet sich das Einhorn in unzĂ€hligen Geschichten und MĂ€rchen wieder - und bewegt die menschliche Fantasie.

Einhorn-Power

Was genau ist es nun, was die Faszination des Einhorns ausĂŒbt? Und warum erlebt es gerade jetzt seine Renaissance? Trendforscher Peter Wippermann erklĂ€rt in einem Interview mit der Rheinischen Post, das Einhorn sei ein altes mythologisches Symbol, welches aufgrund seines Anmuts und Eleganz von Epoche zu Epoche, von Generation zu Generation, weitergelebt habe. Das Einhorn gelte seit jeher als TrĂ€ger des Guten und Ausdruck fĂŒr Freiheit. Auch habe es einen besonderen Stellenwert, da in alten Überlieferungen immer von seinen heilenden, sogar Wunder wirkenden KrĂ€ften die Rede ist. Wippermann zu urteilen, taucht daher das Einhorn vor allem auf, wenn die politische und gesellschaftliche Situation im Land oder der Welt unruhig ist. Unterbewusst erfreuen wir uns also an den bunten Fabelwesen, da es eine ĂŒbergeordnete, religionsgleiche Hoffnung stiftet: Das Einhorn versprĂŒht Optimismus und ein GefĂŒhl von UnbekĂŒmmertheit - es reitet auf Regenbogen, lĂ€sst sich nicht einfangen und schwebt fröhlich ĂŒber unseren weltlichen Problemen...

"Always be a unicorn..."

Gerade wegen seiner positiven Energie erfreut sich das Einhorn nun vor allem im Netz, aber auch in der Welt der KonsumgĂŒter grĂ¶ĂŸter Beliebtheit. 2015 sprang das erste Startup auf den Einhorn-Zug auf und machte sogar Einhorn-Poop zum viralen Hit: In dem Video der Firma Squatty Potty, das damit ihr ungewöhnliches Toilette-Accessoire (einen Toiletten-Fußschemel) zu vermarkten suchte, ist ein Einhorn zu sehen, dessen Klogang zu einem regenbogenfarbenen Resultat fĂŒhrt. Titel der Kampagne: „The unicorn changed the way I poop".

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Die Anzahl der Youtube-Klicks bis heute: Unglaubliche 30 Millionen! So schaffte es das Tier, selbst durchaus schwierig zu kommunizierenden Themen und Produkte erfolgreich zu verniedlichen. SpĂ€testens seit diesem kommerziellen Durchbruch taucht das Pferd mit dem Horn auf dem Kopf ĂŒberall auf: Ob als Comiczeichnung in KinderbĂŒchern, kitschigen SchlĂŒsselanhĂ€nger aus China oder als PlĂŒschtier, wie das goldige Pummeleinhorn, welches ein deutschlandweiter Überraschungsrenner wurde. Das Einhorn ist Lifecoach ("Always be yourself. Unless you can be a unicorn. Then always be a unicorn!") oder Haustierersatz.

"Quadratisch.Magisch.Gut."

NatĂŒrlich gibt es inzwischen auch schon einen „Tag des Einhorn" - er wird am 01. November zelebriert. Praktisch fĂŒr die Unternehmen, die so trickreich waren, sich diesen zu eigen zu machen. So hat unter anderem Rittersport den Einhorn-Trend frĂŒh erkannt und launchte in einem gekonnten Marketing-Coup an eben jenem ersten Novembertag ihre Einhorn-Schoki: "Quadratisch.Magisch.Gut." Ohne viel magisches Zutun schlug das Produkt ein wie eine Bombe: Die 150.000 Tafeln waren innerhalb kĂŒrzester Zeit ausverkauft. Hier konnte man einmal mehr eindrucksvoll sehen, welche Stahlkraft die sozialen Netzwerke ausĂŒben: Ohne ĂŒberhaupt Werbung dafĂŒr zu betreiben, ging die Einhorn-Rittersport viral und wurde zum Verkaufshit. Es beflĂŒgelte zudem noch einmal alles, was irgendwie Einhorn war oder mit Einhorn zu tun hatte. Google verzeichnete ein erhöhtes Suchaufkommen, die LĂ€den bestellten Einhorn-Artikel in allen Formen, Farben und Varianten nach. Instagram und Snapchat sind seither voll von Hipster-Einhörnchen: Das Fabeltier weiß einfach sehr genau, wie Selbstmarketing funktioniert und verbindet in perfekter Harmonie die Online und Offline-Welt des freudigen Einhorn-Konsums.

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Die Startup-Unicorns

Interessanterweise ist das Einhorn auch aus der Startup-Welt nicht mehr wegzudenken. Allerdings geht die Geschichte des Einhorns hier noch tiefer als Übersetzungsfehler und reine Produktfreuden in Regenbogen-Farben: Es reprĂ€sentiert den Überflug schlechthin.
Die US-Venture Capital Investorin Aileen Lee benutzte erstmals den Terminus, um Startups zu beschreiben, das einen Wert von ĂŒber 1 Milliarde Dollar haben. Um die RaritĂ€t und vielleicht auch das Geheimnisvolle dieser Bewertung zu unterstreichen, nannte sie diese Unternehmen "Unicorns". Der bildhafte Unicorn-Begriff wurde von den Medien schnell aufgegriffen und das Einhorn wurde zum modernen Mythos der GrĂŒnderszene: Wer gehört aktuell zu der Riege der Einhörner? Wer hat das Zeug das nĂ€chste Einhorn zu werden? Diese Fragen diskutieren die digitalen Denker und Macher. Weltweit gibt es derzeit nach neusten Studien 177 Unternehmen, die als Einhörner gehandelt werden* , mit einem Gesamtwert von rund 644 Milliarden Dollar. Davon befinden sich 96 in den USA - unter ihnen Erfolgsgeschichten wie Snapchat, SpaceX oder AirBnB. Dahinter folgt weit abgeschlagen China mit 37 Einhörnern wie zum Beispiel der chinesischen Uber-Version Didi-Chuxing und Indien mit 7. In Deutschland sind es laut Statista derzeit vier - Delivery Hero, HelloFresh, CureVag und die Auto1Group. Vielleicht ist es also auch eine Silicon-Valley-Ă€hnliche Sehnsucht nach GrĂ¶ĂŸe und Einzigartigkeit, die den Einhorn-Trend hierzulande befeuert hat. Warum Einhorn zu sein nicht nur Segen, sondern auch Fluch sein kann, ist erkennbar am Beispiel des deutschen Rocket-Unternehmens Home24. Dies galt zunĂ€chst durch seine 980 Millionen Bewertung als auf dem besten Weg zum neuen Mitglied im Einhörner-Klub zu werden. In der darauffolgenden Finanzierungsrunde jedoch sank sein Wert jedoch auf 500 Millionen Dollar. „Das halbierte Fast-Einhorn" titelte Deutsche Startups pointiert.

Wie sich die Einhornzene hierzulande entwickelt, wird spannend zu beobachten sein: Nur die Zeit wird zeigen, wer sich langfristig in der Championsleague der Startups hÀlt und ob der Einhorn-Hype, so unbeschwert und ungreifbar wie die Einhörner selbst, nicht vielleicht bald wieder verfliegt....

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