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Ich dachte, wir wären Freunde - dann hast du dein wahres Gesicht gezeigt

27/11/2017 18:00 CET | Aktualisiert 28/11/2017 13:08 CET

Wir haben uns alles erzählt. Wir haben nächtelang Wein getrunken und zusammen gelacht. Auf einem Festival zur Musik unserer Lieblingsband getanzt. Einen Großteil meiner Freizeit habe ich mit dir verbracht. Wir waren Freunde.

Dachte ich zumindest.

Ich dachte auch, dass Freunde immer füreinander da sind. Das sagt man doch so.

Oben im Video: Nachdem Jaimie dieses Foto gepostet hatte, brachen Freunde und Familie den Kontakt zu ihm ab

Doch du warst nie für mich da. Leider habe ich das viel zu spät bemerkt.

Ich dachte auch, dass ich eine gute Menschenkenntnis habe. Dass ich erkenne, wenn mich andere nur ausnutzen. Bei dir habe ich das nicht gemerkt. Wahrscheinlich durchschaut dich niemand auf Anhieb. Das rede ich mir jedenfalls ein.

Du warst neu im Studiengang, hattest noch keinen Anschluss gefunden. Im Gegensatz zu mir. Ich hatte Freunde, musste nie alleine in die Mensa gehen, wusste, mit wem ich reden kann und mit wem nicht.

Du hast mir leid getan, weil du - obwohl du ein so lauter und offener Mensch bist - immer irgendwie fehl am Platz gewirkt hast. Dass das am Ende des Tages nur deine - und wirklich nur deine - Schuld war, habe ich damals noch nicht bemerkt.

Jeden Tag hatte ich ein Stückchen mehr Mitleid mit dir. Immerhin soll unser Dozent über dich gelacht haben. Das hast du jedenfalls immer wieder behauptet. Du hast mir auch erzählt, wie schrecklich du die Kommilitonen findest. Dass du viel mehr könntest als sie. Aber der Dozent das einfach nicht sehen würde.

Mehr zum Thema: An die Freunde, die uns lieben - auch wenn wir nicht jeden Tag mit ihnen sprechen

Du musst einfach immer im Mittelpunkt stehen

Du hast an niemandem ein gutes Haar gelassen. Damals habe ich dir die Geschichten noch geglaubt. Versucht, dir zu helfen, dir Tipps zu geben. Dir angeboten, dass ich mit dem Dozenten spreche. Aber das wolltest du nicht. Verständlich. Dann wäre ja rausgekommen, dass du lügst. Wie du es immer machst.

Weil du einfach eine chronische Lügnerin bist.

Und die Aufmerksamkeit brauchst. Kaum erzählte einer unserer Kommilitonen eine Geschichte, konnte ich mir sicher sein: Dir ist sowas auch schonmal passiert. Nur bei dir war es krasser. Bäm. Deine Geschichten waren immer schlimmer und dramatischer als die der anderen. Du hattest viel mehr Mitleid verdient als die anderen. Zumindest denkst du das.

Und ich? Ich war jedes Mal von deinen Erzählungen schockiert. Wollte für dich da sein. Ich dachte wirklich, du seist ein Opfer. Mittlerweile haben mich schon andere vor dir gewarnt. Gehört habe ich auf niemanden.

Wie ich mich fühle, war dir egal

Bis ich irgendwann deine Hilfe gebraucht habe. Da hast du dein wahres Gesicht gezeigt.

Ich habe dich zu mir nach Hause eingeladen, wir haben uns zu dem Zeitpunkt schon fast ein Jahr gekannt. Du warst schon öfter bei mir. Doch an diesem Abend ist alles aus dem Ruder gelaufen und ich fühle mich noch heute schrecklich, wenn ich darüber nachdenke.

Nachdem wir eine halbe Flasche Rotwein getrunken hatten, habe ich dir mein Problem erzählt. Ich habe dich um einen Rat gebeten. Das Thema lag mir am Herzen. Du hast mich eine Minute lang angeschaut und dann gesagt: "Am besten sprichst du da mit deiner besten Freundin darüber. Ach übrigens, habe ich dir schon erzählt, dass ich wen kennengelernt habe?"

Du hast mich einfach so vor den Kopf gestoßen. Dass ich die halbe Nacht nicht schlafen konnte, hast du nicht mitbekommen. Dass ich mir zum ersten Mal die Frage gestellt habe, ob alle anderen recht hatten und nicht du, auch nicht.

Du hast auch nichts davon mitbekommen, wie doof ich mir in jenem Moment vorkam. Wie ich auch da noch versucht habe, mir die Situation schön zu reden. Wie ich glauben wollte, dass du vielleicht einfach nur einen schlechten Tag hattest. Fast hätte ich es geglaubt.

Dann kam der nächste Morgen.

Der Morgen, an dem mich andere Menschen plötzlich auf mein Problem ansprachen. Das Problem, von dem ich nur dir erzählt hatte.

Dann habe ich gemerkt, wem ich wirklich etwas bedeute

Da konnte ich es nicht mehr leugnen: Du bist keine Freundin. Und das warst du auch nie. Denn du bist nur an dir selbst interessiert. Kapiert hast du das bis heute nicht.

Ich zum Glück schon.

Und ich habe auch gemerkt, wem ich wirklich etwas bedeute. Den Menschen, denen ich nicht glauben wollte. Vor denen ich dich immer und immer wieder in Schutz genommen habe. Den Menschen, die mir den Fehltritt verziehen haben. Und die wirklich nur mein Bestes wollen und mich bei Problemen nicht im Stich lassen.

Diese Menschen sind meine Freunde. Du nicht.

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